Tour de France

Die reine Lehre des Radsports?

Von Rainer Seele, Nantes

08. Juli 2008 Jonathan Vaughters ist eine markante Erscheinung. Hornbrille, Designerkleidung: ein Mann, der sich optisch zu inszenieren versteht. Vaughters, 35 Jahre alt, wirkt im Radsport eher wie ein Geschäftsmann, weniger wie ein Teammanager.

Aber der Mann, der das amerikanische Team Garmin dirigiert, stellt wohl beides dar. Er betreibt den Radsport auch als Business, er tritt wie ein gewiefter Verkäufer auf. Vaughters hat dafür auch eine bemerkenswerte Philosophie entwickelt: Er propagiert ohne Unterlass die reine Lehre des Radsports, und er sieht sein Team dabei in einer Vorreiterrolle.

Garmin soll anders sein als andere Mannschaften

Der Amerikaner glaubt ein Projekt angestoßen zu haben, das die Zukunft des Radsports prägen soll. Natürlich beinhaltet es vor allem einen vermeintlich harten Anti-Doping-Kurs: Vaughters behauptet, beweisen zu wollen, dass Radsport ohne Leistungsmanipulation möglich sei. Natürlich steht er damit nicht alleine - allerdings soll Garmin, so betrachtet es jedenfalls Vaughters, doch anders sein als andere Mannschaften.

Vaughters' Equipe nannte sich, bevor unmittelbar vor der Tour de France ein Hersteller von Navigationsgeräten als neuer Hauptsponsor einstieg, Slipstream. Das heißt Windschatten, und man hatte eine schöne Symbolik darin erkennen können: ein Team, das sich in einer geschützten Zone bewegt, etwas entfernt von allen Turbulenzen, die den Radsport erfasst haben.

Wild Card für die Tour als Dankeschön

Garmin ist mit einer Wild Card zur Tour de France zugelassen worden, angeblich waren die Tour-Organisatoren von der Botschaft der Amerikaner sehr angetan. Vaughters setzt auf junge Profis, die unbelastet sein sollen - und sie sollen ihrem Beruf nachgehen können, ohne allzusehr unter Druck gesetzt zu werden. Vaughters verlangt zwar professionellen Einsatz. Der menschliche Körper aber, sagt er, sei nicht dazu gemacht, mechanisch Siege zu produzieren. Das soll bedeuten, dass er nicht Erfolg um jeden Preis fordert.

Von dieser Seite kennt Vaughters den Radsport sehr genau, er war schließlich einst einer der Helfer von Lance Armstrong bei US Postal. Vaughters war dabei, als Armstrong 1999 die Tour gewann - einer von insgesamt sieben ersten Plätzen des schlecht beleumundeten Texaners bei der Frankreich-Rundfahrt.

Vaughters und die Vergangenheit: „Ich habe keinen Heiligenschein“

Vaughters war tief in das System Armstrong verstrickt, doch auf die Frage, ob er selbst zu Dopingmitteln gegriffen habe, antwortet er ausweichend: „Ich habe keinen Heiligenschein.“ Und betont lieber, seine Erfahrungen als Profi nutzen zu wollen für einen Neuanfang im Radsport. Das soll signalisieren: Er weiß nun angeblich, wie der Radsport nach den Dopingskandalen der Vergangenheit gestaltet werden muss, um sein Überleben zu sichern.

So erklärt Vaughters auch die Verpflichtung von David Millar, der Epo-Doping zugegeben hat. Er hält den Schotten, ein Spezialist für das Zeitfahren, für geläutert - und damit auch für ein wichtiges Mitglied von Garmin. Millar könne, sagt Vaughters, junge Fahrer vor den Fehlern bewahren, „die er selbst gemacht“ habe. Der Teamchef schätzt den geständigen Millar als intelligenten und kreativen Mann. Er behandele ihn deswegen wie einen Partner. „Er kann sich bei uns verwirklichen.“

Regelmäßige teaminterne Tests

Unerschütterlich preist der Mann aus Colorado die Mission von Garmin. Allen Zweifeln zum Trotz, die dem Radsport und damit auch Garmin anhaften. Unlängst erst hatte der ehemalige Betreuer Willy Voet, der bei der Tour de France 1998 die Festina-Affäre auslöste, das Peloton wieder kritisch bewertet. „Warum sind die Fahrer so schnell wie damals oder sogar schneller? Es wird auch jetzt noch was gemacht.“ Nach Ansicht des Belgiers, in dessen Wagen vor exakt zehn Jahren unter anderem Epo in großen Mengen gefunden worden war, ändern sich lediglich die Dopingprodukte.

Als wesentlicher Bestandteil des Kampfes von Garmin gegen Doping gilt die Zusammenarbeit mit der kalifornischen „Agency for Cycling Ethics“ (ACE). Sie führt regelmäßig Tests bei den Fahrern durch und legt Blutprofile an. Auf die Unterstützung von ACE greift auch das Team Columbia zurück, der Nachfolger von T-Mobile.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Beide amerikanischen Teams wurden gerade lobend von Greg LeMond erwähnt, der die Tour besuchte. Der Amerikaner, der bei der Tour de France in den Jahren 1986, 1989 und 1990 siegte, sagte bei seiner Stippvisite in Frankreich auch, dass er weiterhin an den Radsport glaube. Er sei sich zu 99 Prozent sicher, dass er wieder so populär werde wie früher.

Diese Äußerung dürfte seinem Landsmann Vaughters gefallen haben, der helfen möchte, einen Sport mitaufzubauen, „in dem die Athleten nicht vor Entscheidungen gestellt werden, vor die wir gestellt wurden“. Vaughters will dazu beitragen, eine neue Kultur des Radsports zu schaffen. Er spricht von Glaubhaftigkeit und Leidenschaft und von der Hoffnung, dass die Branche sein Konzept annehmen möge. In einigen Jahren, sagt er, werde festzustellen zu sein, „was daraus wird“.

Vaughters kann ein Scheitern nicht ausschließen. Wenn der Radsport ihm nicht folgen werde, sagt der Amerikaner, bereite es ihm keine Probleme, sich wieder anderen Dingen zuzuwenden. Zum Beispiel dem Handel mit Immobilien. Vaughters, der seine Karriere als Profi im Jahr 2001 beendete, hat ja schon bewiesen, dass er schnell umsatteln kann.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, REUTERS

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