Schwimmen

Pietsch will sich nur naß machen und schwimmt Weltrekord

Von Gerd Schneider, Berlin

Schnellste der Welt: Janine Pietsch

Schnellste der Welt: Janine Pietsch

27. Mai 2005 Das Schwimmbad im Berliner Europa-Sportpark hat schon manchen elektrisierenden Moment erlebt. Doch was sich am Mittwoch nachmittag dort abspielte, war auch für Berlin ein Novum. Vor drei Jahren war es Franziska van Almsick gewesen, die in der unterirdischen Arena ihr Comeback mit einem Weltrekord über 200 Meter Freistil krönte; dieses Mal gehörte ihrer Freundin und früheren Vereinskollegin Janine Pietsch die Hauptrolle.

Die Zweiundzwanzigjährige hatte bei den deutschen Meisterschaften nach einem rasanten Rennen über 50 Meter Rücken als erste angeschlagen vor Antje Buschschulte. Doch als sie nach oben auf die Anzeigentafel blickte, stand dort nur der Name von Antje Buschschulte. Was war da los?

„Sie haben soeben einen Weltrekord gesehen“

Sie pflügte sich durch das Wasser

Sie pflügte sich durch das Wasser

Minute um Minute verging, ohne daß etwas passierte. An den aufgeregten Reaktionen auf den Trainerplätzen konnte man aber schon ablesen, daß sich etwas Besonderes zugetragen hatte. Schließlich beendete der Hallensprecher die Ungewißheit mit den Worten: „Meine Damen und Herren, Sie haben soeben einen Weltrekord gesehen.“ Einen Weltrekord? Janine Pietsch? Das war in der Tat etwas Unerhörtes. Auch sie selbst, das sah man ihr an, fand ihre Zeit von 28,19 Sekunden unbegreiflich. „Ich bin sprachlos“, sagte sie.

Janine Pietsch, die ein paar Jahre nach der Wende mit ihrer Familie nach Ingolstadt zog, hatte niemand auf der Rechnung gehabt. Ihr Name ist in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt; innerhalb der Szene galt sie dagegen seit langem als hochbegabte Schwimmerin. Schon nach ihrem Meistertitel über 100 Meter Rücken vor einem Jahr hatten viele bei den Olympischen Spielen in Athen ihren internationalen Durchbruch erwartet. Doch dort gab es für sie ein Desaster, sie schied schon in den Vorläufen aus.

Rätselhaftes Hoch und Runter

Genauso rätselhaft, wie sie und andere Athleten des Deutschen Schwimm-Verbandes in Athen einen Einbruch erlebten, scheint nun ihr Weltrekord. Denn Janine Pietsch, mit ihrer Größe von 1,88 Metern und den blonden Haaren eine auffallende Erscheinung, hatte vor den Meisterschaften wochenlang unter einem schweren grippalen Infekt gelitten. Sie konnte kaum trainieren und hielt sich mit Trockenübungen im Fitneß-Studio über Wasser. Innerlich, sagte sie, habe sie die WM in Montreal abgeschrieben gehabt: „Ich bin da mal reingesprungen, um mich naß zu machen.“

Der Zufalls-Weltrekord, der aus heiterem Himmel über die Meisterschaften hereinbrach, kam für den Schwimm-Verband zur rechten Zeit. Denn der Spannungsbogen dieser auf sechs Tage aufgeblähten Wettkämpfe war zuvor bedenklich abgeflacht. Das lag nicht nur daran, daß sich das deutsche Schwimmen in einem zyklischen Umbruch befindet und neue Figuren sucht.

Wenig Strahlkraft

Auch das Leistungsniveau in vielen Disziplinen, vor allem bei den Männern, hatte etwas Ernüchterndes. Selbst die durchaus ermutigenden Auftritte junger Schwimmer wie Marco di Carli (Sögel), Helge Meeuw (Wiesbaden), Paul Biedermann (Halle), Teresa Rohmann oder Daniela Götz (beide Erlangen), in Berlin allesamt mit Titeln dekoriert, verlieren im internationalen Vergleich an Strahlkraft.

Sie konnte die Zeit zunächst kaum glauben...

Sie konnte die Zeit zunächst kaum glauben...

Noch ist ungewiß, ob sie sich auch auf der ganz großen Bühne durchsetzen können. Doch noch muß der DSV sich nicht allein auf die Jugend verlassen. Gerade am Mittwoch, dem Tag von Janine Pietschs Weltrekord, setzten in den anderen nichtolympischen Sprintdisziplinen mit Thomas Rupprath und Mark Warnecke zwei aus der alten Garde Maßstäbe. Der 28 Jahre alte Rupprath, nach seinen Niederlagen gegen junge Athleten über 100 Meter Rücken und Schmetterling schwer angeschlagen, verbesserte über 50 Meter Schmetterling seinen eigenen deutschen Rekord auf 23,59 Sekunden.

Unerwartete Leistungsexplosion

Ebenso wie Mark Warnecke über 50 Meter Brust, dessen Zeit (27,44) international noch höher einzuschätzen ist. Der 35 Jahre alte Arzt, rank und schlank wie zu seinen besten Zeiten, will im Juli in Montreal noch einmal nach den Sternen greifen. 28 bis 30 Schwimmer wird der DSV zu den Weltmeisterschaften in Kanada, der ersten Etappe auf dem langen Marsch nach Peking, mitnehmen. Darunter werden auch einige Athleten sein, die an der Zeitnorm gescheitert sind. In diesen Fällen, so Sportdirektor Ralf Beckmann, komme das Kriterium „Verbandsinteresse“ zum Tragen.

...umso gelöster war später der Jubel!

...umso gelöster war später der Jubel!

Janine Pietsch wird in Montreal auch auf der bedeutenderen 100-Meter-Disziplin starten, wiewohl sie in Berlin auf diese Strecke wegen des Trainingsausfalls verzichten mußte. Sie und ihr Vater Steffen Pietsch, der auch ihr Trainer ist, wollen nun die Ursachen für ihre unerwartete Leistungsexplosion herausfinden. Nach ihrer Krankheit, sagte Janine Pietsch, habe sie in der unmittelbaren Phase vor den Meisterschaften nur sporadisch und ganz leicht trainieren können und sei damit, erstmals in ihrer Karriere, völlig ausgeruht an den Start gegangen. Wenn das ein Zufall ist.ss

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Mai 2005
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

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