Von Christian Eichler, Eindhoven
20. März 2008 Woran denkt man beim Schwimmen? Paul Biedermann dachte nur an das eine. Jedenfalls tat er das auf den letzten Metern zum Europameistertitel: Da habe ich nur noch an den Rekord gedacht. Es war nicht irgendein Rekord, es war die älteste Bestmarke im deutschen Schwimmen; erzielt, als Biedermann noch gar nicht auf der Welt war. Als er fertig war mit Denken und Schwimmen, sagte er: Tut mir leid für Michael Groß, aber jetzt habe ich ihn endlich. Im deutschen Freistilschwimmen gibt es wieder einen Siegertypen.
Das ist er, keine Frage, sagt sein Trainer Frank Embacher, der das Feuer in den Augen seines Schwimmers kennt und dessen energisches Beharren, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Zum Beispiel den Rekord. Embacher weiß, dass das eine schöne Geschichte für die Medien ist: Jetzt müssen die Journalisten nicht immer wieder vor jedem Rennen die alte Marke von Groß auftischen. Die 1:47,44 Minuten über die 200 Meter beim Olympiasieg 1984 in Los Angeles - Biedermann unterbot sie beim EM-Erfolg in Eindhoven in 1:46,59 deutlich. Sportdirektor Örjan Madsen bescheinigte ein perfektes Rennen.
Ein Riesensprung, aber das war auch überfällig
Weder Vogel noch Fisch, so hatte Madsen noch zwei Tage zuvor die Leistung Biedermanns nach dem Vorlauf-Aus über 400 Meter bezeichnet. Doch über 200 Meter war es dann eindeutig Fisch und am Ende beides, Fisch und Vogel, denn der neue Europameister war schneller als Groß, der Albatros der Achtziger.
Biedermann hat seine persönliche Bestzeit über 200 Meter in jedem EM-Rennen, Vorlauf, Halbfinale, Endlauf, gesteigert, insgesamt um anderthalb Sekunden. Einen Riesensprung erkennt Embacher, relativiert aber: Das war auch überfällig, denn in den Jahren vorher hat er sich nur gering verbessert. Der Trainer will nicht zulassen, dass man den 21-jährigen Athleten zu früh hochjubelt. Er verweist darauf, dass ohne die Erkrankung des Favoriten Pieter van den Hoogenband in dessen Heimatstadt wohl nur Platz zwei herausgekommen wäre.
Paul schwimmt rund 1800 Kilometer pro Jahr
Und darauf, dass 1:46,59 zwar eine gute europäische Zeit sei, aber im Weltvergleich noch lange nicht. Für den Olympiasieg wird man eine 1:44 brauchen, denn die 200 Meter Freistil sind nicht nur durch den Superschwimmer Michael Phelps eine der hochklassigsten Disziplinen. Und nicht zuletzt ist da immer noch der Unterschied im Arbeitsaufwand gegenüber der Weltspitze: Paul trainiert bis zu zwanzig Stunden pro Woche, die Top-Leute fangen mit 26 oder 27 an, sagt Embacher. Paul schwimmt rund 1800 Kilometer pro Jahr, die Weltklasse 2500 bis 3000.
Doch bei allem Realismus hört man den Optimismus heraus: den Gedanken, dass hier endlich wieder ein frecher Bursche aus deutschen Becken auftaucht, der einmal den ganz Großen etwas vorkraulen könnte. Denn Biedermann ist ein Spätzünder. Seine frühen Leistungen am Stützpunkt in Halle waren nicht überragend. Ein paar Mal hatte er sogar Glück, dass er dort noch weitermachen durfte, so Embacher, der ihn von klein auf kannte und seit sieben Jahren betreut. Er war verspielt, schwamm in der letzten Reihe herum, erinnert sich der Trainer, aber da war immer schon dieses Wassergefühl, dieser Rutsch.
Der freche Biedermann als neuer Groß?
Und da war die Lust auf Wettkämpfe - eine Eigenschaft, die nicht bei allen deutschen Top-Schwimmern sehr ausgeprägt ist, wie zahlreiche EM-Absagen unterstreichen. Für Biedermann war es kein Thema, auf die EM zu verzichten, nur um den Trainingsaufbau für den wichtigeren Termin, die deutsche Meisterschaft und Olympiaqualifikation im April, nicht zu stören. In Peking will er über 200 und 400 Meter schwimmen. Er braucht seinen Wettkampf, braucht stückchenweise seine Ziele, sagt der Trainer.
Im Zivildienst im Olympiastützpunkt Halle (dort zuständig für die Zusatzernährung der Athleten) findet Biedermann derzeit optimale Bedingungen, um zweimal täglich trainieren zu können. Für ihn ist die Zusammenarbeit mit Embacher ein Traumteam. Es geht stetig bergauf, sagt der Trainer, doch ebenso stetig bremst er die öffentliche Erwartung, die nun, nach der geknackten Methusalem-Marke des Schwimmens, gleich einen neuen Albatros erhofft. Vielleicht wird dieser freche Biedermann am Ende tatsächlich ein neuer Groß. Aber bestimmt kein Gerne-Groß.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, REUTERS