Mein Fitness-Kick

Interkulturelle Sportpark-Beobachtungen

Von Michael Horeni, Schanghai, Paris, Frankfurt

09. Oktober 2007 Die Zeit ist gekommen, um von den ersten Rückschlägen zu berichten. Die vergangenen fast zwei Woche waren für mein Fitnesstraining das reinste Gift, und es ist keineswegs so, dass ich mich um die „korrigierenden Übungen“ oder mein dreigeteiltes Laufprogramm mit Herzfrequenzmesser gedrückt hätte.

Mir hat der Sport sogar gefehlt, aber irgendwie ist es mir trotzdem ziemlich misslungen, Berufs- und Familienleben sowie meinen neu erwachten sportlichen Ehrgeiz ganzheitlich in meine neue Existenz zu integrieren. Die logistischen Herausforderungen waren auch nicht gerade unerheblich. Erst die Schlussphase der Frauen-WM in Schanghai, dann für ein paar Tage zurück in Frankfurt und weiter in den Schulferien für eine paar Tage nach Paris.

Lu Xun Park für Jogger ungeeignet

Auch wenn mich die letzte Tage in Hotels ohne Fitnesscenter und mit Zimmern en miniature sportlich kein bisschen weitergebracht haben, ließen sich immerhin innerhalb einer Woche einige interkulturelle Beobachtungen über das Großstadtleben im Park anstellen. In diesem Fall über die gesellschaftlichen Aktivitäten im Lu Xun Park (Schanghai), Ostpark (Frankfurt) sowie den Jardin du Luxembourg (Paris), natürlich unter besonderer Berücksichtigung von Jogger-Interessen.

Der Lu Xun Park, man muss es so deutlich sagen, ist für Läufer vollkommen ungeeignet. Er ist zu voll, vor allem am Wochenende und an Feiertagen. An einigen neuralgischen Punkten des sehr hübschen chinesischen Parks, auf den zierlichen Brücken etwa, herrscht latente Spaziergänger-Staugefahr, und außerdem muss man sagen, dass sich der Individualsport in China nicht gerade größter Beliebtheit erfreut. (Siehe: Teil 3: Chinesen joggen nicht).

Tango, Gesang und Tai-Chi

Das aber ist für das Leben im Park kein Nachteil. Der Lu Xun Park ist ein Park für alle, das sieht und hört man schon, wenn man durch das Tor des Haupteingangs tritt. Auf der rechten Seiten unter Pappeln tanzen zwei, drei Dutzend Paare zur Mittagszeit Tango, wobei es sich am vorletzten Montag um den chinesischen Nationalfeiertag handelte, an dem der Park wie sonst nur sonntags seine ganze gesellschaftliche Anziehungskraft entfaltet.

Ein paar Meter weiter tanzt eine andere Gruppe lieber chinesisch-klassisch. Gesungen wird auch gerne, über Mikrofone mit kleinen, stark verzerrenden Verstärkern, wobei es für chinesische Musikanten offenbar kein Problem ist, wenn sich zwei Gesangsgruppen mit komplett unterschiedlicher künstlerischer Ausrichtung in unmittelbarer Nähe akustisch überlagern.

Ungeahnte individuelle Dynamik

An einer anderen Ecke des Parks trifft sich die Tai-Chi-Gruppe Schanghai, daneben die Schwimmgruppe, die zwischen Tretbooten, die zu Autos aufgemotzt sind, ihre Bahnen im Teich ziehen. In der Mitte des Parks, in der Harmoniezone, kommen die Brautpaare zusammen und lassen sich ablichten. Nicht nur an Feiertagen, auch sonst wird gerne und viel geheiratet im Lu Xun Park. Dahinter machen die Badminton-Gruppen ihre sehr ansehnlichen Spielchen, auf diesen wenigen Quadratmetern herrscht ungeahnte individuelle Dynamik.

In den romantischen Ecken entfliehen Liebende für ein paar Stunden auf schattigen Steinbänkchen dem Großstadttrubel, wobei auffällt, wie wenig Resultate der Liebe im Park zu sehen sind. Kinder sind eine seltene Spezies in Lu Xun, und wenn die wenigen Exemplare dann von ihren Eltern für ein paar Juan in riesige, durchsichtige Plastikbälle gesteckt werden, die dann zu Wasser gelassen werden - und in denen sie dann toben und sich überschlagen können - haben sie ihren Spaß. Jogger wären hier wirklich sehr fremd. In Lu Xun geht unzweifelhaft alles seinen unausgesprochen geregelten Gang. Die Annahme jedoch, dabei könnte es sich um chinesische Eigenheit handeln, geht jedoch eindeutig zu weit.

Holzsegelboote im Jardin du Luxembourg

Ein Wochenende später im Jardin du Luxembourg sind die Regeln wesentlich eindeutiger. Jogger haben in dem Park, den sich ebenfalls viel zu viele Großstädter (und Touristen) teilen, morgens ihre Zeit. Am Nachmittag gehorcht der Park den Interessen der Allgemeinheit, und das bedeutet, dass auch die frei verfügbaren Stühle an ihren angestammten Plätzen zu stehen haben, und wer sie eigenwillig zu nahe ans Wasser stellt, den bringen Sicherheitskräfte schnell dazu, sie wieder zurückzubringen.

Am Brunnenrand schieben seit Generationen Kinder ihre Holzsegelboote mit langen Stöcken in Richtung der sprudelnden Mitte, um sie von dort bald wieder zurückzuerwarten. Es fällt auf, dass auch hier die Kinder wie in Lu Xun Park einen selbstverständlichen Platz haben, ohne sich auf einen abgelegenen Spielplatz wieder zu finden, und das es sich um Parks handelt, die ins großstädtische Leben vollständig integriert sind.

Der Ostpark zerfällt in Spezialinteressen

Den Frankfurter Ostpark sehe ich nun - mit chinesisch-französisch geschultem Blick - mit etwas anderen Augen. Als ich mit Herzfrequenzmesser endlich wieder meine 35-minütigen Runden drehe, fällt mir auch erstmals eine Eigenheit des Parks ins Auge, die mir bisher verborgen geblieben ist, obwohl ich dort fast schon fünfzehn Jahre wohne. Es ist ein Park, wie mir jetzt erst bewusst wird, dessen Charakter sich nicht wirklich fassen lässt. Er zerfällt in unzählige Spezialinteressen, und es gibt nichts, was sie miteinander verbinden würde.

Das liegt auch daran, weil der Park kein Platzproblem kennt und auch nur eine vage Regelhaftigkeit. Wer Joggen will, joggt. Egal wann. Wer Fußball spielen will, spielt Fußball. Egal wann. Wer grillen will, grillt. Egal wann und egal wo (was bestimmt verboten ist, aber sicher nicht so sehr, dass man dies auch tatsächlich durchsetzen wollte).

„Na ja, vor dem Krieg

An einer Ecke des Parks gibt es ein Obdachlosenheim und regelmäßig kommen morgens dort die Jungs von der Feuerwehr vorbei, aber nicht um zu löschen, sondern um sich fit zu halten. Sie drehen dort genauso ihre Runden wie ein paar Schulklassen, die es immer wieder mal dorthin verschlägt, wobei die Motivation deutlich unterschiedlich ausgeprägt ist.

Das finde ich ganz sympathisch, aber es würde mir noch besser gefallen, wie ich jetzt merke, wenn all diese Leute auch mal am Wochenende freiwillig in den Park kämen. Sie müssen ja nicht gleich alle mit einem Verstärker anrücken oder gemeinsam tanzen. Aber so ähnlich muss das mal gewesen sein. „Früher sind wir dort gerne zum Kaffee und zum Tanz gegangen“, hat mir meine Großmutter einmal erzählt. „Wann denn?“, habe ich gefragt und sie hat ganz selbstverständlich geantwortet: „Na ja, vor dem Krieg.“



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Wonge Bergmann

 
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