Radsport-Kommentar

Auf dem Tisch und unter dem Teppich

Von Michael Eder

Der Luxemburger Tour-Held Schleck gab Zahlungen an den spanischen Blutpanscher Fuentes zu

Der Luxemburger Tour-Held Schleck gab Zahlungen an den spanischen Blutpanscher Fuentes zu

04. Oktober 2008 Zwei Meldungen – erstens: Der Luxemburger Tour-Held Frank Schleck gibt Zahlungen an den spanischen Blutpanscher Eufemiano Fuentes zu. Zweitens: Die „Operación Puerto“ ist abgeschlossen. Die Doping-Akten um Fuentes können also ungestört vor sich hin stauben, und wem das alles ziemlich spanisch vorkommt, der kann auch gern mal nach Frankreich rüberschauen, auch dort liegen wunderbare Beweismittel auf Eis: Lance Armstrongs Urinproben von 1999, in denen Erythropoetin (Epo) nachgewiesen wurde, was aber auch niemanden zu interessieren scheint, am wenigsten Mister Armstrong himself, der nächstes Jahr die Tour de France zum achten Mal gewinnen will.

Wie schafft man es eigentlich, Beweise, die für alle sichtbar auf dem Tisch liegen, gleichzeitig unter den Teppich zu kehren? Das ist keine leichte Übung. Sowohl die spanische Justiz wie auch Armstrong argumentieren formaljuristisch. Armstrong bezweifelt den „sachgemäßen Umgang“ mit den seinerzeit eingefrorenen Proben und lehnt mit dieser Begründung das Angebot der französischen Anti-Doping-Agentur ab, sie noch einmal zu analysieren (Siehe auch: Radsport: Fall Fuentes zu den Akten gelegt - Schleck suspendiert).

Absurde Begründung für Einstellung der Untersuchung

Dass die spanischen Behörden die „Operación Puerto“ ohne Ergebnis zu den Akten legen, kann man beim besten Willen nicht behaupten. Im Gegenteil: Sie wird mit Ergebnis beiseitegelegt; jeder kann im Internet den Untersuchungsbericht einsehen, den die Guardia Civil mit Datum vom 27. Juni 2006 und dem Aktenzeichen EGB/ 116 an das Madrider Untersuchungsgericht schickte. Was man darin erfährt, ist unzweifelhaft und von nachträglichen Zeugenaussagen verifiziert: Fuentes hat eine Blutbank zum professionellen und systematischen Doping von Sportlern betrieben.

Es gibt Namen und eindeutige Zuordnungen. Untersuchungsrichter Serrano hat mit diesen Wahrheiten nichts anfangen können. Er begründet die Einstellung des Verfahrens damit, dass die von Fuentes verabreichten Epo-Dosen den betroffenen Sportlern keinen gesundheitlichen Schaden zugefügt hätten. Diese Begründung ist absurd, denn selbst in der klinischen Praxis wird Epo heute nur mit Vorsicht benutzt, die Nebenwirkungen – Verdickung des Blutes, Erhöhung des Blutdrucks, Thrombosegefahr – sind allgemein bekannt.

Moral funktioniert nur, wenn sie mit Macht verbunden ist

Nur Jörg Jaksche, Ivan Basso und jetzt Frank Schleck haben ihren Kontakt zu Fuentes gestanden, der eine mehr, die anderen weniger. Alle anderen sollen ungeschoren davonkommen? Verhindern kann das in letzter Instanz nur eine wackelige Einrichtung: die Moral. Dumm nur, dass sie nur funktioniert, wenn sie mit Macht verbunden ist, und das ist im Fall Fuentes wie im Fall Armstrong nur bei den Organisatoren der Tour de France der Fall.

Sie müssen auf formaljuristische Winkelzüge keine Rücksicht nehmen, sie können den Tatsachen ins Auge sehen und daraus die Konsequenzen ziehen. Sie können hochverdächtigen Fahrern den Start verweigern – und haben das bei offensichtlichen Fuentes-Kunden auch schon getan. Sie können das auch bei Armstrong tun. Ob sie es wagen? Es wäre ziemlich schlecht fürs Geschäft – und ziemlich gut für den Sport.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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