09. November 2009 Professionelle Segler sind wahre Wandervögel. Weil es in der Branche an festen Arbeitsverhältnissen mangelt, hangeln sich die meisten notgedrungen von Projekt zu Projekt. Um seine Familie zu ernähren, heuert Mathias Paschen während der Saison mal bei einem deutschen oder arabischen Eigner an und segelt zeitweise unter ukrainischer Flagge. Das ist schon ein ziemlich unstetes Leben, sagt der 37 Jahre alte Hamburger. Der seit Herbst 2007 durch einen ausufernden Streit zweier Milliardäre blockierte America's Cup und die Auswirkungen der Rezession auf nicht mehr ganz so flüssige Patrone haben die Planungssicherheit für das segelnde Personal noch verschlechtert. Dies soll sich bald ändern.
An der Côte d'Azur haben sich in diesen Tagen die dunklen Wolken vorerst verzogen. Die Sonne strahlt, der stramme Mistralwind sorgt für blauen Himmel - und ein Gefühl der Hoffnung macht sich breit. Es wird wieder gesegelt. Acht stark besetzte Crews werden sich zwei Wochen bei der Louis Vuitton Trophy vor Nizza im Matchrace messen. Die in wenigen Monaten aus der Taufe gehobene Regattaserie soll helfen, die Krise der Branche zu überwinden. Das neue Format ist ein Gegenentwurf zum geldverschlingenden, derzeit skandalumwitterten America's Cup.

Für eine Handvoll deutsche Segler bietet sich in der Bucht von Nizza eine besondere Chance. Nachdem sich vor einigen Wochen durch aktive Mithilfe des dreimaligen Olympiasiegers Jochen Schümann ein deutsch-französischer Rennstall gegründet hat, kommt es für die neu zusammengestellte Crew zur ersten Bewährungsprobe auf dem Wasser. Erster Gegner war am Sonntag das schwedische Team Artemis mit dem bekannten amerikanischen Skipper Paul Cayard an Deck - und Schürmanns Mannschaft verlor zum Auftakt das Duell.
Wir müssen jetzt ganz stur und fleißig unsere Ziele verfolgen
In Anlehnung an das Motto der drei Musketiere hat sich die deutsch-französische Segelcrew den Namen All4One gegeben. Neben Schümann in der Rolle des Teamchefs und Skippers sind die Deutschen Mathias Paschen und der Kieler Michael Müller (zuletzt beim Ocean Race aktiv) dabei. Toni Kolb fehlt noch wegen einer Rückenverletzung. Gelenkt wird das Boot vom jungen französischen Steuermann Sébastien Col. Mit dem Neuseeländer John Cutler und dem Franzosen Albert Jacobsoone hat der America's-Cup-Gewinner Schümann zwei weitere erfahrene Fahrensmänner an seiner Seite. Wir müssen jetzt ganz stur und fleißig unsere Ziele verfolgen, sagt Schümann.
Die Koproduktion setzt nicht wie viele andere im Segeln auf teure Legionäre, sondern sieht sich zuerst einmal als Ausbildungsbetrieb für motivierte Talente. Mit ihnen will All4One wachsen, um dann im nächsten Schritt an die Spitze zu segeln. Das Team plant, sich irgendwann auch gegen Supersyndikate wie die der Milliardäre Ernesto Bertarelli (Alinghi) und Larry Ellison (BMW Oracle Racing) oder das derzeit noch unbezwingbar erscheinende Team New Zealand durchsetzen zu können.
Am Ende wollen wir Gewinner sein, sagt Schümanns Mitstreiter Stéphane Kandler. Der 39-Jährige trägt die Verantwortung für den geschäftlichen Erfolg dieser Segelallianz. Er brachte beim vergangenen America's Cup vor Valencia mit K-Challenge schon ein Boot an den Start und verfügt über gute Verbindungen in die französische Wirtschaft.
Die Kosten des Wettbewerbs wurden drastisch gesenkt
Die Louis Vuitton Trophy ist auch für All4One eine wichtige Starthilfe. Gesichert sind in den nächsten zwei Jahren Regattatermine rund um die Welt, dies gefällt den Sponsoren und Budgetplanern. Die beteiligten Segelteams haben eine eigene Vereinigung gegründet, um die gemeinsamen Interessen voranzutreiben. Die Mitgliedsbeiträge der Syndikate, die Zuwendungen des Hauptsponsors sowie der Ausrichterstädte haben bislang 20 Millionen Euro eingespielt, womit die Serie finanziert sein soll.
Auf der anderen Seite ist es gelungen, die Kosten des Wettbewerbs drastisch zu senken. Eigene Yachten und Segeltechnik müssen die Teams diesmal nicht mitbringen, vier komplette Boote werden bei der Regatta gestellt und in den Rennen abwechselnd gesegelt. Das hat einen schönen Nebeneffekt: Die Leistungen der Bordcrews rücken mehr in den Mittelpunkt.
Die neue Serie kännte schon bald in Gefahr geraten
Nur Alinghi will nicht mitmachen. Der mächtige Titelträger aus der Schweiz sieht die neue Regattaserie als Angriff auf den America's Cup. Zudem hat sich Bertarelli mit den Verantwortlichen bei Louis Vuitton überworfen. Die Luxusmarke kündigte nach zwei Jahrzehnten die enge Verbindung als Werbepartner auf, nachdem zuletzt in Valencia etwa 40 Millionen investiert worden waren.
Einige fürchten, Bertarelli könnte bei passender Gelegenheit zum Gegenschlag ausholen. Gewönne er demnächst auf dem Wasser gegen seinen Widersacher Larry Ellison, könnte er einen Passus in das Reglement aufnehmen, wonach nur Teams am America's Cup teilnehmen dürften, die nicht bei der Louis Vuitton Trophy starteten. Die neue Serie wäre in Gefahr. Doch mit solchen Schreckensszenarien will sich im frühlingshaft anmutenden Nizza niemand beschäftigen.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP