Gala-Auftritt für Hannah Stockbauer und Jan Ullrich

57. Wahl "Sportler des Jahres" in Baden-Baden / Die Frauen-Fußballnationalauswahl gewinnt die Mannschaftswertung

21. Dezember 2003 BADEN-BADEN. Zum 57. Mal sind am Sonntag in Baden-Baden Deutschlands "Sportler des Jahres" gekürt worden. Die dreifache Schwimm-Weltmeisterin Hannah Stockbauer, schon 2001 Erste, setzte sich gegen zwei andere Weltmeisterinnen durch, Anni Friesinger (Eisschnellauf) und Birgit Prinz (Fußball). Birgit Prinz verdrängte gegen Ende der Stimmauszählung noch Martina Glagow (Biathlon) aus der Spitzengruppe.

Bei den Männern überholte Jan Ullrich, obwohl nur Zweiter bei der Tour de France, Michael Schumacher, der in diesem Jahr zum sechsten Mal Formel-1-Weltmeister wurde. Anerkennung für Ullrichs große Leistung und das faire Verhalten gegenüber dem Dauerrivalen Lance Armstrong bei seiner Rückkehr nach einem Krisenjahr mit Verletzungen und Verfehlungen. 1995 hatte Schumacher das Votum der Sportjournalisten erhalten, 1997 schon einmal Ullrich, damals aber als Toursieger. Auf Platz drei landete diesmal Ronny Ackermann, Weltmeister und Weltcup-Gesamtsieger in der Nordischen Kombination.

Das Ergebnis bei den Mannschaften hatte sich im "goldenen Oktober" klar abgezeichnet. Seit die Frauen-Nationalauswahl in den Vereinigten Staaten den WM-Titel mit dem "Golden Goal" von Nia Künzer gewann, erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen, ob bei der "Bambi"-Verleihung oder beim Bundeskanzler. Daß der VfB Stuttgart auf Rang zwei kam, obwohl er keine Meisterschaft errang, zeigt wohl nur ganz deutlich die Sehnsucht nach gutem, erfrischendem Fußball. Die Biathlon-Staffel der Männer, Weltmeister im fernen Sibirien, sicherte sich Platz drei.

Um Geld geht es nicht bei dieser Wahl, nur um die Ehre. Für alle Sieger gab es wieder eine schwere, abstrakte Bronzeskulptur nach einem Entwurf des Bildhauers Joachim Mende. Viele andere Athleten hätten genauso einen vorderen Platz verdient gehabt; die Nationalmannschaften im Handball und im Hockey beispielsweise, die Fechter, die Ruderer, die Kanuten, die Dressur- und die Springreiter, Skilanglauf-Weltmeister Axel Teichmann oder die fast unschlagbare Rodlerin Sylke Otto. Insgesamt einhundert Namen standen in den drei Kategorien auf der Vorschlagliste; nur Leichtathleten fehlten fast ganz nach der ernüchternden WM in Paris.

Premiere 1947.

Hannah Stockbauer, Jan Ullrich und die Fußball-Frauen sind Nachfolger von Schwimm-Diva Franziska van Almsick, Skisprung-Star Sven Hannawald und der Fußball-Nationalelf, die im vergangenen Jahr auf der Bühne des Kurhauses gestanden hatten. Der Tennisspieler Gottfried von Cramm und die Leichtathletin Marga Petersen waren einst die ersten "Sportler des Jahres". Mannschaften werden erst seit 1957 gewählt; Premierensieger wurde Borussia Dortmund. 1947 befragte Kurt Dobbratz, Vater des heutigen Veranstalters, die Redakteure der damals existierenden zwanzig Lizenz-Tageszeitungen Deutschlands persönlich. Von Cramm erfuhr von der Ehrung erst durch eine Zeitungsnotiz, für ein rauschendes Fest bot das Nachkriegs-Deutschland noch keine Plattform. Heutzutage laufen rund dreitausend Stimmzettel, teils elektronisch, von den deutschen Sportjournalisten ein, kommen rund achthundert Gäste zur Gala.

Nicht gewählt werden konnte im übrigen das "Sport-Medienereignis des Jahres": Das wäre sicherlich mit weitem Abstand der Ausbruch des Fußball-Teamchefs in einer ARD-Liveübertragung gewesen, der sogenannte "Völler-Böller".Die Proklamation der "Sportler des Jahres", am Sonntag zum 35. Mal in Baden-Baden, ist kein Glamour-Event wie manche andere Preisverleihung in Berlin, Hamburg oder München. Vor dem Kurhaus geht es eher beschaulich zu; Adventsstimmung statt Promi-Auftrieb. Das paßt so gar nicht zu den Aufgeregtheiten des professionalisierten Medien-Sports das ganze Jahr über, ist aber gerade deshalb so sympathisch. Natürlich könnte man der Wahl in einer anderen Stadt und mit einem anderen Konzept mehr Show-Charakter geben, mit rotem Teppich und allem, was dazugehört, um in die Klatschspalten und Boulevard-Medien zu gelangen. Aber nicht bloß weil die Sportler, und um niemanden anderes geht es ja, sich erkennbar wohl fühlen in der badischen Kurstadt, sollte man vorsichtig sein mit Forderungen, aus der Wahl endlich ein Mega-Ereignis zu machen. Trubel haben die Aktiven zwölf Monate lang genug, der Genuß kommt oft zu kurz.

"Verlierer kann es bei dieser Wahl gar nicht geben", hat Bundesinnenminister Otto Schily, der "Sportchef" der Bundesregierung, in seinem Grußwort festgestellt. "Leistung oder Rekord sind allerdings nicht alleiniger Maßstab, vielmehr müssen auch Haltung, Charakter und Fairneß eine wichtige Rolle bei der Auswahl spielen." Gesucht werde eine Persönlichkeit des Sports, ein Vorbild. "Unsere Gesellschaft braucht diese Vorbilder. Vor allem junge Menschen orientieren sich oft an den Leistungen und am Verhalten ihrer Sportidole." Für Schily gehört die "Gala der Besten" in Baden-Baden zu den "Höhepunkten im Kalender des deutschen Sports". Die Wahl empfindet der Politiker mitnichten als eine altmodische und überholte Angelegenheit, sondern nach wie als aktuell und wichtig: "Persönlichkeiten aus dem Sport auszuzeichnen, halte ich für eine vorbildliche Aktion, um den Stellenwert des Sports in unserer Gesellschaft noch stärker herauszustellen."

Auch Abstürze und Abschiede.

Im Jahr 2003 wurden viele weitere Erfolgsgeschichten geschrieben, zum Beispiel von Jochen Behle und seinen Skilangläufern. Es gab jedoch auch Enttäuschungen und Abstürze, wie bei den Skispringern, die in den neunziger Jahren mit Bundestrainer Reinhard Heß bei der Wahl zweimal ganz oben gestanden hatten. Die Ära Heß ist beendet, Wolfgang Steiert soll für neue Höhenflüge sorgen. Und es gab auch Abschiede in den zurückliegenden Monaten, von bekannten, großen Athleten: Dieter Baumann, Frank Busemann, Udo Bölts, um nur einige zu nennen. Aber es wird nie leer werden auf der Sportbühne. Die Talente stehen noch immer Schlange. Ein herausragender Mann mit Blick auf die Olympischen Winterspiele 2006 ist beispielsweise Björn Kircheisen, der sechsmalige Junioren-Weltmeister in der Nordischen Kombination. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe wählte ihn 2003 zum zweiten Mal nacheinander, ein Novum in diesem Wettbewerb, zum "Junior-Sportler des Jahres". Auch für den "Sportler des Jahres", soviel steht fest, wird der "Nachschub" nicht ausgehen - schon gar nicht im heißen olympischen Sportjahr 2004, in dem Rudi Völler mit seinem Team nicht bloß verbal angreifen, sondern - bei der Europameisterschaft in Portugal - auch wieder spielerisch Akzente setzen will.

JÖRG HAHN

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2003, Nr. 297 / Seite 27

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