Von Rainer Seele
03. März 2008 Vielleicht rauchen in Aigle ja doch die Köpfe. Vielleicht werden in dem Schweizer Örtchen im Stillen Pläne geschmiedet zur Rettung des Radsports. Vielleicht verblüfft der Internationale Radsportverband (UCI) die Öffentlichkeit demnächst mit einer Demonstration der Stärke. Und mit einem Konzept, das die zerstrittenen Parteien im Radsport einander wieder näherbringt. Das wäre dringend erforderlich wenige Tage vor der Fahrt in die Sonne, vor dem traditionellen Rennen Paris–Nizza.
Aber es wäre eine große Überraschung, käme aus der Zentrale der UCI tatsächlich noch ein ernstzunehmender Vorschlag, wie die ausufernden Grabenkämpfe im Radsport gestoppt werden könnten. Bisher sind die UCI und ihr irischer Präsident Pat McQuaid lediglich durch ihr Poltern aufgefallen. Sie haben damit den Zwist, der den Saisonbeginn überschattet, nur weiter verschärft. Und sie erweckten nicht den Eindruck, der schwierigen Situation bald Herr werden zu können.
Die UCI hat an der aktuellen Misere maßgeblichen Anteil
Der Radsport, durch die Doping-Skandale in jüngerer Vergangenheit ohnehin schwer belastet, gibt im März 2008 ein unübersichtliches Bild ab. Die UCI hat an dieser Misere maßgeblichen Anteil. Ihre Drohgebärden, die sich gegen die Profiteams richten und gegen die mächtige Amaury Sport Organisation (ASO), wirken lächerlich.
Die Rennställe, die wie mittelständische Unternehmen wirtschaften, antworteten bereits entsprechend: Sie wollen sich von einem Start bei Paris–Nizza nicht abbringen lassen – ungeachtet der Ankündigung der UCI, Profis, die sich ihrem Willen nicht beugen, zu sperren. Die ASO richtet nicht nur Paris–Nizza aus, sie zeichnet auch für Klassiker wie Paris–Roubaix verantwortlich – und für das größte Spektakel des Radsports, die Tour de France.
Würde eine Abspaltung wirklich weiterhelfen?
Die ASO liegt mit der UCI seit der Einführung der ProTour im Clinch. Sie sah – wie die Macher von Giro in Italien und Vuelta in Spanien – in dieser Rennserie die eigenen Interessen nicht ausreichend berücksichtigt. In dieser Saison kam es – Folge nicht zuletzt des heftigen Konflikts zwischen ASO und UCI bei der Tour 2007 – zum Bruch: Die UCI nahm alle ASO-Rennen sowie Giro und Vuelta nicht mehr in den ProTour-Kalender auf. Deren Bedeutung jedoch schmälert dies kaum; das ProTour-Siegel ist für Monumente wie die Tour grundsätzlich verzichtbar.
Wie die ASO ihre Rolle in der Welt des Radsports sieht, dokumentierte sich jüngst auch im Tour-Ausschluss des Teams Astana, dessen vermeintlicher Neuanfang nach mehreren Doping-Affären von der UCI unterstützt wird. Die Amaury Sport Organisation wäre wohl imstande, sich von der UCI ganz abzuspalten – und im Radsport endgültig eigene Wege zu gehen. Ob der Branche damit aber wirklich gedient wäre? Sie brauchte, um ihre Zukunft zu sichern, mehrere tragende Säulen. Mit einem Dachverband, der seiner Führungsrolle auch gerecht wird.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP