Nowitzki im Interview

„Pessimismus ist meine Antriebsfeder“

Dirk Nowitzki: Mehr Waffen mit den Mavericks

Dirk Nowitzki: Mehr Waffen mit den Mavericks

17. April 2007 Basketball-Profi Dirk Nowitzki im F.A.Z.-Interview über sein tänzerisches Talent, sein neuntes Jahr in der NBA, Olympia 2008 und die Titel-Chancen der Dallas Mavericks in den Play-offs.

Das ist ja eine richtig gute Nummer geworden, das extra vor den Play-offs angefertigte, neue Video von Ihnen, wo Sie mit der E-Gitarre dastehen und Mick Jagger nachmachen. Ihre texanischen Fans toben, wenn es während der Heimspiele in den Pausen gezeigt wird. Beste Unterhaltung!

Dazu muss man wissen, dass ich ein riesen Musikfan bin, Gitarre spielen kann und die „Stones“ schon immer super finde.

Trotzdem ist ein derartiger Auftritt von Ihnen angesichts Ihrer eher zurückhaltenden Art eine Überraschung…

…da hat man mich auch länger überreden müssen. Von meinem Mitspieler Devin Harris gab’s mal so ein Video mit dem Rapper „MC Hammer“, das ist überraschend gut angekommen. Und dann hat jemand gemeint, jetzt wird’s Zeit für so ein Ding mit dem Dirk. Es behaupten ohnehin einige Leute, ich müsste gefälligst anfangen, nach außen mehr von meinem Charakter und meiner Persönlichkeit zu zeigen. Also bitte, zu Hause rocke ich häufiger mit lauter Musik so herum. Und nun gibt es plötzlich einige Fans, die richtig geschockt von mir sind, wenn ich die Hüften kreisen lasse.

Vielleicht sind die Fans mehr geschockt davon, wie tänzerisch ausbaufähig Sie die Hüften kreisen lassen.

Na ja, es könnte besser gehen. Aber Tanzen fällt mir ehrlich gesagt immer aufs Neue schwer.

Auf dem Basketballparkett tanzen Sie die Gegenspieler mehr denn je reihenweise aus. Nicht nur Ihr Trainer Avery Johnson, auch etliche Gegner sind der Meinung, dass Sie im neunten Jahr in den Staaten Ihre bisher beste Saison abliefern.

Weiß ich nicht. Schlecht ist sie sicher nicht, was man auch daran sieht, dass wir mit den Mavericks noch nie besser abgeschnitten haben, wofür ich als Mannschaftsführer mit zuständig bin. Ich werfe derzeit zwar nicht mehr regelmäßig meine 30 bis 40 Punkte pro Match, der Schnitt ist nach unten gegangen, was aber von Avery ein bewusster Schritt gewesen war: Er wollte uns als Team unberechenbarer machen, mit mehr Waffen ausstatten. Der Erfolg gibt uns recht.

Viele Auftritte von Ihnen sind fürs Publikum gar nicht so spektakulär. Sie fallen kaum auf, doch wenn man hernach die Statistik liest, sind dort 21, 23 oder 26 Punkte von Ihnen notiert, sind Sie jedes Mal der beste Schütze gewesen.

Etwas unauffälliger zu spielen, muss für die Mannschaft nichts Negatives sein. Ich habe als Passgeber zugelegt und wie gefordert endlich in der Defensive oder an anderen Stellen, wo es untereinander geklemmt hat.

Wenn am Freitag die Play-offs beginnen, drängt sich Ihr Team als Hauptrunden-Primus für den Titelgewinn geradezu auf. In Ihren Augen auch?

Ich bin ein dermaßen klarer Fall von einem Pessimisten, das gibt’s gar nicht. Das hab ich von meiner Mutter, die ist genauso beieinander. Wenn ich am Abend mal eine schwächere Partie geboten habe, denke ich, ich wäre der schlechteste Spieler der Welt, und setze mich am nächsten Morgen mit 300 Strafwürfen im Training unter Druck. Aber vielleicht ist das ja die wahre Antriebsfeder meiner Leistung.

Wie also schätzt der Pessimist die eigenen Titelchancen ein?

Das ist schwer abzuschätzen. Diese Play-offs nach der eigentlich schon genug kräftezehrenden regulären Runde sind wie eine Saison innerhalb der Saison. Da kann plötzlich irgendeine Mannschaft einen Lauf bekommen und dich unerwartet rausklatschen. Von der Dramatik her sind Play-off-Spiele auf jeden Fall eine tolle Sache, es ist ein völlig eigenes System. Aber wenn wir nach unseren tollen bisherigen Resultaten jetzt zu den Verlierern gehören sollten, wäre die ganze Saison kaputt, nutzt dir kein Sieg im Nachhinein mehr was.

Im Vorjahr waren diese Play-offs für Sie zwar erst im Finale gegen Miami vorbei, dort aber umso bitterer mit 2:4 nach einem 2:0-Zwischenstand.

Und wenn man bedenkt, was für eine Kraft, Energie und auch Glück wir gebraucht haben, um in dieses Finale zu kommen, der Wahnsinn! Sieben harte Spiele gegen San Antonio, sechs gegen Phoenix. Und das werden auch diesmal die Brocken bei uns in der eigenen Western Conference sein. Der Finalgegner, der aus der Eastern Conference kommt, wird sicherlich nicht der schwerste Gegner sein.

Sie waren nach dem K.o. gegen Miami monatelang kaum auf die Niederlage ansprechbar, wirkten wie am Boden zerstört. Mit der inzwischen erzielten Distanz: Wie haben Sie sich zu Ihren neuen Großtaten aufraffen können?

Weggesteckt, daran wird sich leider nichts ändern, habe ich das nicht und werde ich das nie. Im Verein wollten sie für uns sogar einen Mentalcoach verpflichten. Aber ich bin kein Psychofall, so einen brauche ich nicht. Ich gehe zwar mit bald 29 Jahren stramm auf die 30 zu, aber das Finale gegen Miami war ja nicht meine letzte Chance. Ich bin ja nicht 35. Ich fühle mich jung und voll auf dem Höhepunkt meiner Möglichkeiten, da kann noch Etliches kommen. Eines ist allerdings klar: Wenn ich nie mehr dieses NBA-Finale erreichen und es dann gewinnen sollte, wird mich diese Sache mein restliches Leben lang, ob ich will oder nicht, verfolgen.

Wenn Sie wählen könnten: einmal das NBA-Championat zu gewinnen oder 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking teilzunehmen, was nach eigener Ankündigung Ihre letzte Olympia-Chance bedeuten wird: Wofür würden Sie sich entscheiden?

Oh Gott, diese Frage ist für mich zu schwer zu beantworten. Dallas ist mein Arbeitgeber, aus diesem Aspekt würde ich eventuell sagen, der Titel. Spätestens im Sommer in der deutschen Nationalmannschaft würde ich’s aber wahrscheinlich wieder andersherum sehen.

Ihre regelmäßig artikulierte Kritik am mangelhaften Zustand des deutschen Basketball-Nachwuchses äußern Sie heute ausnahmsweise nicht?

Das ist für mich momentan wirklich kein Thema. Keine Zeit dafür. In den nächsten Wochen zählen für mich nur diese verdammten Play-offs. Ich weiß bloß, dass die EM dieses Jahr in Spanien ist und damit die Olympia-Qualifikation beginnt und ich wahrscheinlich wieder zwei Wochen davor zu den Jungs stoßen werde. Für mehr ist der Kopf nicht frei.

Während der Fußball-WM in Deutschland stand Deutschlands bester Korbjäger mit seinen favorisierten Dallas Mavericks erstmals im Play-off-Finale um den Meistertitel der National Basketball Association (NBA). Mannschaftskapitän Dirk Nowitzki und sein Team scheiterten jedoch an Miami Heat. Zehn Monate später bewerben sich der Würzburger und seine Texaner wieder um die Trophäe. Mit bisher 66 Siegen aus den 82 regulären Runden-Begegnungen gehören die „Mavs“ zu den zehn besten Vorrunden-Mannschaften in der 61jährigen NBA-Geschichte - und sind damit fast so gut wie die Chicago Bulls 1996 mit Nowitzkis Idol Michael Jordan und deren Rekord von 72 Siegen. Nur eines jener historischen Top-Ten-Teams verpasste den Titel: die Boston Celtics im Jahre 1973. Beste Aussichten also für Nowitzki und Dallas in der am Freitag beginnenden Play-off-Serie.

Das Gespräch führte Jürgen Höpfl.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, Reuters

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