Tennis-Tagebuch

Trainingsanzug in Massageöl

Von Andrea Petkovic

02. Mai 2007 Nach den zahlreichen Reisen durch die Weltgeschichte und meinem Sprung unter die besten 200 Tennisspielerinnen der Welt feierte ich zu Beginn der Sandplatzsaison gerade alleine in meinem Hotelzimmer in Civitavecchia, Italien, meine Erstrundenniederlage gegen die Russin Kustava, als mir der Anruf der Anrufe durchgestellt wurde. Einmal mehr sollte es Barbara Rittner sein, die mir gute Nachricht überbrachte. Ich war zu meiner eigenen Überraschung und auch zu meinem eigenen Entsetzen für den Fed Cup in Fürth nominiert, und eben noch in tiefster Trauer über das klägliche Scheitern gegen die Russin, wandelte sich mein Gemüt rapide in den Zustand größter Frohlockung.

An der Seite von Anna-Lena Grönefeld, deren kurzzeitiges Formtief mit dem Fed Cup ein gerechtes Ende fand, Sandra Klösel, die nach einem kurzweiligen Streit mit dem Deutschen Tennis Bund die Rückkehr ins deutsche Team feierte, Tatjana Malek, deren hoffentlich nicht kurzzeitige Hochform sie zu einem festen Fed-Cup- Bestandteil machte, und nicht zuletzt Kristina Barrois, die nach kurzzeitiger Verletzung wieder erfolgreich die Keule schwang, sollte ich die Möglichkeit haben, in die neue junge deutsche Mannschaft zu rücken.

Qualitäten als Stimmungsmacher

Erstes Ziel war es, einen Teamgeist aufzubauen, der sich gewaschen hat. Nach den traditionellen Querelen, Streitereien und Intrigen im deutschen Damentennis möchte man meinen, dies sei eine unmögliche Zielsetzung gewesen, doch alle Zweifler sollten eines Besseren belehrt werden. Ich bewies meine Qualitäten als Stimmungsmacher und Geschichtenerzähler, indem ich Stimmung machte und Geschichten erzählte, was allerdings anstrengend wurde, weil ich am dritten Tag die fünf Geschichten, die ich parat habe und jedem erzähle, verpulvert hatte. Am folgenden Tag erhielt ich den Auftrag, Portraits über meine lieben Kolleginnen in den ortansässigen „Fürther Nachrichten“ zu veröffentlichen. Somit verbrachte ich meine spärliche Freizeit damit, vor Anna-Lenas Laptop zu sitzen, um bestmögliche Qualität auf elektronisches Papier zu tippen. Mannschaftsintern wurde ich dafür als angehender Pulitzer-Preisträger gefeiert, die „Fürther Nachrichten“ sahen dies allerdings anders, die Hälfte meiner vor Herzblut triefenden Portraits wurde einfach umgeschrieben. Ich neige wohl zum Kitsch.

Da die Trainingseinheiten alle ohne Murren, Klagen und nennenswerte Ereignisse vonstatten gingen und außerdem noch auf hohem Niveau abgehalten wurden, waren sie langweilig und nicht weiter der Rede wert. Weitaus interessanter waren die Ideen unserer Teamchefin zum Thema Teamgeist. So wurde an einem Abend ein DVD-Spieler auf Hochtouren gebracht und Rocky, Teil 4, angeworfen. Das ist der Film, in dem alle Russen - trotz des in Moskau stattfindenden Kampfes gegen den vermeintlich unbesiegbaren Ivan Drago - am Ende Rockys Namen schreien, der dann mit seinem unbeugsamen Siegeswillen den Gegner k. o. schlägt - und uns fortan als Motivation und Vorbild galt. Ein anderes Mal begaben wir uns gemeinsam auf das in Nürnberg beheimatete Volkfest, bei dem sich herausstellte, dass Anna-Lena mit Abstand die Furchtloseste war in Bezug auf Achterbahnfahrten, die jedoch auch wir anderen unternehmen mussten.

Die Lacher auf meiner Seite

Nun ist es so, dass es beim Fed Cup einen sogenannten „Offiziellen Abend“ gibt, bei dem sich die Mannschaften zum gemeinsamen Essen treffen, flankiert von diversen Verbandsfunktionären beider Seiten, dem ortsansässigen Bürgermeister sowie einer angemessenen Zahl von Medienleuten. In mäßig schicken Hosenanzügen nahmen wir unser Mahl ein, standen bereitwillig für Fotoaufnahmen zur Verfügung und lauschten den Reden der Funktionäre. Als alles hätte vorbei sein müssen, erhob sich der Sportdirektor des DTB und erklärte die - für mich neue - Tradition, dass die jüngste Spielerin des Fed Cups eine Rede halten müsse. Bis sich etwa 70 Köpfe zu mir umdrehten und mich 140 Augen unerbittlich fixierten, wusste ich nicht einmal, dass ich die jüngste Spielerin war. So sprang ich ins kalte Wasser, das in Form eines Rednerpultes vor mir stand. Ich revanchierte mich bei den Funktionären, indem ich mich bei ihnen ausdrücklich nur aus Höflichkeit bedankte. Die Lacher waren zwar auf meiner Seite, aber sie wussten vermutlich nicht, dass ich es ernst meinte.

Der erste Spieltag war unausweichlich und heimtückisch näher gekommen, und ich hätte mich am liebsten vor Aufregung in das hinterletzte Loch verkrochen. In der Nacht tat ich kein Auge zu, und beim morgendlichen Lauf durch den nahen Wald begann eine komisch-absurde Episode. Einer meiner Wirbel machte sich selbständig - und trotz vereinter Kräfte gelang es nicht, ihn wieder an seinen Platz zu rücken. Während unserer Aktivitäten an meinem Rücken in der Hotel-Lobby betrat eine mysteriöse Gestalt den Raum, die mich zu sich einlud, um den Wirbel zurückzubeordern. Ich, naives Kind, bin tatsächlich mitgegangen. Wir kamen in einen in Rotlicht getauchten Raum, in dem es nach widerlichen Räucherstäbchen roch. Ich war in einer esoterischen Hölle gelandet, und die mysteriöse Gestalt erklärte mir rundheraus, dass meine Energiefelder von meiner Kette gestört würden, die ich schon seit fünf Jahren trage. Den Wirbel versuchte sie mir einzurenken, indem sie Punkte an meinem Fuß massierte, mir erklärte, dass meine Leber blockiert sei, und zu allem Überfluss warf sie auch noch meinen Fed-Cup-Trainingsanzug in ihr Massageöl. Ich frage mich bis heute, ob es ein Trick war, mit dem sie meine Energiefelder wieder richten wollte.

Mit Sekt, Erdbeeren und Liedern

Wirbel hin oder her, dieser Tag war der erste Spieltag, und wie ich später feststellte, forderten die Matches, die von Anna-Lena und Sandra bestritten wurden, meine Kräfte mehr, als wenn ich selbst gespielt hätte. Ich klatschte, bis die Hände schmerzten, schrie, bis meine Stimme versagte, und sprang nach jedem Punkt, den wir verbuchten, in die Höhe, bis ich Muskelkater hatte. Nach Sandras Auftaktniederlage, die allein ihrer Nervosität zuzuschreiben ist, spielte Anna-Lena ihr erstes Match seit sieben Wochen - und wie sie es spielte! Es war sicherlich nicht eines ihrer besten Tennismatches, aber sie kämpfte, reichte mit ihrem Siegeswillen an Rocky heran, gewann den finalen Satz 7:5 und schaffte somit den 1:1-Ausgleich.

Wir konnten unseren Elan in den nächsten Tag tragen, an dem die Matches zum Wohle meiner Nerven relativ glatt ausfielen. Anna-Lena besiegte Jelena Kostaniæ-Tošiæ 6:4 6:3, und Ivana Lisjak musste sich unserer famos aufspielenden Tatjana Malek 2:6 und 3:6 geschlagen geben. Zum Glück hatte ich meine gesamte Aufregung und Nervosität ausreichend während der Einzel gepflegt, so dass ich zu dem anstehenden Doppel, bei dem Tatjana Malek und ich antraten, einigermaßen gelassen agieren konnte. Wir gewannen in drei Sätzen und feierten unseren Sieg in der Umkleidekabine mit Sekt, Erdbeeren und den Liedern, die wir uns während der Woche oft angehört hatten.

Ich war überglücklich, bedankte mich bei Barbara Rittner für die Nominierung und bat sie, mich bitte nie wieder zu berücksichtigen. Es sei mir zu viel Aufregung, und schließlich hätte ich ein schwaches Herz. Wir wurden übrigens gegen Japan ausgelost. Japan auswärts. Ich würde sagen, auf ein Neues.

Die 19 Jahre alte Darmstädter Tennisspielerin Andrea Petkovic ist seit ihrem Abitur im Frühjahr 2006 auf der Profitour unterwegs. Gestartet ist sie von der Weltranglistenposition 376; nach ihrer ersten Finalteilnahme bei einem 50 000-Dollar-Turnier am vergangenen Wochenende in Spanien wird sie in der nächsten Weltrangliste einen Platz um Position 150 erreichen. Im Sportteil der Rhein-Main-Zeitung berichtet sie regelmäßig über ihr neues Leben. Bereits erschienene Texte von Andrea Petkovic finden Sie unter www.faz.net/petkovic



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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