Von Michael Horeni
31. Januar 2008 Nach den Winterferien war ich sehr gespannt, ob ich im neuen Jahr in meinem Fitness-Klub viele neue Gesichter mit guten Vorsätzen entdecken würde. Tatsächlich waren auch ein paar neue Leute dazugekommen, von denen man auf den ersten Blick leicht auf den Gedanken kommen konnte, sie hätten sich fest vorgenommen, 2008 endlich etwas für ihren Körper zu tun. Meine Sympathie war ihnen gewiss.
Sie gaben mir das gute Gefühl, nach einem halben Jahr nicht mehr zur Kategorie der Neulinge in der Fitness-Gesellschaft zu zählen. Wir, die schon etwas länger dabei sind, grüßen uns mittlerweile, wenn auch nur flüchtig. Eine richtige Unterhaltung habe ich jedenfalls noch nicht geführt, obwohl es in dem Klub eine kleine Bar gibt, an der so leckere Sachen wie stilles Mineralwasser oder Vanille-Protein-Shakes ausgeschenkt werden. Man kann aber auch zu Äpfeln und Bananen greifen. Da bleibt natürlich niemand lange.
Wir wollen gar nicht reden
Ich glaube, wir Fitness-Individualisten wollen auch gar nicht reden. Zumindest nicht im Fitness-Klub. Die Sprachlosigkeit lässt sich dabei grob in zwei Intervalle unterteilen: während des Trainings und nach dem Training. Unterhaltungen während des Trainings gibt es eigentlich fast nur zwischen Personal-Trainern und Kunden, dafür bezahlt man ja auch ganz ordentlich.
Bei den anderen, die für sich alleine trainieren, drängt sich mitunter der Eindruck auf, dass sie mit ihren Gedanken schon beim Job oder bei dem nächsten Geschäft sind, während sich ihre Beine noch auf dem Laufband bewegen und die Arme gegen Gewichte kämpfen. Mir geht das manchmal auch so, dass ich auf dem Laufband schon durchgehe, was danach noch alles zu erledigen ist. Laufen, in Gedanken Listen erstellen und dazu noch nett plaudern, das ist natürlich auch ein bisschen viel verlangt; für Männer zumal.
Je tiefer der Dax, desto höher der Puls
Nach meiner mehrwöchigen Weihnachts- und Urlaubspause wollte ich auch nur trainieren, nicht sprechen. Ich war wieder sehr motiviert, um mich meinem Ziel, bei der Fußball-Europameisterschaft im Sommer in Bestform zu sein, zu nähern. Ich nahm mir vor, mich ganz auf den Moment des Trainings und meinen Körper zu konzentrieren, nicht auf Listen im Kopf und die Leute neben mir.
Als ich Anfang der Woche jedoch wieder in den Klub kam, war ich ziemlich überrascht: Dort, wo die Hanteln und freien Gewichte liegen, war diesmal fast niemand. Auch der Extraraum, in dem sich ziemlich ungestört Gymnastik und die Aufwärmarbeit machen lassen, war verwaist. Männer waren überhaupt nicht zu sehen. Die befanden sich alle auf den Laufbändern oder den Fahrrädern, die so positioniert sind, dass man dabei Fernsehen schauen kann. Da man den Ton nur über Kopfhörer mitbekommt, dauerte es ein wenig, bis ich endlich verstand, was vor sich ging: Kurssturz an der Börse!
Training kam wieder vor Trading
Es war interessant zu sehen, wie im Fitness-Studio auf den Laufbändern auf einmal wortlos geschwitzt wurde und man nicht genau wusste, ob das nun am Laufband oder an den fallenden Kursen lag. Ich suchte mir auch eilig einen freien Platz, und je tiefer der Dax sank, desto höher schlug mir die Pulsuhr.
Aber das lag bestimmt am Trainingsrückstand über die Feiertage. Als sich die Börse wieder erholte, war auch der Run auf die besten Fernsehplätze schon wieder vorbei. Training kam wieder vor Trading. In meinen Fitness-Klub ist wieder Ruhe eingekehrt.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.01.2008, Nr. 4 / Seite 18
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