Von Wolfgang Scheffler
08. Mai 2008 Das Dach, das sich wie ein Schirm über der monströsen Tennis-Anlage am Hamburger Rothenbaum öffnen und schließen lässt, ist marode - renovierungsbedürftig wie so vieles im deutschen Tennis. Der Deutsche Tennis-Bund (DTB), der dank Boris Becker einst für einen Fernsehvertrag 120 Millionen Mark kassierte, ist längst vom Krösus zum Bittsteller mutiert.
Die Hansestadt möge mit einer Kostenbeteiligung für die Instandsetzung des Daches ihren Beitrag zum Erhalt des Tennis-Standorts Hamburg beitragen, fordern die Verbandsfunktionäre. Das am Pfingstsonntag beginnende Hamburger Masters-Turnier soll nach Willen der ATP Tour vom kommenden Jahr in seiner Wertigkeit herabgestuft werden. Dagegen klagt der Verband. Eine Entscheidung des Gerichts im amerikanischen Bundesstaat Delaware wird für Ende August erwartet.
Unausgegorene Pläne
Die Begehrlichkeiten des DTB gehen weiter: Die Stadt soll auch noch rund dreißig Millionen Euro locker- machen, damit mittelfristig aus der einst schnuckeligen Anlage des Clubs an der Alster eine Multifunktionshalle werde, in der nicht nur auch in kühlen Jahreszeiten Tennis, etwa Davis Cup oder Fed Cup, vielleicht auch ein Masters-Turnier in November, sondern gelegentlich auch Volleyball oder Basketball gespielt werden könne.
Diese Pläne sind genauso unausgegoren wie der damalige Ausbau des Centre Courts für 13 200 Zuschauer. Damit hatte der DTB für 55 Millionen Mark zwar eine überaus repräsentative Zentrale, ja sogar ein Restaurant, wo die Verbandsoberen mit geladenen Gästen in luftiger Höhe speisen und dabei die Matches verfolgen konnten. Aber prall gefüllt war der Centre Court nie.
Kein Blick für die Realitäten
Für den neuerlichen Ausbau benötigte der DTB nicht nur viel Geld, sondern auch die Zustimmung der Anwohner sowie der Anschütz Entertainment Group, der die Stadt Hamburg für ihre Color Line Arena ein Alleinstellungsmerkmal zugesichert hat. Beides scheint unwahrscheinlich.
Aber so ist es nun einmal im deutschen Tennis: Geplant und manchmal auch gebaut wird ohne Blick auf die Realitäten. Die Anlage am Rothenbaum, mitten in einem Wohngebiet des noblen Stadtteils Pöseldorf ohne Raum für Erweiterung und mit großen Parkplatzproblemen, war für die derzeitige Veranstaltung eine Nummer zu groß, für ein gemeinsames Turnier von Damen und Herren aber zu klein.
Verschandelte Idylle am Hundekehlesee
Auch vor dem traditionellen Berliner Damenturnier machte der deutsche Tennis-Größenwahn nicht halt. Für 25 Millionen Mark Lottogelder, also indirekte Steuern, wurde die idyllische Anlage am Berliner Hundekehlesee mit einer Stahltribüne für 7000 Zuschauer verschandelt, die nicht einmal zu Zeiten von Steffi Graf zu füllen war. Die Stahltribüne kann zwar durch einen Klappmechanismus verkleinert werden, schöner wird sie dadurch nicht.
Im kommenden Jahr verliert auch Berlin seinen Status als eines der Topturniere der WTA Tour. Schon wird gemunkelt, dass sich damit auch die Qataris von der derzeit laufenden Veranstaltung verabschieden. Wenn dann auch Hamburg seinen Masters-Status einbüßt, dann ist vom deutschen Tennisboom nur eines geblieben: hässliche Überbleibsel aus Beton und Stahl.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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