Von Hans-Joachim Leyenberg
13. Januar 2004 Warum sie ausgerechnet Boxerin geworden ist, kann sie ebensowenig erklären, wie ihre männlichen Kollegen solche Fragen beantworten können. Aber können die voraussichtlich fünf, sechs Millionen vor den Fernsehgeräten begründen, warum sie sich einen Faustkampf ansehen?
So viele dürften es am kommenden Samstag sein, wenn Regina Halmich in ihrer Heimatstadt Karlsruhe auf Johanna Pena Alvarez aus der Dominikanischen Republik trifft. Die Weltmeisterin im Fliegengewicht wird erstmals die Hauptkämpferin sein. Die beiden Herren, die sich zuvor im Kampf um die Weltmeisterschaft im Halbschwergewicht beharken, hätten ganz schön komisch geguckt, als sie davon erfuhren, plaudert der Sprecher des Veranstalters Universum Box Promotion aus. Immerhin versucht sich deren ungarischer Boxer Szolt Erdei als Rächer des "Tigers" Dariusz Michalczewski. Der hatte in Hamburg gegen Julio Cesar Gonzales verloren. Jetzt soll Erdei eben jenen Gonzalez vom WBO-Thron holen. Die Fachfrau Regina Halmich meint, Erdei könne es schaffen, "er boxt ganz anders als Dariusz". Aber das ist nicht ihre Sorge und schon gar nicht ihr Thema. Sie hat sich durchgesetzt in einer Männerdomäne, das ist es.
Quote und Popularität zahlen sich aus
Früher trat sie im Rahmenprogramm auf, dem Füller für die "Superstars", wie die Championesse etwas bitter vermerkt. Den kleinen Unterschied bekomme man da schon zu spüren. Man wohnt im Hotel, das mindestens einen Stern weniger hat als die Herberge der Hauptkämpfer, man bekommt vorher keine Plattform und hinterher erst recht nicht. Inzwischen sei das anders. "Es gibt nicht mehr so viele Champions", gibt sie eine Lagebeschreibung im Hause Universum. "Wir werden nach Einschaltquoten bemessen und nicht nach Geschlecht." Sobald sie boxt, sehen mehr hin als etwa bei den Kraftproben von Felix Sturm oder Thomas Ulrich. Quote und Popularität zahlen sich wiederum in klingender Münze als Bonus des Arbeitgebers Universum nieder.
Der Durchbruch für Regina Halmich? "Traurig, aber wahr", sagt sie, es war die Herausforderung durch den Spaßvogel Stefan Raab, dem sie ordentlich eins auf die Nase verpaßt habe. Die "Bravo-Generation", der sie sich mit 27 Jahren nicht mehr zugehörig fühlt, fand es "cool". Das ungleiche Duell wurde Tagesgespräch. Nie zuvor, obwohl es ja nicht an Sendeminuten im Sportsender DSF fehlte, sei sie so richtig wahrgenommen worden. Hinzu kam der Wechsel des Universum-Haussenders hin zum ZDF. Am Samstag war Regina Halmich zum dritten Mal Studiogast, zum ersten Mal wurde für sie als Hauptmatadorin getrommelt.
Sie wird wieder den Kabinentod sterben
Früher hat sie davon geträumt, nach Amerika zu gehen, um eine "anständige Börse zu verdienen". Die bekommt sie mittlerweile auch hier. Für all den Aufwand, für das Risiko. Wenn Regina Halmich am Samstag in den Ring steigt, hat sie hundert Sparringsrunden und 300 Kilometer Lauftraining hinter sich. Und dennoch wird sie bei aller Routine selbst vor der 33. Titelverteidigung den "Kabinentod sterben". Herzklopfen stellt sich ein, das Adrenalin steigt, der Puls rast, wenn der Ruf erklingt: "Noch fünf Minuten."
Ihre Gegnerin ist 21 Jahre alt, also jung und hungrig. Ihre Bilanz kann sich mit 14 Siegen (davon zehn durch K.o.), einer Niederlage und einem Unentschieden sehen lassen. Nach dem Videostudium bescheinigt Regina Halmich der Herausforderin eine blendende Beinarbeit, mal suche Johanna Pena Alvarez die "absolute Offensive, aber unvermittelt schaltet sie den Rückwärtsgang ein". Die Frau ist somit unberechenbar. Aber, und darauf setzt die Titelverteidigerin: "Sie ist noch nie über zehn Runden gegangen, ihr fehlt die Erfahrung, die ich habe."
Die Jahre als "Schattenboxerin" haben sie geprägt
Regina Halmich wird bisweilen als Glamourgirl im Ring verkauft, das sie nicht ist. Die Jahre als "Schattenboxerin" haben sie geprägt, als sie in der zweiten, wenn nicht gar dritten Reihe hinter den Männern kam. Zielstrebigkeit, Trainingsfleiß, Talent, aber auch ihre Gabe, sich als Anwältin der Frauen durchzuboxen, haben sie dahin gebracht, wo sie jetzt ist: "Ich habe im Moment meine beste Zeit."
Vielleicht hat sie ihre beste sportliche Zeit bereits hinter sich, aber so anerkannt, so akzeptiert wie heute war sie noch nie. Die Werbeverträge belegen das, die Zahl ihrer Fernsehauftritte. Sie sagt öfter nein, als es ihr Vermarkter gut findet. "Ich muß nicht überall sein", leistet sie verhalten Widerstand, "ich bin gar nicht der Jetsetter. Sich unter Prominenten zu bewegen kann anstrengend, sehr oberflächlich sein."
Versagensängste sind ihre ständigen Begleiter. "Ich bin sehr selbstkritisch", findet sie, und es bleibt offen, ob sie das nun gut oder wenig hilfreich findet. "Aber letztendlich glaub' ich auch an mich", findet sie einen Halt in sich. "Warum mache ich das, ich wünschte, ich hätt's schon hinter mich gebracht", pflegt sie unmittelbar vor dem Kampf zu denken. Zwei Wochen danach habe sie zwei Wochen für sich. Dann ist nach dem Kampf wieder vor dem Kampf.
"Noch Fragen?" lautet der Titel eines Buches über Regina Halmich. Ja, ob es weitergeht mit dem Frauenboxen, wenn sie von der Bühne geht? "Ich kann nicht ewig die Stellung halten, da kommt was nach. Denn sonst wäre ich nur eine Zeiterscheinung." Aber auch da bleiben Fragen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Januar 2004 / Nr. 11
Bildmaterial: dpa