Von Torsten Haselbauer, Berlin
09. Mai 2006 Fast schreckt sie ein wenig zusammen, als sie plötzlich einfach so von der Seite angesprochen wird. Dabei war das, was von ihr gewünscht wird, bis vor gut drei Jahren Routine für sie und wurde im Vorübergehen erledigt. "Ein Autogramm bitte, Frau Hingis", sagt ein Tennisfan auf dem Gelände des LTTC Rot-Weiß in Berlin, wo sich in dieser Woche die internationale Damentenniselite unter dem etwas sperrigen Titel "Qatar Telecom German Open" versammelt hat. Martina Hingis zögert einen kurzen Augenblick, greift zum Kugelschreiber in der ausgestreckten Hand und kritzelt ihren Namen in das Heft des freundlichen Autogrammjägers.
Dies ist nicht das einzige, woran sich die ehemals beste Tennisspielerin der Welt bei ihrer Comeback-Tour 2006 fast ein wenig mühselig wieder gewöhnen muß. "Ich bin richtig froh, wieder im Tennissport zurück zu sein", erklärte die fünffache Grand-Slam-Gewinnerin am vergangenen Sonntag vor nicht wenigen, aber auch nicht unbedingt so sehr vielen Journalisten in Berlin. Das Mediengetöse bei ihrem ersten Start nach der durch eine chronische Fußverletzung über drei Jahre währenden Pause vom Leistungssport war zu Anfang dieses Jahres in Melbourne ungleich lauter gewesen.
Wer bin ich? und Wie will ich leben?
Martina Hingis ist also wieder zurück, und man hat sich irgendwie schon fast wieder an sie gewöhnt. Die vergangenen drei Jahre hatte die heute 25 Jahre alte Tennisspielerin mit dem "goldenen Handgelenk" mit mehr oder weniger sinnvollen Tätigkeiten fernab des lukrativen Tennisgeschäfts verbracht. Gesegnet mit fabulösen Preisgeldern von über 18 Millionen Euro aus einer ungewöhnlich erfolgreichen Tenniskarriere, ausgestattet mit dem üblichen Lifestyle-Spielzeug und standesgemäß residierend in einer weißen Traumvilla in der Nähe von Zürich. Ein paar Schauturniere, einige Einsätze als Co-Kommentatorin im Fernsehen, Werbeaufnahmen für hochwertige Küchengeräte - nicht gerade prickelnd klingt das und war es wohl auch nicht.
Dann kam, was kommen mußte: Simple und gleichermaßen schmerzhafte Fragen wie "Wer bin ich?" oder: "Wie will ich leben, und was will ich noch erreichen, privat und im Tennissport?" Das verriet sie am Sonntag in Berlin rückblickend und ungewohnt offenherzig. Nicht wenige Menschen werden von solchen Gedanken geplagt, die Martina Hingis im vergangenen Jahr immer öfter durch den Kopf schossen. Nur sind solche Leute üblicherweise bereits Mitte Vierzig und stecken tief in der Midlife-crisis. Martina Hingis fühlte sich jedoch viel zu jung für ein Leben voller Selbstzweifel und gepflegter Langeweile. "Ich wollte mir nicht mit dreißig vorwerfen lassen, ich hätte es nicht noch einmal versucht", erklärt die Frau, die schon mit 16 Jahren als jüngste Spielerin im glamourösen Tenniszirkus mit einer Leichtigkeit auf Rang eins der Weltrangliste kletterte wie keine zuvor und danach.
Miss Swiss spielt mit Männern
Die Person Martina Hingis im Jahr 2006 ist nicht einfach ein Remake aus diesen vergangenen sportlichen Zeiten als Superstar. "Es ist vieles anders geworden. Ich natürlich. Der Druck ist größer, das moderne Damentennis physisch intensiver und belastender. Nur der Erwartungsdruck an mich ist wohl genauso hoch wie früher", sagt Martina Hingis über das erste halbe Jahr nach ihrem für viele Experten überraschenden Comeback, das im vergangenen Dezember bei den Vorbereitungsturnieren zu den Australian Open seinen Anfang nahm.
Sie hat sich auf die veränderten Anforderungen gut vorbereitet. Um den Druck in ihren Schlägen zu erhöhen, trainiert das ehemals als "Miss Swiss" titulierte Tenniswunderkind mehr und mehr mit männlichen Tennisspielern. Der Arzt ihres Vertrauens, der Schweizer Heinz Bühlmann, ist zwar nicht permanent an ihrer Seite, "aber 24 Stunden zu erreichen, wenn etwas mit mir nicht in Ordnung ist", berichtet Hingis. Das gibt ihr Sicherheit. Und, vor allem, die Angst ist weg. Die hat sie bei ihren ersten Comebackversuchen auf den Turnieren in Übersee noch deutlich gespürt.
Jedes einfache Tennisspiel ein Sieg
In Berlin bei den German Open, die Martina Hingis übrigens schon als Achtzehnjährige im Jahr 1999 gewann, ist die Schweizerin nicht gesetzt. "Daran habe ich mich schon fast gewöhnt", erklärt die aktuell auf dem 26. Rang der Weltrangliste stehende Tennisspielerin selbstbewußt. Es scheint fast, als störte sie die ungewohnte Rolle nicht einmal. Ungesetzte Spielerinnen treffen früh auf Favoritinnen, das ist das strenge Gesetz bei den großen Tennisturnieren. Zum ersten Match bei den German Open trifft Martina Hingis an diesem Dienstag gleich auf die starke Flavia Pennetta aus Italien. Weiter als bis zu diesem Spiel mochte Martina Hingis gar nicht erst denken. "Für mich ist schon jedes einfache Tennisspiel ein Sieg. Weiter kann ich derzeit nicht in die Zukunft sehen", sagt sie, und lacht dabei.
Text: F.A.Z., 09.05.2006, Nr. 107 / Seite 34
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