Von Thomas Klemm, Paris
29. Mai 2007 Es war einmal, vor nicht allzu langer Zeit, eine deutsche Tennisspielerin, die ihren Gegnerinnen Furcht einflößte. Sie war jung, sie war blond, sie war erfolgreich. Und meistens, wenn sie nach Paris kam, zeigte sie ihr bestes Tennis. Ein paar Tage bevor sie volljährig wurde, gewann sie 2003 den Juniorinnen-Wettbewerb der French Open. Als sie danach bei den Damen antrat, verbesserte sie sich fortwährend, kam stets eine Runde weiter als im Jahr zuvor, bis sie vor zwölf Monaten sogar das Viertelfinale von Roland Garros erreichte.
So hätte es immerzu weitergehen können für die Deutsche, immerzu hinauf in die Weltspitze. Aber dann, ja, dann waren Körper und Geist nicht mehr im Einklang, das Selbstvertrauen schwand, die Zweifel kamen. Eine Niederlage folgte der anderen, und Anna-Lena Grönefeld, im Vorjahr noch an Position 13 gesetzt, war am Dienstag nur noch eine unter vielen bei den French Open. Allerdings eine, deren Absturz sich fortsetzte: Die Einundzwanzigjährige verlor ihr neuntes Erstrundenspiel in diesem Jahr, diesmal mit 5:7 und 4:6 gegen die Französin Mathilde Johansson, eine Spielerin, die der Deutschen in allen Belangen unterlegen ist. Aber härtere Aufschläge, druckvollere Grundschläge und gefühlvolle Stoppbälle nutzen der Nordhornerin nichts, wenn die Vergangenheit sie einholt.
Eine mentale Sache
Rafael Font de Mora, der von Anna-Lena Grönefeld geschasste Trainer und Manager, hatte auf der Tribüne hinter dem Coach ihrer Konkurrentin Platz genommen und verfolgte mit funkelnden Augen das Match seiner ehemaligen Schülerin, mit der er sich wegen des Auflösungsvertrages noch im Streit befindet. Wenn er sich demonstrativ zum Gegner in die zweite Reihe setzt, hilft das nicht“, sagte die Deutsche, die den Schatten ihrer Vergangenheit offenbar nicht los wird.
Font de Mora, von dem sich Anna-Lena Grönefeld abhängig fühlte und darum im vorigen September während der US Open trennte, hatte in den vergangenen Monaten mit markigen Sprüchen Stimmung gemacht; am Dienstag fiel er der Nordhornerin auch tätlich in den Rücken. Zwar habe sie versucht, auf dem Platz nur an Tennis zu denken“, sagte die deutsche Fed-Cup-Spielerin, doch beim Anblick ihres früheren Schleifers verlor sie erst die Konzentration, dann den Psychokampf gegen den Spanier und letztlich auch ihre Auftaktpartie.
Der Berg spitzt sich zu
Nach dem steilen Aufstieg setzt sich Anna-Lena Grönfelds Absturz, der vor elf Monaten unter Font de Mora begann, auch mit ihrem neuen Trainer Dirk Dier fort. Zwar versucht der ehemalige Tennisprofi, ihr wieder den Spaß am Spiel zu vermitteln – doch bislang ohne zählbaren Erfolg. Seit ihrer Viertelfinalniederlage im Vorjahr, als sie der French-Open-Favoritin und späteren Turniersiegerin Justine Henin unterlag, absolvierte Anna-Lena Grönefeld 25 Turniere, bei denen sie 18 Mal in der ersten Runde verlor – und das gegen Konkurrentinnen wie Mathilde Johansson, die als Nummer 126 der Welt nur dank einer Wildcard ins Hauptfeld kam.
Der Berg spitzt sich zu“, sieht Anna-Lena Grönefeld den Gipfel ihrer Krise erreicht, schlimmer werden kann es nicht.“ Unter Font de Mora einst erfolgreich, aber isoliert, habe sie nun gelernt, anders glücklich zu sein“. Trainer, Familie und Freundeskreis böten ihr ein Super-Umfeld“.
Zehn Siege bei 25 Niederlagen
In ihrem sechsten Aufschlagspiel, gerade hatte Ann-Lena Grönefeld einen 2:5-Rückstand ausgeglichen, durchlebte sie am Dienstag Spiellust und Nervenleid ihrer Karriere in geballter Form. War sie im Vorteil, versagten ihre Nerven und die Schläge landeten im Aus; lag sie zurück, spielte sie schier unbelastet und jagte die Französin über den Sandplatz. Nachdem sie das Aufschlagspiel zum 5:6 und kurz danach auch den ersten Satz verloren hatte, brach ihr Widerstand. Es sei eine mentale Sache“, sagte die Geschlagene später, ich muss versuchen, die positiven Dinge rauszufischen“. 14 Doppelfehler, die letzten drei sogar nacheinander zum 3:4 im zweiten Durchgang, waren allerdings nicht dazu angetan, neuen Mut zu schöpfen.
Auch die Matchbilanz seit ihrem Pariser Frühling im Vorjahr – zehn Siege bei 25 Niederlagen – deutet die Möglichkeiten der stämmigen Deutschen nur zart an. In der Weltrangliste ist die ehemalige Vierzehnte sogar wieder dort angekommen, wo sie vor zwei Jahren schon einmal war: jenseits der Top 50, Tendenz diesmal fallend. Doch auch wenn Paris für Anna-Lena Grönefeld diesmal keine Reise wert war, sagte sie: Die French Open bleiben mein Lieblingsturnier.“ Vielleicht geht diese deutsche Tennisgeschichte ja doch noch gut aus.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS
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