11. April 2008 Die Begeisterung für den Fußball packte Friedhelm Funkel als kleiner Junge in seinem Geburtsort Neuss. Sie ließ den in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsenen Rheinländer nie los und brachte ihn nach oben. Inzwischen ist der 54-Jährige einer der profiliertesten Trainer Deutschlands. Nach Jahren der Wanderschaft wurde er in Frankfurt sesshaft, wo er seit vier Jahren mit Erfolg arbeitet. Als Spieler absolvierte er von 1974 bis 1990 mit Bayer 05 Uerdingen und dem 1. FC Kaiserslautern 320 Bundesliga-Spiele. Im Gespräch redet Funkel im neunten Teil der FAZ.NET-Serie SOLO - Ein Thema, ein Interview über - Erfahrung.
Wie definieren Sie den Begriff Erfahrung?
Wer viel erlebt hat, verfügt über eine Menge Lebenserfahrung. Ich kann für mich behaupten, dass ich im Fußball fast alle Entwicklungen hautnah mitbekommen habe: ob als Spieler, Reservist auf der Tribüne, Team-Koordinator, Assistenz- oder Cheftrainer. Ich habe gute Trainer erlebt, schlechte, hektische und ruhige, von allen habe ich gelernt. Die Erfahrung ist ein echter Trumpf, der mir heute zugutekommt. Erfahrung bedeutet aber auch, Verständnis für denjenigen aufzubringen, mit dem ich mich gerade auseinandersetze. Ich überlege mittlerweile oft: Wie haben deine Trainer früher in einer ähnlichen Situation reagiert - Erfahrung ist also auch Erinnerung.
Erinnern Sie sich an Ihren ersten Fußball?
Natürlich! Ich bin in bescheidenen Verhältnissen groß geworden. Ich war acht Jahre alt und erhielt zu Weihnachten meinen ersten Lederball, da bekam ich leuchtende Augen - das ist für junge Leute heute nicht mehr vorstellbar. Den Ball hatte ich mir schon gewünscht, als ich eingeschult wurde, doch da ging es finanziell noch nicht. Als ich den Ball hatte, habe ich das Stück gehegt und gepflegt und regelmäßig eingefettet.
Haben Sie das Fußballspielen noch auf der Straße gelernt?
Klar. Ich habe mir die Knie aufgeschlagen, die Hosen waren regelmäßig kaputt. Wenn der Bolzplatz belegt war, weil alle Kinder aus der Nachbarschaft kicken wollten, dann sind wir auf den Bürgersteig gegangen. Wir spielten mit einem alten Tennisball, die Kellerfenster, wo die Briketts und die Kohlen reingeschüttet wurden, waren unsere Tore. Auf Autos mussten wir in unserem Viertel nie aufpassen, es gab keine.
Eine entbehrungsreiche, aber trotz allem erfüllende Zeit - fällt so Ihr Urteil im Rückblick aus?
Ja, so war es. Auch wenn ich mich natürlich verändert habe und anspruchsvoller geworden bin, werde ich nie vergessen, wo ich herkomme. Deshalb bin ich auch mit der Eintracht-Mannschaft zu einem Benefizspiel nach Uerdingen gefahren. Ich habe meinen Spielern genau erklärt, warum wir da hin sind, obwohl wir viele Verletzte hatten und die Nationalspieler bei Länderspielen waren. Ich bin dem Verein Uerdingen verpflichtet, dort gab man mir die Chance, als Profi Fuß zu fassen. Fußball wurde danach zu meinem zentralen Lebensinhalt, dem Fußball habe ich alles zu verdanken.
Was glauben Sie, welche Richtung hätte Ihr Lebensweg eingeschlagen, wenn Sie nicht so gut hätten Fußball spielen können?
Ich wollte Sportlehrer werden, das wäre eine Option gewesen. Doch als ich mit 14, 15 Jahren merkte, dass ich auch als Fußballer nicht so ganz untalentiert bin, war mein Berufswunsch klar: Fußballprofi sollte es sein. Ich schwärmte seinerzeit für Uwe Seeler, er war mein Idol. Seeler faszinierte mich: seine Bodenständigkeit, sein Charakter und seinen Einsatzwillen finde ich bis heute vorbildlich.
Gab es einen Plan B, wenn es mit der Profilaufbahn nichts geworden wäre?
Ich machte eine dreijährige Lehre als Großhandelskaufmann und arbeitete zwölf Monate als kaufmännischer Angestellter im Elektrogroßhandel. Der Chef war ein Fußballfan, ich durfte immer zum Training und habe auch mal zehn Mark bekommen, wenn ich ein Tor geschossen habe.
Ihnen fallen viele lange zurückliegende Details aus dem Stegreif ein. Besitzen Sie ein gut sortiertes Archiv zu Hause, sitzen Sie viel vor dem Computer?
Ich schreibe nichts auf. Ich kann mich an alles erinnern - aus dem Gedächtnis.
Ist Ihnen Ihr erstes Bundesliga-Spiel noch präsent?
Das war 1974 nach dem Aufstieg mit Uerdingen in Essen. Wir haben 1:2 verloren. Wollen Sie die Torschützen wissen?
Gern.
Zweimal Hrubesch für Essen, einmal Funkel für Uerdingen.
Von welchem Zeitpunkt an ist man eigentlich ein erfahrener Trainer? Braucht man ein gewisses Alter, muss man eine bestimmte Anzahl an Spielen erreicht haben?
So lässt sich das nicht sagen. Wer eine gewisse Berufserfahrung hat, verhält sich in bestimmten Situationen einfach anders. Ich bin nun seit fast einem Vierteljahrhundert Trainer. Schon als ich Anfang dreißig war, überlegte ich mir: Was machst du eigentlich nach deiner Karriere? Eine Anstellung als Trainer fand ich gleich reizvoll. Also habe ich mir in Uerdingen vom Klubpräsidium erlauben lassen, nebenher eine Amateurmannschaft zu betreuen. Das war der VfR Neuss, wir wurden auf Anhieb Zweiter in der Landesliga hinter Preußen Krefeld. Dort spielte Armin Reutershahn, der heute mein Assistent ist. 1990 wurde ich unter Timo Konietzka Assistenztrainer in Uerdingen; als er entlassen wurde, machte mich Manager Felix Magath zum Chefcoach. Das bin ich seit 2004 auch in Frankfurt. Also, dass ich keine Erfahrung habe, kann man nicht unbedingt behaupten.
Haben Sie sich anfangs Tipps geholt und von der Erfahrung anderer profitiert?
Ich habe mit Karl-Heinz Feldkamp telefoniert, den hatte ich zuvor als Trainer am längsten, und er arbeitete sehr erfolgreich. Kalli sagte mir: Du wirst nicht allzu viele Chancen bekommen, Trainer zu werden, also nutze sie.
Gibt es heute noch jemanden, den Sie anrufen und um Rat bitten?
Nein.
Sie haben über tausend Partien als Spieler und Trainer absolviert. Spüren Sie einen Unterschied zu der Zeit, als Sie noch neu im Geschäft waren?
Im ersten Trainerjahr war ich unsicher. Heute reagiere ich anders, wesentlich gelassener auf alles, was mit meinem Job zu tun hat: der Umgang mit der Mannschaft, mit der Journaille. Das ist keine gespielte Ruhe - so bin ich. Nur in Ruhe ist zum Beispiel ein Abstiegskampf überhaupt zu meistern. Am Anfang wollte ich alles machen, da habe ich mich schon mal verheddert. Ich habe Spieler kontrolliert, bin im Hotel durch die Zimmer gegangen. Das käme mir heute im Leben nicht mehr in den Sinn.
Nach all den Jahren ist während der Spiele bei Ihnen aber von Gelassenheit keine Spur. Ist das kalkuliert?
Kalkuliert ist es selten. Nur kürzlich gegen Schalke war es kalkuliert. Da wusste ich, wir haben nur eine Chance, indem wir die Rückkehr von Jermaine Jones nach Frankfurt ausnutzen, Aggressivität reinbringen und das Publikum hinter uns bringen. Jones hat uns dann mit seinem Foul in die Karten gespielt. Ich stand neunzig Minuten am Rande eines Verweises auf die Tribüne, das war ein Spiel mit dem Feuer. In der Regel ist es so, dass an einem Spieltag meine Freude am Fußball durchkommt. Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich ins Stadion reinlaufe, wenn ich die Atmosphäre spüre und die Choreographie unserer Fans sehe. Dann denke ich immer wieder: Mein Gott, habe ich ein Glück, einen solchen Beruf auszuüben zu dürfen. Während der Partien bin ich fast mehr Spieler als Trainer, am liebsten würde ich mitmachen und den Jungs helfen. Bei Fouls zucke ich dann zusammen, das tut mir selbst weh.
Wie ist das Gefühl, wenn 50.000 Leute Funkel raus rufen oder Sie hochleben lassen?
Das höre ich schon, aber ich kann es realistisch einschätzen. Das regt mich in keiner Weise auf, denn es kommt dabei nicht darauf an, wie du gearbeitet hast, sondern es geht nur ums nackte Ergebnis. Das muss man einschätzen können. Das hat auch mit Erfahrung zu tun.
Brauchen Sie angesichts des momentanen Höhenflugs bei der Eintracht privat jemanden, der dafür sorgt, dass Sie nicht übermütig werden?
Da brauche ich überhaupt niemand. Glauben Sie mir, ich bin der Allerletzte, der abhebt. Das hat mit der Bescheidenheit zu tun, die ich von den Eltern vermittelt bekommen habe. Ich könnte auch nie vor den Zuschauern tanzen, wie es zum Beispiel mein Kollege Peter Neururer getan hat. So etwas mache ich höchstens im Karneval - wenn keine Kameras dabei sind.
Besteht aufgrund Ihrer eigenen Entwicklung die Gefahr, zu nah an den Spielern zu sein, zu viel Verständnis aufzubringen?
Ich bin nicht zu dicht an den Spielern, auch wenn das von Kritikern fälschlicherweise behauptet wird. Das mit dem Verständnis trifft vielleicht zu. Ich könnte nie mit Spielern abends weggehen, aber Verständnis für ihre Sorgen habe ich schon. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass ich es nie allen gleichzeitig recht machen kann. Am Anfang wollte ich das, da hatte ich nur schlaflose Nächte. Heute weiß ich, dass bestimmte Entscheidungen sein müssen. Das ist wie mit Zahnweh: Auch wenn du Schmerzen hast, schiebst du den Termin gerne vor dir her, aber irgendwann musst du trotzdem hin.
Was war Ihre schönste Erfahrung im Sport?
Es gibt so viele. Der Pokalsieg als Spieler 1985 mit Uerdingen war etwas Besonderes, das 7:3 im Uefa-Pokal gegen Dresden, der erste Aufstieg als Spieler mit Uerdingen gegen Pirmasens.
Und wie sieht es mit den unangenehmen Erfahrungen aus?
Gibt es so gut wie keine. Natürlich ist eine 1:9-Niederlage als Spieler in Gladbach nicht schön, genauso wie die 0:8-Niederlage als Trainer mit Köln im Pokal gegen die Bayern. Aber auch wenn es nicht immer angenehm ist: es ist doch ein Traumjob.
Stimmt das Bild eigentlich, das von Trainern gern gezeichnet wird, dass sich junge, ungestüme Spieler an erfahrenen Teamkollegen orientieren müssen - und wenn ja, wie sieht das konkret aus?
Das ist ganz vernünftig so. Kalli Feldkamp suchte mich in Uerdingen aus, damit ich Oliver Bierhoff und Marcel Witeczek, die als Siebzehnjährige zu uns kamen, beim Einleben helfe. Ich stand ihnen vom ersten Tag an mit Ratschlägen zur Seite. Bei uns in Frankfurt übernimmt diese Aufgabe nun Christoph Spycher. Er ist bescheiden, kein Spinner, bringt eine vernünftige Einstellung mit, spricht perfekt Englisch und ist in der Mannschaft anerkannt - das hilft einem Neuen.
Rudi Völler erneuerte unlängst seine Kritik an Oliver Bierhoff und Trainer Joachim Löw mit den Worten: Die müssen uns nicht erklären, wie der Fußball geht. Völler sagte, er spricht für viele erfahrene Kollegen in Deutschland. Teilen Sie seine Einschätzung?
Ja, das ist auch meine Meinung. Fakt ist, dass die Spieler topfit zur Nationalmannschaft kommen. Die Basis wird in Vereinen gelegt. Es gibt auch beim DFB nicht so viel Neues, wie es immer wieder dargestellt wird. Viele Dinge haben wir früher auch gemacht, nur mit anderen Mitteln. Heute ziehen sie beim Kraftausdauertraining moderne Schlitten hinter sich her, seinerzeit waren es alte Autoreifen.
Aber Jürgen Klinsmann war bei der WM 2006 ein gänzlich unerfahrener Trainer und doch mit der Nationalelf erfolgreich. Wie funktionierte das?
Er hat nichts Weltbewegendes anders gemacht. Aber er hat es geschafft, durch seine mitreißende Art Deutschland wachzurütteln, er hat für Begeisterung gesorgt und sich und die Mannschaft phantastisch verkauft. Aber es kamen viele Faktoren hinzu, die auch er nicht beeinflussen konnte, angefangen beim Wetter. Hätte es vier Wochen geregnet, wäre nie eine solche Stimmung aufgekommen.
Haben Sie bei aller Erfahrung eigentlich eine Marotte?
Ich bin abergläubisch. Bei der Eintracht nehme ich immer einen weißen Trainingsanzug, wenn die Lage brenzlig ist. Da habe ich zwar schon Kritik vom Aufsichtsrat bekommen, weil an dem keine Werbung angebracht ist. Aber der Anzug hat immer Glück gebracht. Im Aufstiegsjahr haben wir mit ihm 5:0 in Aue gewonnen, 3:0 in Erfurt, 3:0 in Cottbus und auch gegen Burghausen 3:0. Dann in Duisburg nach dem Aufstieg 1:0 und gegen Aachen 4:0.
Warum tragen Sie ihn dann nicht immer?
Weil er dadurch seine Wirkung verlieren würde. In Köln hatte ich mal ein T-Shirt vom ersten Spieltag bis zur ersten Niederlage am 27. immer wieder an. Wissen Sie, wie das Ding gestunken hat? Das konnte ich immer erst eine Minute vor Anpfiff anziehen, weil das unerträglich roch.
Wie lange wollen Sie noch Trainer bleiben?
Solange es Spaß macht und ich gesund bin. Auf dem Mofa oder Fahrrad will ich beim Waldlauf mit den Spielern jedenfalls niemals hinterherfahren.
Haben Sie in irgendetwas anderem so viel Erfahrung wie im Fußball?
Ich reise gerne, ich bin Mallorca-erfahren. Ich spiele gerne Tennis, fahre regelmäßig Ski. Aber Fußball hat den größten Platz in meinem Leben.
Sie sind im Schützenverein in Neuss. Haben Sie Erfahrung mit dem Gewehr?
Mitglied bin ich, aber ich habe noch nie geschossen. Ich kriege das Auge gar nicht richtig zu.
Als überzeugter Karnevalist haben Sie sicher Erfahrung mit bewegten Feiern, oder?
Stimmt. Ich habe schon immer gerne Karnevalsmusik gehört. In Neuss hatten wir früher Karnevalsfeten, da stand bei uns tagelang die Haustür auf. Aber als ich beim 1. FC Köln gearbeitet habe, wurde es extrem. Da traf ich die Höhner oder die Black Fööss und stand mit ihnen auf der Bühne. Der Kölner Karneval ist einfach der beste, da ist viel Herz dabei.
So viel Temperament außerhalb des Fußballs trauen Ihnen manche gar nicht zu. Sie werden oft als stur wahrgenommen. Worauf führen Sie das zurück?
Vermutlich, weil ich am Spielfeldrand sehr ernst und konzentriert bin. Selbst meine Kinder haben mir früher gesagt: Du siehst immer so finster aus, kannst du nicht mal ein bisschen lachen? Vielleicht bin ich in Fernsehinterviews unmittelbar nach Schlusspfiff auch mal ein bisschen bockig. Da gibt man halt nicht immer die gescheitesten Antworten. Aber das sind Fehler, die sind menschlich.
Sie gelten als harter Hund. Haben Sie keine Angst, dass sich Ihre Methoden irgendwann abnutzen?
Ich bin alles andere als hart, sondern handele lediglich situationsbedingt. Glauben Sie mir, ich kann fünfe gerade sein lassen. Zuletzt kam Caio eine halbe Stunde zu spät, weil er nicht mitbekommen hatte, dass das Training vorverlegt wurde - da gibt es natürlich keine Strafe. Ich bin doch nicht unmenschlich. Wenn im Winter Stau auf der Autobahn ist und die Spieler rufen an, sage ich ihnen: Komm lieber später, dafür aber gesund.
Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen - sagte Kurt Tucholsky.
Nun ja, ich meine, mit viel Erfahrung macht man nicht alles richtig, aber vieles.
Das Gespräch führten Marc Heinrich und Josef Schmitt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Roger Hagmann