Von Jürgen Kalwa, New York
06. November 2007 Für Leute, die daran gewöhnt sind, im Kaffeesatz kryptischer öffentlicher Erklärungen zu lesen, war die Aussage klar und deutlich: "Es wird keinen Deal geben", sagte der Mann, der im Basketballunternehmen Chicago Bulls über das Geschäftliche entscheidet.
Und John Paxson war nicht der Einzige: Wenig später hörte man das Echo aus Dallas, wo sich der Eigentümer der Mavericks persönlich zu Wort meldete, um der Haltung seines Klubs die nötige Glaubwürdigkeit zu verleihen: "Wir haben nicht mit ihnen geredet", teilte Mark Cuban in einem Fernsehinterview am Rande des ersten Saisonspiels seiner Mannschaft in Cleveland mit: "Es wird nicht passieren. Wir haben einen großartigen Kader."
Feinkörniger Nachrichtenstaub
Solch eindeutige Stellungnahmen sollten eigentlich irgendwann die Gerüchtemühle der NBA zum Stoppen bringen, die seit Monaten mit Zitaten rund um die Person von Kobe Bryant gefüttert wird und dabei nichts anderes als feinkörnigen Nachrichtenstaub produziert hat. Aber nachdem der populäre Ballartist vor ein paar Monaten angedeutet hatte, dass er die Los Angeles Lakers verlassen will, bei denen er inzwischen elf Jahre verbracht hat, und Jeremy Buss, der Besitzer des Klubs, den Abschied von seinem besten Mann nicht mehr kategorisch ausschloss, hatte das Thema eine eigene Dynamik entwickelt und den Start in die neue Saison dominiert.
Bleibt Kobe, oder geht er? "Ich denke, irgendetwas muss gemacht werden", sagte LeBron James von den Cleveland Cavaliers am Wochenende, der mit Bryant zusammen im kommenden Jahr für das spielerisch starke amerikanische Olympiateam in Peking auflaufen wird. "Es lenkt den Rest der Mannschaft ab und die Fans. Entweder sie geben ihn ab oder nicht", sagt LeBron James.
Keiner der zehn besten Spieler
Wenn das so einfach wäre. Bryant beklagt eine Situation, die im Prinzip gar nicht zu ändern ist. Am liebsten hätte er in Los Angeles Nebenleute von der Güteklasse eines Shaquille O'Neal, mit dem zusammen er zwischen 2000 und2002 drei Meistertitel in Folge errungen hatte. Doch die sind bei anderen Teams in festen Händen und haben keine Sehnsucht, sich im Schatten eines eigensinnigen Spielers einzurichten, der an manchen Abenden 80 Punkte im Alleingang verbucht, aber nach den knallharten Analysen von respektierten Statistikern nicht mal zu den besten zehn Spielern in der Liga gehört.
Zumal der Fall O'Neal zeigt, wie die Nummer 8 der Lakers (Spitzname "Schwarze Mamba") mit Starspielern an seiner Seite umgeht: Er beißt sie irgendwann weg, weil er sich nicht gerne in ein Spielschema einordnet, in dem ihm klar umrissene Aufgaben zugeteilt werden und das Scheinwerferlicht auch auf andere fällt.
Gehalt: bis zu 25 Millionen Dollar jährlich
Die andere Lösung bringt Leute wie Paxson und Cuban ins Spiel: Sie bestünde darin, dass Bryant zu einem anderen Klub wechselt, bei dem man nicht nur die finanziellen Voraussetzungen hat, sein Gehalt zu bezahlen, das im Rahmen eines garantierten langfristigen Vertrags von derzeit 19,4 Millionen Dollar pro Saison bis 2011 auf 24,8 Millionen Dollar steigen wird. Weil das nur wenige Teams aufbringen können, reduziert sich die Zahl der Aspiranten.
Und die müssten für den 29 Jahre alten Star im Rahmen der restriktiven NBA-Regeln im Tausch ("Trade") auch noch jede Menge Spieler an die Lakers abgeben. Derart radikale Umbauarbeiten werden normalerweise nicht von Klubmanagern angestrengt, die über Spieler verfügen, mit denen sie nur ein paar Siege von einem Titelgewinn entfernt sind. Solche Maßnahmen werden eher von Klubs praktiziert, die völlig neu anfangen wollen - wie etwa die Boston Celtics, die in diesem Sommer bei zwei Transaktionen zwei hervorragende Basketballspieler gewinnen konnten, aber dafür eine Vielzahl hoch eingeschätzter Nachwuchsspieler abgeben mussten.
Viele Wenns und Abers
Was die Lakers gerne im Tausch für Bryant hätten, sind zwei Spieler von All-Star-Zuschnitt: Luol Deng und Ben Gordon bei den Chicago Bulls zum Beispiel oder Josh Howard und Devin Harris bei den Dallas Mavericks. Bei derartigen Ansprüchen kommen selbst Teams wie Dallas ins Grübeln, wo Cuban seit Übernahme des Klubs das Geld mit beiden Händen ausgibt, um den ersehnten sportlichen Erfolg zu produzieren. Die Kalkulation ist ganz einfach: Eine Meistermannschaft in der NBA braucht zwar gewöhnlich mindestens zwei herausragende Figuren von der Güteklasse des Deutschen Dirk Nowitzki. Aber wenn die beiden keine adäquate Unterstützung haben, sind sie regelmäßig in den anstrengenden Play-offs außer Form.
Die Sache wird noch dadurch kompliziert, dass Erfolgstrainer Phil Jackson nicht weiß, ob er weitermachen will. Er kommt zwar mit der Besitzerfamilie bestens zurecht - seine Lebensgefährtin ist die Tochter von Jeremy Buss -, aber nicht so gut mit Bryant. Angesichts des ständigen Geräuschpegels um die vielen Wenns und Abers meldete sich neulich erstmals Lakers-Legende "Magic" Johnson zu Wort, dem knapp fünf Prozent des Klubs gehören. "Wenn Kobe klug gewesen wäre, hätte er sich mit Shaquille arrangiert, und wir wären nicht in dieser Position. Vier Jahre später versteht er, dass er es nicht alleine schaffen kann. Jetzt macht er das Management dafür verantwortlich", sagt "Magic" Johnson.
Die Leistung der Mannschaft scheint das Theater jedoch bislang nicht beeinträchtigt zu haben. Nach einer knappen Auftaktniederlage gegen die Houston Rockets schlugen die Lakers am Freitag die sehr viel höher eingeschätzten Phoenix Suns. Bryant erzielte nicht mal die meisten Punkte, sondern das tat der Serbe Vladimir Radmanovic. Bryant war trotzdem zufrieden: "Wir müssen öfter so gewinnen. Das zeigt, dass wir einen enormen WiIlen besitzen." Der Rest wird sich weisen.
Text: F.A.Z., 05.11.2007, Nr. 257 / Seite 34
Bildmaterial: REUTERS