Mein Fitness-Kick

Meine Frau ist mir einfach davongelaufen

Von Michael Horeni

16. Oktober 2007 Man weiß ja, dass sich die wichtigen Dinge nur mit dem Herzen erkennen lassen und dass es trotzdem ziemlich schwierig ist, auf sein Herz zu hören. Aber auch Herzensfragen müssen nicht, wie ich dank meiner beiden Fitnesstrainer seit Anfang September erlebe, immer nur von den letzten Dingen handeln. Es geht auch mal eine Nummer kleiner: sportlich und nicht existenzialistisch - aber lustig ist das trotzdem nicht. Meine letzte Laufeinheit im Frankfurter Ostpark, eigentlich als lockere Regenerationseinheit gedacht, entwickelte sich zu einer ungeahnt harten Übung im Nebenfach Charakterbildung.

Oliver Schmidtlein und Shad Forsythe haben es als unerlässlich angesehen, dass ich mir eine Herzfrequenzuhr zulege. Ich müsse auf mein Herz hören, haben sie gesagt. Aber eben mal auf eine andere Weise. Nun gehöre ich nicht gerade zu den Menschen, die man als technikverliebt bezeichnen könnte, und so glaubte ich, dass es genügt, sich eine solche Uhr zu kaufen und damit los zu laufen. Aber so einfach ist es natürlich nicht, man braucht dazu noch ein Brustband, das dann mit der Uhr synchronisiert werden muss, was auch nicht allzu schwierig ist. Aber da die Uhr unzählig Funktionen besitzt, die zu steuern mir auch dank der 78 Seiten starken Anleitung nicht ganz klar geworden ist, durchdringt weiterhin ein ziemlich regelmäßiges, ziemlich schrilles und ziemlich nerviges Piepen morgens die Stille im Park, wenn ich laufe.

Vorteile der Herzfrequenzmessung

Aber man gewöhnt sich ja an einiges, um wieder fit zu werden, und die Vorteile der Herzfrequenzmessung sind ja auch nicht zu verachten. Drei verschiedene Laufeinheiten haben die Trainer für mich ausgearbeitet, jeweils eine halbe Stunde, und die ersten beiden Varianten haben auch einen schönen sportlichen Charakter. Das ganze nennt sich Ausdauerplan und in der ersten Einheit darf der Puls auf 160 hochgehen, in der zweiten komme ich dann auch ganz schön und planmäßig auf 180.

Irgendwann hatte meine Frau die Idee, auch mal mitzulaufen, um nicht nur die „korrigierenden Übungen“ im zum Fitnessraum umfunktionierten Wohnzimmer zu beobachten - und mitzumachen. Überhaupt entwickelt sich mittlerweile eine gewisse familiäre sportliche Rivalität, seit die Trainingseinheiten erste Erfolge sichtbar machen.

Diese elend piepsende Uhr

Der gemeinsame Lauf im Park war allerdings nicht dazu geeignet, meine sportliche Reputation weiter zu steigern, im Gegenteil. Ich muss es so offen sagen: Meine Frau ist mir, nachdem sie mich zehn Minuten nachsichtig begleitete, einfach davongelaufen. Das Tempo war ihr zu niedrig - und ich durfte ihr nicht folgen. Meine Herzfrequenz muss in dieser Einheit bei 130 bis 138 liegen, eine halbe Stunde lang. Ich starrte nur noch auf diese elend piepsende Uhr und diese verfluchte Zahl 138.

Ich musste mich entsetzlich bremsen und mit jedem Schritt wuchs die Demut. In den letzten zwanzig Minuten musste ich dann noch erdulden, wie mich bei dieser Einheit alle, aber auch wirklich alle, im Park überholten. Meine Frau sah ich zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr. Irgendwann war sie am Horizont einfach verschwunden.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP

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