Basketball

Ich dunke, also bin ich

Von Jürgen Kalwa, New York

Herrscher unter dem Korb: Shaquille O'Neal

Herrscher unter dem Korb: Shaquille O'Neal

12. April 2005 Dreizehn Jahre sind eine lange Zeit. Genug Zeit jedenfalls, um fünf Kinder in die Welt zu setzen. Um zwei Autobiographien zu publizieren, in drei Kinofilmen mitzuwirken und vier Schallplatten aufzunehmen. Dreizehn Jahre sind - mit Verlaub - allemal genug Zeit, um jene Technik zu lernen, die man beim Basketball braucht, um Freiwürfe zu verwandeln.

Aber aus plumper Körpermasse, 2,16 Meter und 160 Kilogramm, kann auch der liebe Gott nur begrenzt etwas machen. Das hat Shaquille Rashaun O'Neal, genannt Shaq oder Big Daddy oder Diesel, schon vor langer Zeit kapiert und die Aufgabe des Centers in der National Basketball Association neu definiert: Ich dunke, also bin ich. „Ich habe 22.000 Punkte erzielt, und darunter waren wahrscheinlich nur zehn Sprungwürfe“, sagte er vor kurzem in der für ihn typischen Art, in der sich Understatement mit Humor mischt. „Du mußt einfach deine Nische finden.“

Breit und turmhoch

Die Nische ist ziemlich breit und turmhoch. Das registrieren seine neuen Mannschaftskameraden von den Miami Heat mit viel Vergnügen. Dank der unwiderstehlichen Kraft von O'Neal unter dem Korb, seiner Beweglichkeit im Positionsspiel und seiner Fähigkeit, den Ball im richtigen Moment abzugeben, marschieren sie als bestes Team der Eastern Conference mit Volldampf auf die Play-offs zu.

Der bestbezahlte Spieler in der NBA, der 27 Millionen Dollar pro Saison verdient, hat nicht nur eine lethargische Mannschaft in Bewegung gebracht. Er gab der amerikanischen Sportöffentlichkeit ganz nebenbei die Gelegenheit, die drei Meisterschaftserfolge seines alten Teams - der Los Angeles Lakers - in neuem Licht zu betrachten. Die Lakers hatten den 33jährigen O'Neal auf sein Drängen hin nach der letzten verkorksten Saison in einem Spielertausch nach Florida transferiert und dem eigenwilligen Kobe Bryant einen neuen Vertrag vorgelegt, der seine Rolle als Primus inter pares zementierte.

„Ich bin wie Klopapier, Pampers und Zahnpasta“

Kaum spielte O'Neal in Miami, rutschte seine alte Mannschaft Richtung Tabellenkeller. Der gutmütige Center, in dessen Riesenkörper eine unglaublich sanfte, tiefe Stimme schlummert, kommentierte hinterlistig: „Ich bin wie Klopapier, Pampers und Zahnpasta. Ich habe eindeutig bewiesen, daß ich wirkungsvoll bin.“

Würden sich diese Wirkungen allein auf den Spielbetrieb in der NBA beschränken, wäre das schon imposant genug. So verbuchte die Liga zu Weihnachten ein erhebliches Einschaltquotenplus, als O'Neal mit Miami zum ersten Mal auf den Rivalen Kobe Bryant traf (und das gehypte Match 104:102 gewann). Die Aura von O'Neal, der einst im hessischen Fulda als Sohn eines Armeeangehörigen von seinem späteren Collegetrainer entdeckt wurde, reicht sehr viel weiter.

Imageträger ohne Fehl und Tadel

Sein Miami-Heat-Trikot ist der Renner in den Souvenirgeschäften der NBA. Der Umsatz mit dem ärmellosen Leibchen mit der Nummer 32 stieg zu Beginn der Saison im Vergleich mit den Zahlen zu Lakers-Zeiten um imposante 300 Prozent. Werbepartner wie der Sportausrüster Reebok, Nahrungsmittelkonzern Nestle oder die Fast-food-Kette Burger King sind ebenfalls zufrieden.

Der „most valuable player“ der NBA ist ein Imageträger ohne Fehl und Tadel. Ein Mann, der hinter der Showfassade und unter der mit Tätowierungen verunstalteten Haut das Hirn eines ausgebufften Geschäftsmanns verbirgt. Nachdem er vor dreizehn Jahren ohne Studienabschluß Profi wurde, holte er das Examen im Fach Wirtschaftswissenschaften nach.

Mode und Musik

Derzeit arbeitet er daran, sich noch zu verbessern. Sein nächstes Ziel: der MBA, der akademische Grad Master of Business Administration. Zu seinen Freunden und Mentoren gehört der Immobilienunternehmer Donald Trump, einer der berühmtesten Geschäftsleute Amerikas. Mit anderen Worten, der Mann, der von seiner körperlichen Kraft lebt, bereitet sich bereits auf den nächsten Lebensabschnitt vor.

Wenn nicht alles täuscht, werden darin Musik (er besitzt ein eigenes Schallplattenlabel) und Mode (ihm gehört die Bekleidungsmarke TWISM - The World Is Mine) eine wichtige Rolle spielen. Doch bis dahin genießt er das Gefühl, das sich wohl unweigerlich einstellt, wenn man unumstritten seine Sportart dominiert und sich alles leisten kann, was sich die Phantasie auszumalen vermag. „Ich bin noch nie in meinem Leben so glücklich gewesen“, hat er neulich der „Sports Illustrated“ gesagt, die den Basketballprofi lange kritisch begleitet hatte.

Kongenialer Partner

Die reguläre Saison werden die Miami Heat am 20. April mit einer Begegnung gegen die Orlando Magic, O'Neals ersten Klub, beenden. Der Gegner in der ersten Runde der Play-offs heißt entweder Cleveland, Philadelphia oder New Jersey. Keine der Mannschaften stellt eine ernsthafte Bedrohung für das Team von Trainer Stan Van Gundy dar. Zumal sich im Laufe der Saison der junge Spielgestalter Dwyane Wade zu einem kongenialen Partner für O'Neal entwickelt hat. Der Zweiundzwanzigjährige ist die Entdeckung des Jahres: Er erzielt im Schnitt 24,5 Punkte, einen Hauch mehr als die Überfigur O'Neal (23,0). Der macht ihm ständig Komplimente: „Ich wußte, daß er gut ist“, meinte der Center neulich. „Tatsächlich ist er besser, als ich dachte.“

Nicht nur das. Als Shaq neulich gebeten wurde, das jetzige Zusammenspiel mit Dwyane Wade mit der alten Zusammenarbeit mit Kobe Bryant zu vergleichen, mußte er nicht lange überlegen: „Ich würde sagen, Wade und ich sind besser. Und zwar bei weitem.“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.04.2005, Nr. 14 / Seite 24
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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