18. Juli 2007 Mittwochvormittag, Anruf bei Patrik Sinkewitz. Es geht so einigermaßen, sagte er. Das bezog sich auf seinen gesundheitlichen Zustand, auf die Folgen seines schweren Sturzes am Sonntag in Tignes. Für Sinkewitz war dies das Ende der Tour de France. Er liegt nun im Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus in Hamburg. Er sollte dort am Mittwoch operiert werden. Zum Schluss des kurzen Gespräches sagte er noch: Ich kann es mir nicht erklären, okay?
Das hat mit einer neuen Doping-Affäre im deutschen Radsport zu tun, mit seiner eigenen Geschichte: Von Sinkewitz, Radprofi bei T-Mobile, liegt eine positive A-Probe vor. Am 8. Juni, während einer unangemeldeten Trainingskontrolle der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), wurde bei ihm ein überhöhter Testosteronwert festgestellt. T-Mobile, das sich eines straffen Anti-Doping-Programms rühmt, suspendierte Sinkewitz sofort. Sollte sich der Doping-Verdacht bei der Gegenanalyse bestätigen, wird der Hesse fristlos entlassen. Nach der Ehrenerklärung, die vom Internationalen Radsportverband (UCI) vor der Tour verlangt wurde, müsste er als Geldstrafe einen Jahreslohn zahlen.
Das sagt grundsätzlich jeder. Wir sind skeptisch.
Möglicherweise muss nicht nur Sinkewitz Konsequenzen tragen. Das Engagement von T-Mobile im Radsport generell steht jetzt in der Diskussion. Man müsse sich über das Sponsoring Gedanken machen, sagte am Mittwoch Christian Frommert, bei den Bonnern zuständig für die Kommunikation. Der Vertrag mit dem Rennstall läuft bis 2010. Ein vorzeitiger Ausstieg von T-Mobile könnte diskutiert werden. Andere haben bereits einen ähnlichen Schritt vollzogen: ARD und ZDF entschlossen sich, erst einmal nicht mehr von der Tour zu berichten (Siehe auch: ARD und ZDF steigen aus: Die Tour im Fernsehen steht still).
Die Causa Sinkewitz ist ein herber Rückschlag für T-Mobile, das inzwischen vehement für einen sauberen Radsport eintritt - und jetzt selbst wieder in einen Skandal schlitterte. Rolf Aldag, Sportdirektor von T-Mobile, der vor kurzem ein Doping-Geständnis abgelegt hatte, sprach am Mittwoch von Betroffenheit und Enttäuschung. Auch T-Mobile gegenüber hatte Sinkewitz behauptet, unschuldig zu sein. Das sagt grundsätzlich jeder, sagte Aldag. Wir sind sehr skeptisch. Linus Gerdemann, der nach einem Etappensieg bei der Tour einen Tag lang das Gelbe Trikot getragen hatte, äußerte am Mittwoch umgehend Zukunftssorgen. Er habe kein Verständnis dafür, sagte er, dass jemand die Arbeitsplätze im Team gefährde.
Wahrscheinlichkeit der Erwischens ist superhoch
Sinkewitz trainierte mit seinen Kollegen Michael Rogers, Kim Kirchen, Marcus Burghardt und Gerdemann in den Pyrenäen, als die Kontrolleure der Nada kamen. Alle relevanten Daten - über Flüge und Hotels beispielsweise - hatten sie von Aldag erhalten. Wie am Mittwoch bekannt wurde, beträgt der bei Sinkewitz ermittelte Wert 24:1 - der Grenzwert liegt bei 4:1. Die Untersuchungen der Nada geben also einen deutlichen Hinweis auf einen möglichen Betrug.
Sarkastisch sagte Aldag, dass der Testosteron-Missbrauch offensichtlich einen zweiten Frühling erlebe im Radsport. Im Vorjahr war der amerikanische Tour-Sieger Floyd Landis der Manipulation mit Testosteron überführt worden. Vor kurzem verlor der Franke Matthias Kessler seinen Job beim Team Astana - auch bei ihm war zu viel Testosteron im Spiel. Dabei, sagte Aldag am Mittwoch, sei solches Doping doch mit einem ganz einfachen Verfahren nachzuweisen - die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, ist superhoch.
Schon seit längerem Spekulationen über Sinkewitz
Über den 26 Jahre alten Sinkewitz, der aus Künzell bei Fulda stammt, hatte es seit längerem schon Spekulationen gegeben. Im Jahr 2000 beispielsweise soll er vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) von der Weltmeisterschaft in der Bretagne wegen eines angeblich auffälligen Blutbildes heimgeschickt worden sein - Sinkewitz startete damals noch in der U-23-Kategorie. Die Frankfurterin Sylvia Schenk, damals Mitglied der UCI, hatte seinerzeit entsprechende Informationen vom BDR erhalten.
Am Mittwoch sagte sie, dass es bei Sinkewitz - der auch für die ins Gerede gekommene belgische Quickstep-Equipe fuhr und zudem mit dem umstrittenen Italiener Michele Ferrari kooperierte - seit 2000 viele Hinweise gegeben habe, dass er sich im Bereich Doping bewegt. Als Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer wurde sie im Jahr 2004 aktiv: Nachdem Sinkewitz, der als einer der hoffnungsvollsten deutschen Radprofis galt, die Deutschland-Rundfahrt gewonnen hatte, meldete sich Sylvia Schenk bei der Nada. Sie habe ein ungutes Gefühl, sagte die Frankfurterin - und regte eine Zielkontrolle bei Sinkewitz an.
Dann kann T-Mobile doch eigentlich einpacken
Missmut weckte bei ihr auch, dass sich Sinkewitz in diesem Mai als Sieger des traditionsreichen Rennens Rund um den Henninger Turm feiern lassen konnte. Das fand ich nicht gut. Für Sylvia Schenk, die von Rudolf Scharping im höchsten BDR-Amt abgelöst wurde, ist es mithin keine Überraschung, dass sich Sinkewitz jetzt Doping-Anschuldigungen ausgesetzt sieht. Dennoch zeigte sie auch Verwunderung - darüber, dass Profis wie Sinkewitz in Zeiten, da der Radsport um seine Existenz kämpft, offensichtlich unbelehrbar zu sein scheinen, dass man immer noch so doof sein kann.
Sylvia Schenk glaubt, dass T-Mobile am Ende sei - sollte die B-Probe von Sinkewitz ebenfalls positiv sein. In diesem Fall, so Sylvia Schenk in drastischer Diktion, kann T-Mobile doch eigentlich einpacken. Aldag, so kritisierte sie, habe seine Fahrer nicht im Griff.
Bemühungen haben noch nicht bei allen gefruchtet
Der Westfale räumte nun zumindest ein, dass wohl noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten sei und auch noch mehr kontrolliert werden müsse. Er musste erkennen, dass die Bemühungen, die Branche von der reinen Lehre des Radsports zu überzeugen, noch nicht bei allen gefruchtet hätten. Aldag betonte auch, dass T-Mobile mit seinem Konzept der Transparenz auf dem richtigen Weg sei. Dies sei durch das Geschehen um Sinkewitz bestätigt worden, so bitter es ist. Vor der Tour 2007 hatten die Bonner sich bereits von dem Ukrainer Sergej Gontschar getrennt; bei ihm hatte es auffällige Blutwerte gegeben.
T-Mobile, das gerade durch Gerdemann ein kleines Hoch erlebt hatte, fährt nun auf alle Fälle wieder stark belastet durch Frankreich. Im Peloton, schwante Aldag am Mittwoch, werde dem Team vermutlich viel Häme entgegenschlagen. Das dürfte noch das kleinste Übel sein.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ASSOCIATED PRESS, ddp, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa