Andreas Tennis-Tagebuch

Abenteuer Australien

Von Andrea Petkovic

23. Januar 2008 Nach weihnachtlicher Völlerei saß ich auf dem 24-Stunden-Flug mit Kurs auf Koalas, Kängurus und Ozonloch. An der Gold Coast war das erste Vorbereitungsturnier, und der erste Schritt aus dem Flugzeug heraus in die Freiheit wurde mit wärmendem Sonnenschein empfangen. So kam ich auch zu meinem ersten Sonnenbrand, nach einer Stunde Training. Falls meine Mutter nachfragen sollte: Ich habe mich wirklich eingecremt.

Schon am nächsten Tag regnete es. Das muss man sich einmal vorstellen: In einem Land, in dem es Wasserbegrenzungen gibt, in dem man nur vor sechs Uhr morgens seinen Garten wässern darf, wo eigenhändig Wasserleitungen zwischen Waschmaschine und Garten gelegt werden, um das über alles geliebte Unkraut doch noch in Schuss zu halten, in diesem Land fängt es an zu regnen, kaum dass ich über die Grenze schreite.

Mit serbischen Wurzeln hat man überall Verwandte

Sechs Tage lang hielt das Spektakel an. Nichtsdestotrotz schaffte ich es nach gefühlten dreißig Unterbrechungen, mein erstes Match 5:7 im dritten Satz zu verlieren, bevor Petrus die Schleusen richtig öffnete. Inzwischen herrschten Überflutungen. Nach meinem Match, als ich da so traurig in der Ecke saß, erschienen vier Menschen vor mir mit einem kleinen Kind auf dem Arm, und wie der Schatten sich so lichtet, stellt sich heraus, dass ich Familienmitglieder im 40 Kilometer entfernten Brisbane habe.

“Ein einfaches Aufkommen auf dem rechten Bein reichte, um mein Knie wegkippen... “Ich kämpfte noch ein bisschen weiter, gegen den Arzt und die Physiotherapeutin“ Wirre Gedanken: halbes Jahr Auszeit, Ranglistensturz auf Platz 500 Aus der Traum Trost der Gegnerin: Anna Tschakwetadse „Ich komme wieder: Unkraut vergeht nicht”

Sonderlich überrascht hat es mich nicht, denn mit serbischen Wurzeln hat man überall auf der Welt Verwandte. Somit verbrachte ich die restliche regnerische Zeit in Brisbane bei meinen Verwandten mit viel gutem Fleisch, Kindergeburtstagen und serbischen Köstlichkeiten, sprich: Süßigkeiten. Das war auch der Ort meines größten Missgeschickes der Reise. Am 31. Dezember um 23.54 Uhr, gerädert vom Jetlag, schlief Andrea Petkovic ein, und somit, davon bin ich überzeugt, stellte ich das kommende Jahr unter einen schlechten Stern.

Mein erstes Match auf einem großen Platz

Im Eilzugverfahren flüchtete ich mit meiner Freundin, Zimmerpartnerin und Finalgegnerin bei den deutschen Meisterschaften, Julia Görges, sowie ihrem Trainer Björn Jacob von der Gold Coast Richtung Sydney mit der Hoffnung auf Sonne und Sonnenbrand - und vor allem endlich einer Möglichkeit zu trainieren. Von der Sonne wurden wir diesmal nicht enttäuscht, schon eher von der Auslosung, die verhieß, dass von drei Deutschen im Qualifikationsfeld zwei gegeneinander spielen sollten. Selbstverständlich war ich betroffen, und Julia Görges war nun auch meine Erstrunden-Gegnerin in Sydney. Ich führte 6:0; 5:4; 40:15 (das sind zwei Matchbälle!) und vergab zwei aufgelegte Vorhände im Halbfeld, um innerhalb von weniger als fünfzehn Minuten als Verlierer vom Platz zu gehen. Prompt fing es an zu regnen. Halleluja!

Inzwischen war Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner angereist, die wegen familiärer Probleme erst in Sydney zu uns stieß, nur um direkt weiter nach Melbourne zu fliegen. Dort verbrachten wir sieben Tage in intensiver Vorbereitung auf die Australian Open. Das Turnier war neben den US Open eines der beiden Turniere, die ich bereits in meiner Jugendzeit gespielt hatte. Es war auch gleichzeitig mein erfolgreichstes Jugendturnier, bei dem ich in der ersten Runde Ana Ivanovic in vier Stunden niedergekämpft hatte und später das Viertelfinale erreichte. Somit war ich guter Dinge, trotz der denkbar schlechten Auslosung gegen die Nummer sechs der Welt, Anna Tschakwetadse. Bald stand fest, dass mein Match in der Vodafone-Arena angesetzt war, dem zweitgrößten Platz, und ich platzte fast vor Aufregung. Alle meine deutschen Mitstreiterinnen und Freundinnen hatten schon einmal die Ehre, auf einem großen Platz gegen eine der Top-10-Spielerinnen anzutreten und zu testen, wo sie im Vergleich stehen. Ich war die Einzige, die das noch nicht erlebt hatte - und ich brannte darauf.

Aus der Traum nach drei Minuten

In dem Moment, der mir zeigen sollte, wofür ich gekämpft habe - gegen meinen Vater, gegen das Studium, gegen meine eigenen Zweifel -, in dem Moment, als ich endlich erreicht habe, was ich will, hole ich mir nach drei Minuten einen Kreuzbandriss. Vorbei der Traum. Ganz unspektakulär. Ein einfaches Aufkommen auf dem rechten Bein reichte, um mein Knie wegkippen zu lassen. Kein Schrei, kein Schmerz, nichts. Ich kämpfte noch ein bisschen weiter, gegen den Arzt und die Physiotherapeutin, die mich zum Aufgeben zwingen wollten, aber auch dieser Kampf war schnell vorbei, als der Arzt mir seine Befürchtung mitteilte: Kreuzbandriss.

Zwei Stunden später, nach Kernspin- und Röntgenaufnahmen, wurde diese Annahme bestätigt. Es folgten zehn Minuten der Verzweiflung, der Tränen. Sechs Monate Pause, wirre Gedanken: Operation, Aufhören, Nichtaufhören, Fed Cup, ich falle auf die 600. Ranglistenposition der Welt. Mehr oder weniger gefasst musste ich zehn Minuten nach der Diagnose in der Pressekonferenz Rede und Antwort stehen und verkünden, dass ich auf jeden Fall zurückkommen werde. Das Zeitlimit, das ich mir gesetzt habe, ist nun zwangsläufig hinfällig, aber ich werde es wieder versuchen, obwohl ich in dem halben Jahr Auszeit auf eine Ranglistenposition jenseits der 500 zurückfallen werde.

Unkraut vergeht nicht

Wenn das nicht Beweis genug ist, dass das Pech mir auf Schritt und Tritt folgt, dann kommt er jetzt. Die WTA (Women's Tennis Association) versprach mir einen Businessclass-Sitz auf dem Rückflug - er fiel aus, das Flugzeug war voll. Kaum war ich wieder zurück, musste mein Freund ins Krankenhaus, wegen unerträglicher Schmerzen in der Schulter. Er läuft nun mit Armschlinge durch die Gegend. Ich saß keine zwanzig Minuten bei meiner Cousine im Auto, als ihr ein Reifen platzte und ich schließlich meinte, ständig dumpfes Plumpsen zu hören von den Steinen, die hinter mir vom Himmel fallen, in der Hoffnung, endlich meinen Kopf zu treffen. Ich habe nur eine Bitte an dich, Unglück: Verlasse mich wenigstens für ein paar Tage, denn ich werde morgen operiert. Übrigens, falls Sie, liebe Leser, gehofft haben, dass Sie mich jetzt los sind, dann haben Sie sich geschnitten. Sie wissen doch: Unkraut vergeht nicht.

Die Darmstädter Tennisspielerin Andrea Petkovic ist seit ihrem Abitur im Frühjahr 2006 auf der Profitour unterwegs. Im Sportteil der Rhein-Main-Zeitung und bei FAZ.NET berichtet sie regelmäßig über ihr neues Leben. Bisher erschienene Texte: FAZ.NET-Spezial: Das Tennis-Tagebuch der Andrea Petkovic.



Text: F.A.Z., 23.01.2008, Nr. 19 / Seite 62
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

 
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