Von Wolfgang Scheffler, Southport
15. Juli 2008 Es fällt schwer, sich noch daran zu erinnern. Aber ja, es gab wirklich einmal eine Zeit, in der Tiger Woods nicht bei jedem Major als der überwältigende Favorit von Fans, Medien und Buchmachern gehandelt wurde. Im August 1996, in einem Jahr in dem der Engländer Nick Faldo (Masters) sowie die Amerikaner Steve Jones (US Open), Tom Lehman (British Open) und Mark Brooks (PGA Championship) die vier Traditionsturniere gewannen, wechselte Woods nach einer grandiosen Amateurlaufbahn mit je drei amerikanischen Junioren- und Amateurmeisterschaften in Folge ins Profilager - und im Golf begann eine neue Zeitrechnung.
Seit der damals 21 jahre alte Afroamerikaner Anfang April 1997 beim Masters gleich bei seinem ersten Auftritt als Berufsspieler bei einem der vier Saisonhöhepunkte die komplett versammelte Weltelite deklassierte, beantwortete sich bei den folgenden 45 Majors die Frage nach dem ersten Titelanwärter fast immer von selbst: Woods, wer sonst?
13 Siege bei 17 Turnieren - eine beispiellose Gewinn-Verlust-Rechnung
Am Donnerstag beginnen auf dem Platz des Royal Birkdale Golf Clubs in Southport in der Dünenlandschaft der englischen Nordwestküste die 137. British Open - ohne den Superstar, der von den letzten 14 Majors sechs für sich entschied, der zwei der letzten drei The Open Championship, wie das älteste und wichtigste Turnier der Welt offiziell heißt, gewonnen hat; ohne den Weltranglistenersten, der nach den vorjährigen British Open, bei denen er mit fünf Schlägen Rückstand auf den Iren Padraig Harrington nur den 12. Platz belegte, eine im modernen Profigolf beispiellose Gewinn-Verlust-Rechnung aufmachte: 13 Siege bei 17 Turnieren; ohne den Kämpfer, der die US Open Anfang Juni auf dramatische Weise im Stechen gewann, der sich weder von mangelnder Vorbereitung nach seiner Knieoperation Anfang April, noch von starken Schmerzen im linken Schienbein oder von einem gerissenen vorderen Kreuzband im linken Knie aufhalten ließ und in La Jolla (Kalifornien) seinen 87. Turniersieg als Profi, den 65. auf der PGA Tour und den 14. bei einem Major feierte.
Doch die Siegesserie ist gestoppt. Woods musste noch einmal unters Messer. Er erholt sich in Florida von seiner zweiten Knieoperation, und auch der doppelte Ermüdungsbruch im Schienbein heilt langsam. Mit einer Rückkehr des großen Meisters ist frühestens Anfang nächsten Jahres zu rechnen.
Eine Gelegenheit, den Durchbruch zu schaffen
Woods' Fehlen kommt einer 18-prozentigen Erhöhung des Preisgelds gleich, feixt der Veteran und ehemalige US-Open-Sieger Lee Janzen in Anspielung auf den Anteil, den auf der PGA Tour immer der Gewinner erhält. Viele denken, dass Tigers Abwesenheit dem Golf schadet, aber ich finde, es tut ihm gut. Jeder sieht jetzt eine Chance, Dinge zu erreichen, die sonst nicht zu erreichen wären.
Sein amerikanischer Landsmann Phil Mickelson stimmt zu: Ich glaube, dass es eine Gelegenheit für Spieler ist, den Durchbruch zu schaffen und Turniere zu gewinnen, die sie sonst nicht gewonnen hätten. Der 37 Jahre alte Weltranglistenzweite glaubt aber auch: Auf jeden Fall wird es einen negativen Effekt haben, auf die Einschaltquoten im Fernsehen, auf das Interesse der Fans und so weiter.
Hätten Sie Tiger besiegt, wenn er mitgespielt hätte?
Sergio Garcia, der in den Wettbüros nach der Absage von Woods gemeinsam mit dem Südafrikaner Ernie Els zum Topfavoriten aufstieg, widerspricht: Es wird keinen Einfluss haben. Es werden nicht weniger Leute kommen. Die Briten lieben Golf und die Open waren auch schon vor Tiger großartig. Natürlich fehlt etwas, aber die Open ist immer noch die Open. Sie ist größer als jeder Spieler.
Da mag der 28 Jahre alte Spanier Recht haben - und doch fühlen manche Konkurrenten, dass diesmal der British-Open-Sieg nicht ganz so süß schmecken wird. Wenn der beste Spieler dieser Generation nicht dabei ist, wird, wer immer auch gewinnen mag, ein paar Fragen beantworten müssen. Hätten Sie Tiger besiegt, wenn er mitgespielt hätte? Aber wie auch immer: Auch wenn wir ihn vermissen, Golf ist immer noch Golf und die Open Championship wird ausgetragen, ob mit oder ohne Tiger, sagt der Weltranglistensechste Els, wie der Vorjahreszweite Garcia ein Profi, dem häufig bei den Majors Woods einen Strich durch die Rechnung machte.
Auch Kenny Perry fehlt
Mickelson glaubt allerdings, dass in ein paar Jahren der vermeintliche Makel der Abwesenheit von Woods vergessen sein wird: Jack Nicklaus hat 18, Tom Watson acht Majors gewonnen. Da zählt nur die Anzahl und nicht wer alles im Feld war. Doch nicht nur Woods wird bei diesem Turnier vermisst. Auch Kenny Perry, der am Sonntag bei der John Deere Classic seinen dritten Sieg bei seinen letzten fünf Turnierstarts feierte, spielt nicht in Southport mit.
Ich bin eben ein Landjunge aus Amerika. Ich mache nicht gerne weite Dienstreisen, und wenn ich sie in der Vergangenheit gemacht habe, war ich nicht sehr erfolgreich. Das gilt ganz besonders für die British Open, bei denen meine Runden nie gut waren, erläutert der 47 Jahre alte Amerikaner aus Kentucky. Er spielt in dieser Woche bei der Milwaukee Open, um dort weitere Punkte für einen Start im Ryder Cup in Louisville in seinem Heimatstaat zu sammeln.
Die Open sind ganz offen
So fehlt in Southport nicht nur der mit Abstand beste, sondern auch der zur Zeit heißeste Profi. Diese 137. British Open macht diesmal ihrem Namen wirklich alle Ehre: Sie ist nicht nur Profis und Amateure offen, auch der Ausgang ist in Abwesenheit des großen Favoriten ganz offen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS