Tommy Haas

Der Tennis-Hamlet

Von Thomas Klemm, New York

„Es war frustrierend“

„Es war frustrierend“

30. August 2008 In einer kleinen, unterkühlten Kammer mit unverputzten Wänden kommt man leicht auf krude Gedanken. Kein Fenster bietet einen unverstellten Blick ins Freie und in die Ferne, stattdessen lassen Neonröhren alle Dinge in einem fremden Licht erscheinen. In solch einer unwirtlichen Umgebung über die eigene Zukunft zu sinnieren ist eine heikle Sache, vor allem, wenn man gerade einen herben Rückschlag hat hinnehmen müssen wie Thomas Haas.

Tennisprofi sein oder nicht sein, das war die Frage, die Haas quälte und ihn wie Shakespeares Hamlet erscheinen ließ. Schon nach seiner dritten Schulteroperation habe er sich zu Jahresbeginn mit dem Gedanken vertraut gemacht, wie ein Leben ohne die Tennistour aussehen könnte. „In den nächsten ein, zwei Wochen werde ich überlegen“, sagte der Deutsche. „Ich liebe diesen Sport, aber es gibt noch ein paar Sachen, die ich machen möchte im Leben.“

„So schnell kann's gehen“

„Das ist ein Drecksgefühl“: Fünf-Satz-Niederlage gegen den Luxemburger Qualifikanten Gilles Muller (l.)

„Das ist ein Drecksgefühl“: Fünf-Satz-Niederlage gegen den Luxemburger Qualifikanten Gilles Muller (l.)

In den kalten Katakomben des Arthur Ashe Stadiums, das der Deutsche in diesem Jahr nur bei Pressekonferenzen von innen sah, versuchte Thomas Haas am Freitag eine Zweitrundenniederlage zu verarbeiten, die nicht nur ihm so unnötig wie unfassbar erschien. „So schnell kann’s gehen“, sagte der Gescheiterte lakonisch. „Das ist ein Drecksgefühl.“ So schnell kann’s gehen: Nach der 6:2-, 6:2-, 6:7-(5:7-), 3:6-, 3:6-Niederlage gegen den Luxemburger Qualifikanten Gilles Muller war Thomas Haas bei den US Open so früh ausgeschieden wie seit acht Jahren nicht mehr.

Ausgerechnet bei seinem Lieblingsturnier, außerdem als Letzter von den neun deutschen Herren, die im Hauptfeld standen. „Nach so einer Niederlage gibt es zwei Wege: Sie kann mich noch einmal pushen oder ich frage mich, wie lange ich das noch mitmachen will“, sagte Haas, der sich nach der Niederlage unentschieden gab.

Sechswöchige Pause als Einstieg in den Ausstieg?

Dreißig Jahre alt ist der Hamburger mittlerweile, und auch wenn er selten einer Meinung ist mit Boris Becker – die Behauptung des Altstars, Profijahre seien „wie Hundejahre“, würde Haas aus Erfahrung zustimmen. Vor allem an der rechten Schulter spürt er den Verschleiß, neuerdings auch im Ellenbogen. Weil der Schmerz bis ins Handgelenk hinunterzieht, ließ er vor seinem Auftaktspiel Klaus Eder aus Donaustauf nach New York einfliegen. Es half alles nichts. Während des Matches gegen Muller begann der rechte Schlagarm wieder zu schmerzen; die Behandlung des Physiotherapeuten und Tabletten verschafften immerhin Linderung. Nur gegen seine Frustration fand Haas kein Mittel. Lange, zu lange haderte er damit, dass sich Schieds- und Linienrichter einmal zu seinen Ungunsten entschieden hatten: beim Stand von 4:4 im Tiebreak. „Es war frustrierend“, sagte der 39. der Weltrangliste nach der Niederlage gegen den Linkshänder aus Luxemburg, der 91 Plätze hinter ihm eingestuft ist.

Nicht nur das zweite Fünfsatzmatch binnen drei Tagen konnte Haas nicht gut wegstecken, sondern auch seine mäßige Saison, in die er als Folge seiner Schulteroperation mit Trainingsrückstand startete. Ob er im Herbst weitere Turniere spielt, wusste der Hamburger noch nicht zu sagen. Wird die geplante sechswöchige Pause womöglich zum Einstieg in den Ausstieg? Der Gedanke daran, sagt Thomas Haas, bereite ihm „ein komisches Gefühl“: „Aber man muss der Realität ins Auge schauen.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa

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