Marion Jones

Die große Lebenslüge

Von Jürgen Kalwa, New York

13. Januar 2008 Der Gang ins Gefängnis wäre Marion Jones vermutlich erspart geblieben. Doch die amerikanische Leichtathletin hatte eben zu viele Haken geschlagen, zudem ein paar Gesetze übertreten. Und dann stand sie mit den Scherben einer sportlichen Karriere vor einem Richter namens Kenneth M. Karas.

Wahrscheinlich hätte Marion Jones vor langer Zeit einfach nur ihre kleinen und großen Lügen widerrufen müssen und ihren Beitrag leisten, um das betrügerische Netz des Balco-Skandals aufzuklären. Dann wäre ihr dieser Augenblick erspart geblieben, als sie Karas am Freitagmorgen in einem Gerichtssaal in White Plains unter Tränen anflehte: „Ich bete darum, dass Sie so gnädig sind, wie ein Mensch nur sein kann.“

Karas: „Ich will, dass Leute zweimal nachdenken, ehe sie lügen“

Doch der Mann, der früher als Staatsanwalt islamische Terroristen mit Verbindungen zu Usama Bin Laden verfolgt hat, sah keinen Grund für Milde und verurteilte die dreimalige Olympiasiegerin von Sydney wegen Falschaussagen über die Verwendung von leistungs steigernden Mitteln zu einer Haftstrafe von sechs Monaten.

Gelogen hatte sie auch im Zusammenhang mit ihrer Rolle in einem Scheckbetrügerring, in dem ihr ehemaliger Lebensgefährte Tim Montgomery, ihr ehemaliger Trainer Steve Riddick und ihr einstiger Manager Charlie Wells als Haupttäter verwickelt waren. Verurteilt wurde übrigens auch Riddick. Er muss wegen Scheckbetrugs und Geldwäsche in Millionenhöhe für fünf Jahre und drei Monate ins Gefängnis.

Jones: „Ich hoffe, andere lernen aus meinen Fehlern“

„Ich will, dass Leute zweimal nachdenken, ehe sie lügen. Ich will, dass sie begreifen, dass niemand über dem Gesetz steht“, sagte Karas und ließ durchblicken, dass er noch immer nicht glaubt, dass die Frau, die da vor ihm stand, die ganze Wahrheit sagt. So hatte Marion Jones schließlich gegenüber den Ermittlern zugegeben, ab dem Sommer 2000 das Designer-Steroid THG genommen zu haben, das bei Balco unter dem Code-Namen „The Clear“ firmierte. Aber sie bestand darauf, nicht gewusst zu haben, dass es sich um eine Doping-Substanz handelt. Karas fand, es sei „nur schwer zu glauben“. Wieder mal war eine taktische Volte der 32-Jährigen im Umgang mit der Wahrheit nicht aufgegangen.

Und so blieb der zweitschnellsten Frau aller Zeiten, deren Bestzeit über 100 Meter aus dem Jahr 1998 bei 10,65 Sekunden steht, nicht viel übrig, als hinterher langsam die Stufen des Gerichtsgebäudes hinunterzugehen und jenen Gedanken zu formulieren, in dem die Essenz ihrer Geschichte verborgen ist: „Ich hoffe, andere lernen aus meinen Fehlern“, sagte sie, während ihr Ehemann Obadele Thompson, der Vater ihres sieben Monate alten Sohnes, die Hand hielt. Für sie selbst kam die Einsicht zu spät.

800 Stunden gemeinnützige Arbeit

Marion Jones hat zwei Söhne. Der Vater des ersten Kindes ist der einstige Weltrekordhalter Tim Montgomery. Sie wird beide spätestens am 11. März zu Hause zurücklassen und in eine Haftanstalt in der Nähe ihres Wohnortes Austin in Texas umziehen. Nach ihrer Entlassung wird sie zwei Jahre lang unter Bewährung stehen und muss als Teil des Urteils vom Freitag insgesamt 800 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Richter Karas gab ihr dafür eine Empfehlung mit auf den Weg, die zeigt, dass zumindest er die Hoffnung hat, dass der Kampf gegen Doping noch nicht verloren ist. „Athleten haben in der Gesellschaft einen hohen Status“, sagte er: „Sie unterhalten, sie inspirieren und – noch wichtiger – sie dienen als Vorbilder für Kinder überall in der Welt.“ Marion Jones möge doch das Nationale Olympische Komitee, die Anti-Doping-Agentur Usada oder den amerikanischen Leichtathletikverband fragen, ob sie nicht für sie als Rednerin tätig werden könne, um öffentlich den Betrug im Sport zu diskreditieren.

Meineid-Prozess gegen Baseballprofi Barry Bonds

Marion Jones ist zwar weltweit der erste Sportler, der aufgrund von Doping-Verstrickungen ins Gefängnis muss. Aber sie ist möglicherweise nicht der einzige. In San Francisco läuft zur Zeit ein Meineid-Prozess gegen den prominenten Baseballprofi Barry Bonds, der ebenfalls Balco-Kunde war. Auch für Trevor Graham, den ersten Trainer von Jones (sowie von Tim Montgomery und zuletzt auch von Justin Gatlin), sieht die Sache nicht gut aus.

Er hatte zwar seinen Teil zur Aufklärung des bislang größten amerikanischen Doping-Skandals geleistet, als er anonym eine Kanüle mit THG an ein Labor schickte, das die Substanz identifizieren konnte. Aber als ihn die Staatsanwälte über seine Rolle befragten, leugnete er jegliche Mitwisserschaft. Grahams Prozess ist für März anberaumt und könnte nach dem Abschluss des Verfahrens am Freitag um eine neue, bizarre Facette bereichert werden: Marion Jones auf Hafturlaub als Zeugin der Anklage.

Der gedopte Ehemann Hunter muss nicht ins Gefängnis

Sollte Graham verurteilt werden, bliebe aus der Entourage aus Freunden, Partnern und Trainern von Marion Jones nur noch einer übrig: ihr ehemaliger Ehemann, der Kugelstoßer C. J. Hunter. Er war 2000 als Erster der Truppe bei Tests aufgeflogen und hatte bei einer Pressekonferenz am Rande der Olympischen Spiele von Sydney mit der Sprinterin und dem inzwischen bestraften Balco-Chef Victor Conte an seiner Seite seine Unschuld beteuert.

Als er von den Staatsanwälten vernommen wurde, offerierte er eine neue Version. Zu der gehörte unter anderem die Information, dass er persönlich Jones dabei geholfen habe, THG, Wachstumshormon, Insulin und Epo zu spritzen. Hunter muss nicht ins Gefängnis. Die Strafverfolgungsbehörden gehen davon aus, dass er die Wahrheit gesagt hat.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche