Mein Fitness-Kick

Rocky, hilf!

Von Michael Horeni

18. März 2008 Wer ist denn nun der Härteste? Ein Navy-Commander wollte das schon vor dreißig Jahren mit ein paar Kumpels rauskriegen. Auf Hawaii nahmen sie sich vor, endgültig die Frage zu klären, ob nun Radrennfahrer, Marathonläufer oder Langstreckenschwimmer die härtesten Typen sind. Das war die Geburt des Ironman. In meinem Fitnessklub in der Frankfurter Innenstadt fragt man natürlich nicht, wer der Härteste ist - zumindest fragt man das nicht laut.

Nach gut sieben Monaten Fitness-Training möchte ich aber ganz gerne mal wissen, ob ich mich jetzt vielleicht auch schon ein bisschen zu den harten Typen zählen darf. Noch in diesem Monat hat mich Oliver Schmidtlein zum Ausdauertest bestellt, mein Trainingsprogramm nähert sich also der Endphase. Ich fühle mich auch fit wie seit vielen Jahren nicht mehr. Aber was heißt das schon?

30 Sekunden schlagen, 30 Sekunden ausruhen

Ich habe mir daher in dieser Woche meinen eigenen Härtetest verordnet. Mit meinem Freund Hartmut bin ich zum Boxen gegangen. Hartmut war mal deutscher Studentenmeister. In diesem Jahr wird er siebzig, aber seine Fitness ist unglaublich. Er trainiert immer noch regelmäßig dreimal die Woche, und nun hat er mich mitgenommen in seine Boxwelt. Der Ring und das Trainingsstudio befinden sich in einem Privathaus. Dort treffen sich die Box-Kumpels und ziehen ihr Programm durch. Walter ist der Boss. Er hat einmal für den CSC Frankfurt geboxt, dann hat er die Jungs trainiert. Sie sagen, er sei ein klasse Trainer.

Das Aufwärmprogramm dauert rund zehn Minuten. Es ist ein bisschen ungewohnt, aber lässt sich auch ohne Erfahrung gut durchhalten. Dann wird es ernst. Die Jungs ziehen ihre Boxhandschuhe an, ich habe noch nie welche getragen. Ich kann noch nicht einmal meine Hände richtig bandagieren. Holger, der das Aufwärmprogramm leitet, muss mir helfen, dass ich alle meine Finger sorgfältig einwickele. Meinen Ehering muss ich auch ausziehen. „Sonst kannst du dir den Finger brechen“, sagt Holger. „Und balle immer die Faust beim Schlagen, sonst tut es weh.“

„Jedes Training ist ein kleiner Tod“

Nach dem Aufwärmen geht es an den Sandsack. Die Jungs stehen völlig entspannt davor und schlagen blitzartig und elegant darauf ein. Eine Viertelstunde geht das so - 30 Sekunden schlagen, 30 Sekunden ausruhen. Meine Schlagtechnik ist zum Erbarmen. Aber ich merke schnell, dass es darum nicht geht. Ich muss durchhalten. Darum geht es. „Boxen ist Qual“, sagt Holger. „Jedes Training ist ein kleiner Tod.“ Wenn sich Holger am Sandsack verausgabt, ist nur noch das Weiße in seinen Augen zu sehen.

Die Viertelstunde hat es in sich. Ich hoffe auf eine kurze Pause. Aber jetzt nimmt sich der Boss meiner an. „Komm mal rüber. Du warst im Fegefeuer“, sagt er genüsslich, „aber jetzt kommst du in die Hölle.“ Die Hölle beginnt mit dem Wort „Feuer“. Die ersten 15 Sekunden schlägt man im normalen Rhythmus auf den Sandsack - aber dann so schnell, wie es noch geht. „Ohne Kraft“, sagt der Boss zu mir.

Nach 55 Minuten ist endlich Schluss

Mit dem Körper soll man reingehen, den Schwung nutzen. Bei ihm sieht das vollkommen mühelos aus, Hartmut trommelt auf den Sack ein wie eine Nähmaschine. Aber wie um alles in der Welt geht das? Rocky, hilf! Nach einer Viertelstunde hört der Boss immer noch nicht auf. Er verlängert die Einheit. Irgendwann stöhne ich genauso beim Schlag wie die großen Jungs, der Schweiß läuft salzig in die Augen. Nur nicht aufgeben. Es ist das härteste Training, das ich je mitgemacht habe.

Nach insgesamt 55 Minuten am Sandsack macht der Boss endlich Schluss. Ich sinke in die Seile. Dann noch ein bisschen Schattenboxen mit Gewichten zum Ausklang. Geschafft. „Gut durchgehalten“, sagen die Jungs in der Sauna, „viele hätten aufgegeben. Du darfst wiederkommen.“ Unter uns Boxern ist das wohl ein Kompliment.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.03.2008, Nr. 11 / Seite 19
Bildmaterial: Wonge Bergmann

 

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