Von Wolfgang Scheffler, London
04. Juli 2008 Venus gegen Serena Williams, die dritte: Die Damenkonkurrenz von Wimbledon, die an diesem Samstag mit dem erwarteten Finale zwischen der Titelverteidigerin Venus und ihrer Schwester Serena Williams zu Ende geht, erlebt nicht nur nach 2002 und 2003 den dritten Sister Act“ auf dem Rasen in London. Sie erlebt auch eine weitere Auflage der Anschuldigungen, in den sportlichen Auseinandersetzungen der beiden schwarzen Powerfrauen gehe es nicht mit rechten Dingen zu.
Die Russin Elena Dementjewa sprach nach ihrer Halbfinalniederlage gegen Venus Williams aus, was im Tennis manche mutmaßen, aber nur wenige sich wagen, laut zu sagen: Ich kann mir nicht vorstellen, gegen jemand aus meiner Familie zu spielen. Das ist wirklich schwer. Ganz sicher wird die Familie entscheiden. Sie kennen ihr Spiel ganz genau, sie üben ständig miteinander. Vielleicht gibt es deshalb keinen großen Kampf. Aber für beide ist es auch ganz einfach, ein interessantes und enges Match zu spielen. Vielleicht sehen wir einen Tiebreak im dritten Satz. Aber am Ende ist die Familie für beide wichtiger.“
Wachsweicher Rückzieher
Bei den vier Saison-Höhepunkten gibt es zwar nur bei den US Open einen Tiebreak im Entscheidungssatz, aber trotz dieses Regel-Lapsus' schlugen die Äußerungen der 26 Jahre alten Moskauerin hohe Wellen. Noch am Abend machte die Weltranglistenfünfte, die nach dem Match fließend in Englisch parliert hatte, auf Druck der WTA-Tour einen Rückzieher.
Sie führte ihre mangelnden Sprachkenntnisse in einer in Schriftform verbreiteten Erklärung als Grund für ihre angeblich missverstandenen Äußerungen an: Ich glaube keine Sekunde, dass Matches zwischen Serena und Venus Williams von der Familie entschieden werden. Ich wollte lediglich sagen, dass es für eine Familie eine einmalige Situation sei, um einen Grand-Slam-Titel zu spielen.“
Wiederholte Anschuldigungen
Aber diesen wachsweichen Rückzieher nahm Elena Dementjewa niemand ab. Denn schon einmal hatte sie mit Verdächtigungen gegen die Williams-Schwestern für Wirbel gesorgt. Vor etwas mehr als sieben Jahren hatte sie nach ihrer Viertelfinalniederlage gegen Venus Williams beim Turnier in Indian Wells Ähnliches behauptet: Ich weiß nicht, was Richard Williams denkt. Ich glaube, er wird entscheiden, wer gewinnt. Es wird wohl Serena. Sie wird im Finale stehen.“ Venus Williams trat zum Halbfinale gegen ihre Schwester nicht an.
Wenige Minuten vor der Partie zog sie sich mit einer Knieverletzung zurück. Bei Serenas Sieg im Finale gegen die Belgierin Kim Clijsters bejubelten die Fans Doppelfehler und Fehlschläge ihrer Landsfrau. Vater Richard Williams, der das Finale mit Venus ansah, sprach von rassistischen Schmähungen“. Bei dem Turnier in der kalifornischen Wüste, neben den vier Grand-Slam-Turnieren eine der wichtigsten Veranstaltungen im Turnierzirkus, ist seitdem keine der Williams-Schwestern mehr angetreten.
Zwei Einzelgänger auf der Tour
Venus Williams wies auch diesmal alle Verdächtigungen, der Ausgang dieses Wimbledon-Finales werde im Familienrat beschlossen, entschieden zurück: Ich gebe im Sport immer mein Bestes. Deshalb ist jede Andeutung respektlos gegenüber mir. Wir müssen dieses Thema zu den Akten legen, weil es einfach lächerlich ist. Unser Hauptanliegen war es, ins Endspiel zu kommen. Und da kämpft jede Williams für sich allein.“
Man könnte über diese Episode mangels handfester Beweise mit einem Achselzucken hinweggehen, wäre sie nicht symptomatisch dafür, wie schwer sich viele mit den beiden jungen Frauen tun. Die beiden haben fast keinen Kontakt zu Kolleginnen, stets trainiert die eine nur mit der anderen, obendrein spielen sie auch nur im Sister Act Doppel wie derzeit in Wimbledon ebenso erfolgreich wie im Einzel. Einst hielten sie alle Gegnerinnen im Würgegriff, waren Nummer eins und zwei der Weltrangliste und schienen dann aber die Lust am Tennis verloren zu haben – und tauchen doch immer wieder auf und gewinnen als fast schon Abgeschriebene große Titel. Seit dem ersten Erfolg von Venus Williams in Wimbledon im Jahre 2001 ging die wichtigste Trophäe im Tennis sechsmal an die mittlerweile in Florida lebende Familie: viermal an Venus, zweimal an das Nesthäkchen der Familie.
Die Duelle halten selten, was sie versprechen
Am Samstag begegnen sich die beiden Amerikanerinnen, die derzeit in der Weltrangliste nur auf sechs (Serena) und sieben (Venus) eingestuft sind, zum siebten Mal im Endspiel eines Grand-Slam-Turniers und zum fünfzehnten Mal in ihrer Karriere im direkten Duell. Die Spiele der beiden hielten selten, was die Ausgangslage zweier Spielerinnen versprach, die mit ihren gewaltigen Auf- und Grundschlägen die Gegnerinnen schier erdrücken.
Im Wimbledon-Finale 2002 plagte Venus eine Schulter-, 2003 war es eine Hüftverletzung. Überhaupt war Venus in den sieben internen Grand-Slam-Finals wenig erfolgreich. Serena besiegte sie dbaei auch in allen vier Endspielen, die von den French Open 2002 bis zu den Australian Open 2003 den sogenannten Serena Slam“ ergaben.
Nur bei einem der Saisonhöhepunkte hatte die 28-jährige Venus das bessere Ende für sich, 2001 bei den US Open. Auch die interne Bilanz (8:7) und das letzte Duell in Bangalore im Frühjahr sprechen für die knapp zwei Jahre jüngere Serena.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS
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