Mensch gegen Maschine

Der Homo ludens hat noch nicht ausgespielt

Von Christian Eichler

06. Dezember 2006 Der Chip ist Champion. Der Mensch stößt gegenüber dem eigenen Geschöpf an seine Grenzen. Nur eines bleibt ihm, worin ihn der Rechner nie übertreffen wird: die Hoffnung. „Mit mehr Vorbereitungszeit“, so resümierte Wladimir Kramnik nach seiner Niederlage gegen „Deep Fritz“, „habe ich immer noch eine Chance.“ Mit diesen Worten verband der Schach-Weltmeister, der noch vor dem Wettkampf prophezeit hatte, im Falle einer Niederlage hätten weitere Duelle Mensch gegen Maschine „keinen Sinn mehr“, seine menschliche Hoffnung: die auf eine Revanche in ein oder zwei Jahren.

Zumindest der Erfolg der Veranstaltung in Bonn spricht dafür. Die Medienresonanz war größer als beim WM-Kampf Kramnik gegen Topalow im Oktober. Millionen verfolgten die Partien im Internet. Es war natürlich nicht nur Schach-Interesse. Es war die urmenschliche Neugier daran, wie etwas unwiederbringlich verloren geht.

Unglaublich menschlicher Fehler

War es das also für den homo ludens? Hat die Menschheit ausgespielt? Das Resultat von 2:4 war deutlich. Und doch hatte Kramnik recht, als er tapfer resümierte: „Es war offen bis zum letzten Moment.“ Der Russe bot in sechs Partien eine starke Leistung – wäre da nur nicht dieser eine, verhängnisvolle, unglaublich menschliche Fehler in der zweiten Partie gewesen, als er ein einzügiges Matt übersah.

Dieser eine, unglaublich menschliche Fehler Spannungsvolle Vorstellung Konzentration Einsamer Mann am Brett: Kramnik unterliegt Deep Fritz Deep Fritz hat ein Gesicht: Programmierer Matthias Wüllenwebel führt die Züge... Kompetente Unterstützung vom Finanzminister?

Unter Schachfreunden in aller Welt hat das die lebhafte Diskussion ausgelöst, ob es der größte Patzer sei, der je einem der bisher 14 Schach-Weltmeister seit 1886 unterlaufen ist. Es fanden sich inzwischen ähnliche Patzer von Vorgängern wie Steinitz, Petrosjan oder Karpow; aber keiner auf solch großer Bühne wie Kramnik. Dessen Niederlage in der letzten Partie war wohl eine Folge des Patzers aus der zweiten. Denn er spielte, mit Schwarz in der Sizilianischen Verteidigung, alles oder nichts, um noch auszugleichen – und mußte nach 47 Zügen passen, weil er den a-Bauern von Fritz nicht mehr aufhalten konnte.

Fritz wie Fred Feuerstein

Am Ende erinnerte das Duell an eine Fußballpartie, in der ein Team über 90 Minuten gleichwertig war, jedoch ein einziges Mal nicht aufgepaßt hat und auf der Jagd nach dem Ausgleich in den Schlußminuten noch in einen Konter läuft. Dabei entspricht der Fehler, der Kramnik alles kostete, einem Gegentreffer, bei dem der Torwart sich gerade am Pfosten in Ruhe die Schnürsenkel bindet und der Ball ins andere Eck fliegt.

In der Schlußpartie hatte Fritz das Turmmanöver e1-e3-g3 mit Angriff auf dem Königsflügel gewählt; eine Aktion, die der amerikanische Großmeister Larry Christiansen in der „Herald Tribune“ als „sehr grob“ und „höhlenmenschenartig“ bezeichnete. Es erinnere an „Fred Feuerstein“.

Kramnik stand nie auf Sieg

Doch den Rechner interessieren solch stilistische Wahrnehmungen nicht. Das Nachdenken darüber, wie ein Zug auf andere wirkt, hat der Mensch exklusiv. Die Maschine sieht nur die Wirkung auf dem Brett. Gegen den Vorgänger „Deep Fritz 7“, der pro Sekunde „nur“ 2,7 Millionen Stellungen rechnen konnte, ein Drittel des heutigen „Deep Fritz 10“, stand Kramnik 2002 in Bahrain noch auf Sieg, führte 3:1, patzte dann und kam nur zu einem 4:4. Diesmal hätte er, falls fehlerfrei, wohl bestenfalls ein 3:3 erreichen können. Auf Sieg stand er nie. Experten vermuten, auf Dauer habe gegen Fritz kein Mensch mehr eine Chance, nur noch andere Programme.

Damit hat sich das Denken in nicht einmal zehn Jahren ins Gegenteil gewendet. Nicht mehr die Maschine braucht den Menschen, um zu siegen, sondern umgekehrt. Noch Kramniks Vorgänger Garry Kasparow hatte bei seiner Niederlage 1997 „Deep Blue“ humaner Hilfe verdächtigt: der Rechner habe „menschliche“ Züge gezeigt. So wie Kasparow hatte man fast 200 Jahre lang gedacht, seit Enttarnung des berühmten „Schachtürken“. Das war ein komplizierter Kasten mit einem Spielbrett, hinter dem ein mechanischer Muselmane die Züge ausführte. Er machte in ganz Europa Furore mit Siegen, etwa gegen Napoleon 1809. Erst nach Jahrzehnten fand man heraus, daß es nicht die vielen Zahnräder, Walzen, Hebel waren, die der ersten Schach-Maschine ihre Spielkunst gaben, sondern ein im Inneren versteckter, kleinwüchsiger Schachmeister.

Irren ist menschlich

Heute käme niemand mehr auf die Idee, vom Computer „getürkt“ zu werden. Denn die Schöpfer von „Fritz“, die Programmierer von „chessbase“, mögen an ihrem Baby manch menschliche Seite erkennen – wie „Intelligenz“, „Freude“ oder „Enttäuschung“. Nie aber menschliche Fehlerhaftigkeit. Längst werden im Gegenteil Menschen, die sehr gut spielen, vor allem schnell und sicher in komplizierten Stellungen, der Hilfe durch Rechner verdächtigt. So wie Kramnik durch Topalow in ihrem WM-Kampf.

In New York hat sich in dieser Woche eine Konferenz mit dem elektronischen Betrug im menschlichen Schach befaßt. Während der „World Open“ in Philadelphia im Juli war ein Spieler der unerlaubten Hilfe durch ein als Hörgerät getarntes, drahtloses Kommunikationsinstrument überführt worden. Dessen Entwickler ist übrigens die Firma Phonak, deren Rad-Rennstall mit dem Testosteron-Tour-Sieger Floyd Landis den Skandal des Jahres produzierte. Das ist vermutlich ein Zufall. Kein Zufall ist es, daß der mißbrauchte Einfluß der Rechner von vielen als das größte Problem des Spiels gesehen wird: als „Doping des Schachs“.

Die Notation der 6. Partie
Weiß: Schachprogramm Deep Fritz - Schwarz: Wladimir Kramnik (Rußland)

Sizilianisch 1. e4 c5; 2. Nf3 d6; 3. d4 cxd4; 4. Nxd4 Nf6; 5. Nc3 a6; 6.Bc4 e6; 7. O-O Be7; 8. Bb3 Qc7; 9. Re1 Nc6; 10. Re3 O-O; 11. Rg3 Kh8; 12. Nxc6 bxc6; 13. Qe2 a5; 14. Bg5 Ba6; 15. Qf3 Rab8; 16. Re1 c5; 17. Bf4 Qb7; 18. Bc1 Ng8; 19. Nb1 Bf6; 20. c3 g6; 21. Na3 Qc6; 22. Rh3 Bg7; 23. Qg3 a4; 24. Bc2 Rb6; 25. e5 dxe5; 26.Rxe5 Nf6; 27. Qh4 Qb7; 28. Re1 h5; 29. Rf3 Nh7; 30. Qxa4 Qc6; 31. Qxc6 Rxc6; 32. Ba4 Rb6; 33. b3 Kg8; 34. c4 Rd8; 35. Nb5 Bb7; 36. Rfe3 Bh6; 37. Re5 Bxc1; 38. Rxc1 Rc6; 39. Nc3 Rc7; 40. Bb5 Nf8; 41. Na4 Rdc8; 42. Rd1 Kg7; 43. Rd6 f6; 44. Re2 e5; 45. Red2 g5; 46. Nb6 Rb8; 47. a4 1-0
Endstand: Deep Fritz - Kramnik: 4,0:2,0



Text: F.A.Z. vom 7. Dezember 2006
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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