Kino

Ein einig Seil von Brüdern

Von Hans-Jörg Rother

“Am Limit“: Thomas Huber in luftiger Höhe

"Am Limit": Thomas Huber in luftiger Höhe

26. März 2007 Das Glück währt auch auf steilen Bergeshöhen nur einen kurzen Moment. Mit diesem salomonischen Spruch aus dem Mund eines erfahrenen Kletterers endet Pepe Danquarts spannendes Dokudrama, das keinen besseren Titel als „Am Limit“ tragen könnte. Denn am Limit der bisherigen Höchstleistungen und der eigenen Kräfte arbeiten sich Thomas und Alexander Huber, genannt „die Huberbuam“, ab.

Sie sind, könnte man im bayerischen Dialekt fortfahren, reinweg „narrisch“, die Rekorde zu unterbieten und schneller als die Vorgänger den Aufstieg zum El Capitano im kalifornischen Yosemite Valley oder die Überquerung der drei Gipfel der Cerro-Terro-Gruppe in Patagonien, eines der schwierigsten Klettergebiete der Welt, zu bewältigen. Doch vorerst scheitern die Rekordversuche. Alexander, den Jüngeren, verdammt ein Unfall zu einem mehrmonatigen Wartestand im heimatlichen Berchtesgaden. Danach geht wieder etwas schief. Sollten die Kameras des Filmteams die Nervosität gesteigert haben? Oder schwelte wieder einmal ein Konflikt zwischen den vierzig und zweiundvierzig Jahre alten Brüdern, weil der Ältere dem Jüngeren den medienwirksamen Elan neidete?

Vom Sport- zum Werbefilm

Am Cerro Torre in Patagonien

Am Cerro Torre in Patagonien

Der Gleichniswert des Kampfes um Rekorde liegt bei Sportfilmen schnell auf der Hand. „Schneller, höher, besser“ heißt das Losungswort. Für ein Glücksgefühl, das sich aus dem Bewusstsein ruhiger Überlegenheit speist, bleibt da kein Platz. Speed Climbing, so der Fachausdruck für schnelles Klettern, hat das langsame Emportasten der Finger und des ganzen Körpers am steilen Felsen abgelöst. Der Karabinerhaken schnappt auf längst begangenen Routen in die verankerte Klettersicherung, der Fuß steigt in die Seilschlaufe, und schon geht es im Schnelllauf nach oben. Oder man schwingt in genau berechneter Bahn am Seil von einer Felswand zur nächsten hinüber, unter sich den Abgrund und die staunenden Zuschauer. Höchste akrobatische Fähigkeiten sind gefragt.

Die neue, leichte Videofilmtechnik kommt gerade recht, um dieser Kletterkunst hautnah zu folgen. Vergessen ist die Mystik des alten Bergfilms, der dank Arnold Fanck und Leni Riefenstahl in die Filmgeschichte einging. Nur das Drama ist geblieben, und am Anblick der in der Sonne glänzenden Körper der Bergsteiger, die kein aufkommender Sturm mehr überrascht, hätte die Olympiade-Filmerin gewiss ihre Freude gehabt. Der Übergang vom gesponserten Sport- zum Werbefilm ist fließend.

Das Heldenleben der Sportler

Ging Pepe Danquart im ersten Teil seiner Sporttrilogie, dem 1999 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneten „Heimspiel“, noch den unsportlichen Hintergründen des Aufstiegs einer Berliner Eishockey-Mannschaft nach, so hat er im Jahr 2004 mit „Höllentour“ (über die Tour de France, siehe auch: Dokumentation „Höllentour“: Leben heißt Leiden) und nun mit „Am Limit“ das Heldenleben der Sportler entdeckt. Angst und Sorgen treiben die Männer am Vorabend um, am Morgen kommt der nötige Adrenalinstoß. „Absurd“ nennen die Hubers die Rekordjagd erst dann, wenn es einmal nicht weitergeht. Gerade dieser Moment der Ernüchterung nimmt für sie ein, und man wüsste gern mehr über den Alltag der Brüder.

Aber der Film hütet sich, die von ihm selbst geschaffene Aura ewigen Wagemuts zu zerstören. Es wird nicht gefragt, sondern umkränzt. Idyllische Landschaftsszenen leiten das „Dokudrama“ ein, das mit meisterhaft gefilmten Kletterszenen seinen musikalisch umtosten fulminanten Höhepunkt erreicht. Der Rausch des Filmens - acht Stunden hingen die vier Kameramänner zuweilen in ihren Seilen und warteten auf den großen Augenblick - verschmilzt mit dem Rausch des Sports, der ohne die ihm zuteil werdende öffentliche Aufmerksamkeit bloße Privatsache bliebe. Der aufputschenden Wirkung darf sich Pepe Danquart ganz sicher sein, der nachhaltigen weniger. Beim Sport kommt es nur darauf an, die Messlatte höher zu legen. Wer fragt da nach Sinn und Glück.

Text: F.A.Z., 26.03.2007, Nr. 72 / Seite 35
Bildmaterial: Kinowelt/Cinetext

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Suchen Sie einen Spezialisten? Krebs, Herz, Orthopädie, Plastische Chirurgie, Neurologie, Gastrologie, u.a. Hier Informieren!

Welche Auswirkungen haben die Manipulationsversuche auf den Sport?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche