Von Michael Horeni
26. Februar 2008 Die Werte-Diskussion über das Verhalten von Managern hat nun auch meinen Fitness-Klub erreicht. Und zwar am Freitag letzter Woche, kurz nach neun, in der Umkleidekabine. Ich betrat den Raum und wünschte Guten Morgen. Ein stattlicher Mann, der phänotypisch nicht in Verdacht stand, der Managerklasse anzugehören, reagierte fast schon enthusiastisch auf die Begrüßung.
Er erhob seinen vom Krafttraining auffällig gestählten und mit kleinen Tätowierungen verzierten Körper von der Holzbank und rief mit ausgeprägtem frankforterisch in die Runde: Ei des gibt's doch net. Hier sächt doch aaner in dem elitäre Klub tatsäschlisch noch Guude Morsche. Dass es däs hier noch gibt, hät ich echt net mehr gedacht.Plötzlich wurde es sehr still in der Kabine.
Ein wunder Punkt
Denn tatsächlich steht es mit der Begrüßung untereinander in meinem Klub nicht zum Besten. Um nicht zu sagen: Es ist ein wunder Punkt in dieser chromblitzenden und holzgetäfelten Fitness-Welt. Das weitgehende ignorieren selbst von rudimentären Umgangsformen passt jedenfalls nicht so recht zu dem prachtvollen Titel eines sich stilvoll gebenden Premium Health Club.
Es ist in der Tat ganz oft so, dass niemand auf einen Begrüßungs- oder Abschiedsgruß reagiert. Das kann ja mal daran liegen, dass es nicht unbedingt jedermanns Sache ist, genau dann einen Guten Tag zu wünschen, wenn man gerade mit dem akkuraten Sitz der eigenen Unterwäsche beschäftigt ist. Na klar. Aber auch wenn die Herren ihre Anzüge angelegt haben, kramen viele lieber in ihren Taschen als auch nur den Kopf zu heben. Die Mehrheit jedenfalls ist in der Kabine eine schweigende Mehrheit, und der grußlose Ein- und Austritt in die schöne Fitnesswelt gehört zum üblichen schlechten Ton.
Statement aus der Arbeiterklasse
Dem Mut dieses stattlichen Vertreters des kleinen Mannes für Höflichkeit zwischen den gesellschaftlichen Schichten gehörte meine uneingeschränkte Sympathie. Aber einmal in Fahrt war die Stimme des entrechten Angestelltenvolks plötzlich nicht mehr zu stoppen. Die habbe dreitausend Leut unner sich, aber sache net Guude Morsche. Was issen däs für ne Elide. Die habbe des wohl net mehr nödisch, fuhr der Frankfurter Sportsfreund fort.
In deutschen Talkshows hätte dieses Statement aus der Arbeiterklasse der deutschen Fitness-Industrie sicher für lebhaften Beifall gesorgt. Hart aber fair? Ich spürte, wie ich mich in diesem doch etwas unbehaglichen Moment noch vor dem Romanian Deadlift, den Bizeps Curls und dem Russian Twist meiner Schmerzgrenze näherte. Ich wollte doch eigentlich nur trainieren, nicht diskutieren. Aber auf einmal war in der Kabine Leben wie in einer richtigen Mucki-Bude. Ein eleganter Herr - Phänotyp Manager, verantwortlich für vermutlich 3000 Leute - näherte sich mit Anzug und Schlips dem lautstarken Förderer der guten Sitte in deutschen Fitness-Studios. Sie haben vollkommen Recht, mein Herr. Mich stört das auch schon lange, entgegnete er. Gut, dass Sie es mal so laut gesagt habe. Ich wünsche Ihnen noch einen guten Tag und ein schönes Wochenende.
Am Montag bin ich erwartungsvoll in den Klub, wieder gegen neun. Acht Männer waren in der Kabine als ich mit einem Guten Morgen durch die Tür trat. Vier grüßten zurück, 50 Prozent. So viel wie noch nie.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa
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