Boxen

Der einstige Diener will als Tsunami zurückkommen

Von Hans-Joachim Leyenberg

12. Juli 2008 Luan Krasniqi beschleicht ein „mulmiges Gefühl“, wenn er sich an seinen Kampf gegen Tony Thompson erinnert. Am kommenden Montag ist es genau ein Jahr her, dass der Berufsboxer aus Rottweil gegen den Amerikaner verloren hat – sang- und klanglos, durch technischen K.o. in der fünften Runde. An diesem Samstag kommt es zum Wiedersehen aus sicherer Entfernung. Mit Krasniqi als Co-Kommentator für den übertragenden Fernsehsender RTL und Thompson als Herausforderer von Schwergewichts-Weltmeister Wladimir Klitschko.

Was würde Krasniqi nicht alles geben für einen Rollentausch mit Thompson – aber er hat die Chance damals leichtfertig verwirkt. Und er tut nichts dafür, den Gegner von einst vor dem Duell mit dem Schwergewichts-Champion der IBF und WBO stark zu reden. „Der Kampf damals war kein Maßstab für nichts. Das war eine totale Farce. Man kann daraus keine Rückschlüsse auf Thompsons Stärke ziehen. Ich war neben mir und hab’ nicht gewusst, wo ich war. Er hat den Sieg von mir geschenkt bekommen.“ Also ein Blackout, wie er im Leistungssport vorkommt.

Klitschko boxt wieder dort, wo seine Karriere begann

Wladimir Klitschko hat auch schon schwarze Stunden dieser Art durchgemacht. Es sind die Niederlagen gegen Corry Sanders und Lamon Brewster, die die Phantasien seiner Herausforderer beflügeln. Aber diese Einbrüche des heute 29 Jahre alten Ukrainers liegen lange zurück. Er kommt als gereifter Athlet und gemachter Geschäftsmann nach Hamburg zurück.

Hier gab er im November 1996 seinen Einstand als Berufsboxer; 600 Zuschauer verfolgten sein Debüt als Rahmenkämpfer in der Wandsbeker Sporthalle. Am Samstag werden es in der Color Line Arena mindestens 14.000 sein und damit weitaus mehr als beim Gastspiel von Basketball-Star Dirk Nowitzki am Mittwoch an gleicher Stelle (6744). Mehr als einhundert Fernsehstationen werden sich live zuschalten; am Donnerstag ist sogar ein Abnehmer aus Indien hinzugekommen.

Klitschkos haben die Sympathien auf ihrer Seite

Wladimir Klitschko und sein Bruder Witali, der für den 4. oder 11. Oktober sein Comeback gegen den Nigerianer Samuel Peter angekündigt hat, haben längst Kultstatus in Deutschland. Was sie auch anfangen – das Publikum ist auf ihrer Seite. Sie spielen auf der Klaviatur der Medien, als seien sie neben der Sportwissenschaft auch noch im Fach Public Relations promoviert.

Nichts hören die Hamburger lieber als Liebeserklärungen à la Klitschko: „Meine Heimat ist Kiew, aber in Hamburg fühle ich mich heimisch, eine tolle Stadt, ihr werde ich nie den Rücken kehren.“ Die Firma Klitschko Management Group hat ihren Firmensitz an der Elbe, beschäftigt sechs Mitarbeiter und ist in der Preispolitik für das breite Publikum alles andere als zurückhaltend.

Vom Sparringspartner zum Gegner

Mehr als jeder andere Schwergewichtsboxer ist der jüngere Klitschko kopfgesteuert. „Er ist nicht gefühlsgeladen, sondern er weiß, was er tut“, charakterisiert Krasniqi seinen Kollegen, von dem er behauptet, dass Thompson ihn nicht gefährden könne. Er sagt, dem Amerikaner fehle es vor allem an der Schnelligkeit und Schlagkraft. Abwarten. Thompson, der erst im fortgeschrittenen Alter von 28 Jahren ins Profilager wechselte, ist von einer Lockerheit und Unbefangenheit, die man bisweilen Klitschko wünscht.

Beim Sechsunddreißigjährigen aus Washington, D.C., basieren sie auf 27 Siegen in Folge, davon 19 durch K.o.. Obwohl er Rechtshänder ist, boxt er kurioserweise in der Rechtsauslage, nutzt die Linke somit als Schlaghand. An Thompson ist einiges unorthodox, was es für Klitschko schwer macht, alle Eventualitäten einzukalkulieren. Thompsons ausgeprägtes Selbstwertgefühl wertet Klitschko zugleich als Chance und Gefahr.

Kein Kampf über zwölf Runden

„Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es ist, als Verlierer den Ring zu verlassen“, hat der Amerikaner gesagt, der 2003, vor Klitschkos Duell mit Sanders, dem Weltmeister als Sparringspartner diente. Thompson in der dienenden Rolle für den Matador – das war einmal. Barry Hunter aus Thompsons Trainerteam behauptet, der Herausforderer sei „wie ein Tsunami: Er kommt völlig unerwartet und walzt alles nieder.“ Klappern und Plappern gehört beim Preisboxen zum Handwerk.

Junggeselle Wladimir Klitschko zollt seinem Herausforderer in familiärer Hinsicht den allergrößten Respekt: „Wenn man Vater von sieben Kindern ist, dann muss man schon sehr selbstbewusst sein.“ Mit der Prognose, wonach „der Kampf wohl nicht über zwölf Runden gehen wird, schließlich werde ich nicht nach Stunden bezahlt“, erntet Tony Thompson keinen Widerspruch. Weder bei Wladimir Klitschko noch bei Luan Krasniqi.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

 
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