Reiten

Offener Machtkampf

Von Evi Simeoni, Hamburg

24. Mai 2009 Der Graben zwischen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung und ihren Top-Springreitern wird immer tiefer. Seit Sonntag stehen sich auf der einen Seite der Kluft die Leitfigur der Profis, Ludger Beerbaum, und auf der anderen Seite die Verbandsfunktionäre gegenüber. Der Springausschuss wird sich in den nächsten Tagen mit der Frage befassen, ob Beerbaum in einem Leistungskader bleiben, also weiterhin bei Titelkämpfen für Deutschland starten kann.

Grund dafür sind selbstkritische Äußerungen des Reiters zum Thema „verbotene Medikation“. Beerbaum bestritt zwar, dass Profireiter der Ansicht seien, das Regelwerk, das neben Doping auch die Medikation von Pferden beim Turnier verbietet, sei nur Kosmetik und müsse nicht befolgt werden. Aber er räumte ein: „Im Lauf der Jahre habe ich mich darin eingerichtet, auszuschöpfen, was geht.“ Für seine Person bekannte er: „In der Vergangenheit hatte ich die Haltung: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird. Das ist heute nicht mehr aufrechtzuerhalten.“ Die Regel, dass auch therapeutische Mittel beim Turnier nur mit der Genehmigung eines offiziellen Tierarztes gegeben werden dürfen, halten die Profis für reformbedürftig.

Ludger Beerbaum: “In der Vergangenheit hatte ich die Haltung: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird“
Ludger Beerbaum: „In der Vergangenheit hatte ich die Haltung: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird”

„Verblüffung“ über Beerbaums Bekenntnis

Sportchef Reinhard Wendt, der jüngst mit erstaunlichen offenen Worten zum Thema Regelüberschreitungen im Springreiten von sich reden gemacht hatte, reagierte auf Beerbaums Bekenntnis „verblüfft“. Immer wieder habe er mit ihm über diese Haltung diskutiert und ihn gewarnt, dass damit der nächste positive Fall programmiert sei. Zur von Beerbaum verbal bereits mitgelieferten Läuterung erklärte der wichtigste Leistungssport-Mann des Verbandes in Hamburg am Rande des Deutschen Springderbys: „Das gälte es zu beweisen.“

Der Machtkampf zwischen dem eloquenten viermaligen Olympiasieger aus Riesenbeck und der Zentrale in Warendorf, der in den vergangenen Tagen schwelte, ist also offen ausgebrochen. Beerbaum hatte dies schon angekündigt: „Da wird ein bisschen gezündelt.“ Mit einer intern abgesprochenen Stellungnahme, die Sprecher Dennis Peiler in Hamburg ausgab, geht der Verband weiter auf Distanz zu seiner bisherigen sportlichen Führungsfigur: „Wir sind erschrocken über das, was Ludger Beerbaum zu seiner Vorgehensweise in den vergangenen Jahren geschildert hat. Diese Aussagen auf den gesamten Spitzensport zu übertragen, ist sicher nicht möglich.“ Allerdings hatte zuvor bereits Wendt selbst davon gesprochen, er habe den Eindruck, dass sich „über Jahre Handlungsweisen entwickelt haben, die bei einigen Reitern als normal empfunden werden, die aber mit dem Reglement nicht übereinstimmen“.

„Das Problem ist der allwissende Tierarzt“

Hanfried Haring, der erst Anfang des Jahres ausgeschiedene Generalsekretär des Verbandes, hatte von einem „Flächenbrand“ gesprochen. Anlass war die Nachricht, dass der Doping-Fall des Deutschen Christian Ahlmann beim olympischen Turnier in Hongkong nicht die einzige Regelübertretung innerhalb des deutschen Teams war. Außerdem hatte Marco Kutschers Schimmelhengst Cornet Obolensky nach dem ersten Umlauf des Nationenpreises eine Stärkungsspritze bekommen, die einen Schock bei dem Tier auslöste. Für diese Injektion war nicht wie vorgeschrieben eine Genehmigung vom Tierarzt des Weltverbandes eingeholt worden. Am Tag nach dem Schwächeanfall hatte Cornet Obolensky die zweite Runde des olympischen Nationenpreises bestreiten müssen. Dazu kamen verschiedene Verdachtsmomente, die der Springausschuss Anfang der Woche untersuchte, aber nicht erhärten konnte.

Ludger Beerbaum kritisierte auch die neue Regelung, dass Championatsreiter jede Medikation ihrer Pferde in einem Stallbuch dokumentieren müssen. „Da besteht noch Klärungsbedarf“, sagte er. Die Dokumentation sollen die Reiter dem neuen Mannschaftstierarzt Jan-Hein Swagemakers zugänglich machen. „Das Problem ist der allwissende Tierarzt.“ Beim Verkauf eines Millionenpferdes sei die Gefahr groß, so Beerbaum, dass der Käufer an die Informationen im Stallbuch kommen wolle. „Die Pferde haben schließlich einen Marktwert.“

Auch die Pferde attackieren sich

Angesichts all der Indiskretionen rings um die Turnierpferde könne leicht ein preisminderndes Detail ans Licht kommen. Wendt allerdings ist nicht bereit, die vom neuen Bundestrainer Otto Becker eingeführte Regelung in Frage zu stellen. Wenn sich das mit dem bestehenden Kader nicht umsetzen lasse, müsse man über eine Neubesetzung nachdenken.

Insofern stellt sich die Frage, mit welcher Mannschaft Otto Becker eigentlich im August zu den Europameisterschaften nach Windsor fahren kann. Christian Ahlmann wurde wegen seines Doping-Falls für zwei Jahre suspendiert. Beerbaum wird in Frage gestellt. Und Marco Kutscher, der bisher für die Olympia-Medikation nicht belangte Beerbaum-Angestellte? Der laboriert an den schmerzhaften Folgen einer Schulterluxation und eines Pferdebisses im Oberschenkel. Kutscher geriet am Samstag auf der Stallgasse zwischen die Fronten: Beerbaums Fuchshengst Goldfever attackierte wütend Kutschers Schimmelhengst Cornet Obolensky. Offensichtlich ging es um Führungsfragen. Vielleicht auch um die Definitionsmacht im Stall. Von den Tieren können die Menschen in diesem Fall also nichts lernen.

Streitfall Ludger Beerbaum
Streitfall Ludger Beerbaum

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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