Kommentar

Doping, mal ganz unter uns

Von Michael Reinsch

Auskunftsfreudig nach Berlin? Jan Ullrich

Auskunftsfreudig nach Berlin? Jan Ullrich

06. April 2007 Die jüngste Entwicklung im Fall Jan Ullrich sieht aus wie ein Stück aus der Klischeekiste der politischen Öffentlichkeitsarbeit: Der Bundestagsabgeordnete Peter Danckert lädt den kürzlich zurückgetretenen Radprofi sowohl zu einer Anhörung in den Sportausschuss des Deutschen Bundestages, dem er vorsitzt, als auch zu einem Gespräch unter vier Augen ein. Bevor Ullrich daheim in Scherzingen auf der Schweizer Seite des Bodensees überhaupt informiert ist, steht der Appell bereits in den Zeitungen und geht über die Sender.

Es sei Zeit zum Umdenken, mahnt Danckert, Zeit, reinen Tisch zu machen, Zeit, sich an die Spitze der Bewegung für einen sauberen Sport zu setzen. Wie eine einladend ausgestreckte Hand wirkt das allerdings nicht; eher scheint ein Untersuchungsausschuss auf Ullrich zu warten (Siehe auch: Jan Ullrich droht auch Funktionsverbot).

Ausgerechnet Ullrich?

Die Vorstellung ist abenteuerlich, dass der ausgestiegene Radprofi im Mai gemeinsam mit Ärzten seines einstigen Teams T-Mobile nach Berlin reisen könnte, um den Deutschen Bundestag in die Geheimnisse der pharmazeutischen und medizinischen Manipulationen des Radsports einzuführen. Ausgerechnet er, der sich vor fünf Wochen mit einer Pressekonferenz, auf der keine Fragen gestellt werden durften, und mit einem Talkshow-Auftritt, bei dem er auf Fragen nach Doping mit Schweißausbrüchen und Gestammel reagierte, aus diesem Metier zurückgezogen hat?

Ausgerechnet Ullrich, der sich eher von T-Mobile hat hinauswerfen lassen als einzuräumen, dass er Kontakt zu dem spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes hatte? Ausgerechnet er, der mit einer eidesstattlichen Erklärung dem Heidelberger Professor Werner Franke die Behauptung verbieten ließ, Ullrich habe beträchtliche Summen für den Kauf von Dopingmitteln bei Fuentes aufgewandt? Ausgerechnet er, gegen den die Bonner Staatsanwaltschaft wegen Betruges zu Lasten des Team T-Mobile ermittelt?

Lug und Trug

Danckert hat seinen Optimismus exklusiv. Noch vor den Mitgliedern seines Ausschusses informierte er von seinem Solo für Ullrich die Öffentlichkeit. Andererseits weiß der erfahrene Strafverteidiger und durchsetzungsfähige Politiker Danckert nur zu genau, dass Ullrich in die Ecke mit den verstockten Dopern geraten ist. Spätestens seit eine gentechnische Analyse der Staatsanwaltschaft Bonn beweist, dass viereinhalb Liter von Ullrichs Blut im Hochleistungslabor von Fuentes eingelagert waren, beleuchtet ein Schriftzug das Halbdunkel dort: Lug und Trug.

Schwierig genug, mit 33 Jahren schon ein ehemaliger Sportler zu sein. Mehr noch als das Risiko, die Verfahren zu verlieren, in die er verstrickt ist, könnte den ebenso naiven wie schlecht beratenen Ullrich so allmählich belasten, dass seine gesamte Karriere schwerwiegend kompromittiert ist. Nun weiß er, dass im Glanz von Gelbem Trikot und olympischer Goldmedaille immer auch die Blutbeutel des Doktor Fuentes aufscheinen werden.

Wenn der einzige deutsche Tour-Sieger, der Held von gestern, sich fühlen muss wie ein Paria, könnte in der Tat ein öffentlicher Befreiungsschlag angeraten sein. Ein Bekenntnis vor dem Sportausschuss steht wohl eher nicht zu erwarten.

Text: F.A.Z. vom 7. April 2007
Bildmaterial: dpa

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