Von Christian Eichler, Brüssel
15. Mai 2008 Mein Traum ist vorbei, ich habe alles erreicht, ich bereue nichts. Justine Henin musste einige Male schlucken, aber am Ende lächelte sie befreit wie nach einem Sieg. Die Weltranglistenerste und siebenmalige Grand-Slam-Siegerin hat am Mittwoch, zweieinhalb Wochen vor ihrem 26. Geburtstag, ihren sofortigen Rücktritt vom Tennis erklärt.
Ich habe nicht mehr den Biss wie früher, sagte sie bei einer Pressekonferenz in Limelette südlich von Brüssel. Ich gehe erhobenen Hauptes. Damit verliert das kleine Belgien, das in den letzten acht Jahren zur großen Tennisnation wurde, ein Jahr nach Kim Clijsters auch seinen zweiten großen Star. Ihr Pendant als Weltanglisten-Erster bei den Männern, Roger Federer, nahm die Nachricht vom plötzlichen Rücktritt der Belgierin völlig überrascht auf. Das ist ein Schock für die Tenniswelt, sagte der 26-Jährige beim ATP-Turniers in Hamburg, ich hoffe, sie hat für ihren Entschluss sehr gute Gründe, damit sie ihn nicht eines Tages bedauert.
Ich habe begriffen, dass es Zeit wird, aufzuhören
Dafür, dass sich die beste Spielerin der Welt in einer Krise befand, hatte es zuletzt einige deutliche Anzeichen gegeben: zunächst Resultate, dann Worte. 2007 hatte Justine Henin die Tennissaison noch so dominiert, wie es zuletzt Steffi Graf in deren größten Jahren gelungen war: 63 Siege in 67 Matches, zehn Turniererfolge, darunter die French Open, die US Open und das Mastersturnier der besten acht Spielern des Jahres.
Doch 2008 folgten dann Niederlagen, die Deklassierungen waren: 4:6, 2:6 gegen Maria Scharapowa in Melbourne, 2:6, 0:6 gegen Serena Williams in Miami. Im April pausierte sie wegen Kniebeschwerden - und nutzte die Zeit, um viel nachzudenken. Bei ihrem ersten Turnier danach verlor die Belgierin am vergangenen Donnerstag in der dritten Runde der German Open in drei Sätzen gegen die Russin Dinara Safina. Es war der unscheinbare letzte Auftritt einer großen Karriere. Denn dort, in Berlin, habe ich begriffen, dass es Zeit wird, aufzuhören und ein neues Leben anzufangen.
Seit dem Herbst mit einer Depression gekämpft
Psychische Gründe gaben den Ausschlag - physisch fühlt sich die Wallonin fit. Schon letzte Woche in Berlin hatte sie über die Zeit danach geredet. Ich bin jung im Leben, aber ich fange an alt zu werden auf der Tennistour, sagte sie. Ich spiele seit zwanzig Jahren Tennis, es war mein ganzes Leben, aber als Frau, wenn du älter wirst, musst du über deine Zukunft nachdenken. Viele große Tennisprofis überkam mitten in der Karriere, auf dem Gipfel ihrer Möglichkeiten, das Gefühl, vom eigenen Erfolg aufgefressen zu werden.
Auf der elfmonatigen Tour um die Welt bleibt kaum Zeit für ein Privatleben, für eine stabile Partnerschaft. Die Ehe von Justine Henin mit Pierre-Yves Hardenne wurde im vergangenen Jahr geschieden. Die Zeitung Het Laatste Nieuws vermeldete nun aus guter Quelle, dass Justine Henin seit dem Herbst mit einer Depression kämpft. Es sei zwischenzeitlich so schlimm gewesen, dass sie tagelang in ihrem Bett blieb.
Schwindler, der nur an ihrem Geld interessiert ist
Berichten über eine neue Liebe widersprach sie vor kurzem öffentlich. Ein Südafrikaner, mit dem sie für kurze Zeit liiert gewesen sein soll, wurde laut der Zeitung La Capitale von ihrer wiedergewonnenen Familie - von der sie nach dem Tod ihrer Mutter lange getrennt war und mit der sie sich erst im vergangenen Jahr wieder versöhnt hatte - im April nach wenigen Wochen als Schwindler hinausgeworfen, der nur an ihrem Geld interessiert gewesen sei.
Die drahtige Belgierin, deren Körper man die Wucht und Energie ihres Tennisspiels nicht ansah, gewann alles, was zu gewinnen ist im Tennis. Viermal die French Open, darunter die letzten drei Male, auch Olympiagold 2004 - nur Wimbledon nicht, weil der Rasen ihrem Spiel nicht entgegenkam.
Ich fühle mich stärker, seit ich mich entschieden habe
Ein Medienstar wurde sie bei allem Erfolg nicht. Anders als die Williams-Schwestern oder die Scharapowa hatte sie hatte nie etwas von einem Glamour Girl, es entsprach nicht ihrem zurückhaltenden Temperament.
Ihr großes Vorbild auf dem Platz war stets Steffi Graf, die den Sprung vom Sport in ein selbstbestimmtes Privatleben, ein Lebensglück ohne Wettkampf, beispielhaft geschafft hat - und die nun auch zum Vorbild für Justine Henins zweites Leben werden könnte. Ich fühle mich stärker, seit ich mich entschieden habe, sagte die junge Rentnerin am Mittwoch. Ich bin glücklich.
Justine Henins Karriere
Geburtsdatum: 1. Juni 1982 in Lüttich/Belgien
Wohnort: Monaco Größe: 1,67 m
Gewicht: 57 kg
Erfolge: 41 Titel auf der WTA-Tour, 120 Wochen die Nummer 1 der Weltrangliste, Olympisches Gold 2004 in Athen
Grand Slams: Roland Garros (2003, 2005, 2006, 2007), Australien Open (2004), US Open (2003, 2007)
Preisgeld: 19,46 Millionen Dollar
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, REUTERS
