25. März 2008 Cornelia Hanisch war einst Deutschlands erfolgreichste Fechterin - und ist vielleicht immer noch die bekannteste. Doch sie tat sich auch auf anderen Bühnen hervor: So trat Cornelia Hanisch im Fernsehen als Lottofee auf und moderierte ein Kinder-Sportstudio. Und sie ist ein Glückskind, das von sich sagen kann: Ich habe nicht alles bekommen, aber mir hat es trotzdem an nichts gefehlt. Dass Cornelia Hanisch 1980 wegen des westlichen Olympiaboykotts nicht nach Moskau durfte, zählt die 55 Jahre alte Berufsschullehrerin nicht zu den schicksalhaften Tiefschlägen. Sie hat ihre eigenen Ansichten gewonnen. Im Gespräch redet sie im siebten Teil der FAZ.NET-Serie SOLO - Ein Thema, ein Interview über - Verlust.
Spüren Sie jetzt, da die Diskussion über einen Boykott von Olympia in Peking aufflammt, nur noch ein paar Florettstiche - oder reißt eine 28 Jahre alte Wunde wieder auf?
Na ja, ich bin in diesen Tagen schon einige Male als Betroffene darauf angesprochen worden, und deshalb ist mir die Geschichte inzwischen wieder sehr präsent. Wenn ich daran denke, reißt es natürlich eine alte Wunde auf. Es war nun mal meine beste Zeit, auch vom Alter her . . .
. . . und von den Leistungen . . .
. . . klar, ich war 1979 Weltmeisterin und 1981 wieder Weltmeisterin - und mittendrin, 1980, durfte ich an Olympia nicht teilnehmen. Das war schon brutal damals. Was ich im Nachhinein aber als schwerwiegender, im Positiven schwerwiegender empfinde und was mir vielleicht erst im Laufe der Jahre klargeworden ist: Ich habe, als ich meinen Olympiabock einigermaßen verdaut hatte, 1984 ja meine Olympiamedaillen gewonnen. Es wäre ganz schlimm und sicher ein großer Verlust gewesen, wenn ich nie eine olympische Medaille geholt hätte. Denn mein Sportlerleben war kurz. In Montreal habe ich 1976 zwar teilgenommen, aber ich war eben noch zu jung.
Zu jung mit 24?
Ja, ich war eine Spätstarterin und kam international erst in den sogenannten reiferen Jahren raus. Denn ich habe meinen Trainer, den Horst Christian Tell, der mich geformt hat, ja erst bekommen, als ich schon 20 war.
Haben Sie durch den bundesdeutschen Boykott der Sommerspiele 1980 in Moskau, mit dem ein großer Teil der westlichen Sportnationen auf den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan reagierte, einen erzwungenen Verlust erlitten - oder hätten Sie auch einen freiwilligen Verzicht geleistet?
Hm, nee, den freiwilligen Verzicht würde ich nur leisten, wenn ich darin einen Sinn sehen würde.
Und den haben Sie 1980 nicht gesehen?
Über Sinn oder Unsinn haben wir uns damals wirklich den Kopf zerbrochen, drei Monate lang, unter anderen zusammen mit dem Segler Wolfgang Gerz, der dann 1981 Weltmeister im Finn Dingi wurde. Auch die Leichtathletin Sylvia Schenk war zeitweilig dabei. Wir haben jeden Artikel über das Boykott-Thema umgedreht und haben an die Funktionäre einen Fragebogen verschickt, wie denn der Weg der Entscheidung gewesen sei. Es kam heraus, dass keiner von ihnen einen Sportler wirklich gefragt hatte. Am schlimmsten war diese Ohnmacht. Man wusste, es ist die falsche Entscheidung, und man kann trotzdem nichts dagegen tun. Hätte ich irgendeinen Sinn gesehen, da nicht hinzufahren, dann hätte ich es auch innerlich akzeptiert.
Sie galten als Favoritin im Einzel. Und Gold ist Gold und bleibt Gold. Ihr Erfolgsdrang ist geradezu unheimlich, hat der Fecht-Großmeister Emil Beck einmal über Sie gesagt. Waren Sie, sind Sportler nicht per se unpolitische Egoisten, wenn sie den größtmöglichen Erfolg erreichen wollen - ganz gleich auf welchem Platz der Erde?
Natürlich sind wir Sportler Egoisten, wir müssen es sein, wenn wir etwas gewinnen wollen. Das gilt für die notwendige innere Einstellung, wenn du einen Gegner besiegen willst. Der Tennisspieler Ivan Lendl hat mal gesagt: Wenn ein Gegner am Boden ist, musst du ihn zertreten.
Das ist kein sehr sportlicher Gedanke.
Ja, aber das ist so. Das ist eine innere Einstellung, die man haben muss als Sportler. Sie brauchen nur die Psychologie eines Gefechtes heranzunehmen: Du bist gut, du hast hervorragend gekämpft, und du hast tolle Sachen gemacht, deine Treffer gesetzt. Dann lässt deine Konzentration etwas nach, weil du denkst, du hast schon gewonnen. In diesem Moment geht bei dir die Motivation, die Aufmerksamkeit rapide runter. Beim Gegner geht sie hoch, weil er eine Chance sieht. Und wenn du jetzt nicht aufpasst, dann kriegst du Angst - und plötzlich dreht sich die Partie. Das ist profane Sportpsychologie. Und deshalb hat Lendl recht: Wenn du den Gegner am Boden hast, darfst du keinen Augenblick nachlassen. Wenn du nachlässt, hast du eigentlich schon verloren. Ich konnte 5:0 führen und wusste doch, der nächste Treffer ist der wichtigste. Ich habe mir gesagt, es steht nicht 5:0, sondern 5:5. Das ist das, was du als Sportler, als Kämpfer in dir hast. Etwas anderes ist es, was du an Moral, an Wertvorstellungen in dir wahrnimmst.
Genau dort, abseits allen sportlichen Ehrgeizes galten Sie als die mündige Athletin schlechthin: nicht auf den Mund gefallen, sportlich klar positioniert, politisch jederzeit streitbar. Warum waren Sie als aktive Anhängerin der Friedensbewegung, die sogar ins Blickfeld des Bundesverfassungsschutzes rückte, 1980 gegen einen Olympiaboykott: allein als ehrgeizige Sportlerin, die olympischen Lorbeer heimholen wollte, oder als politisch verantwortungsvoll denkender Mensch, der den sportlichen Erfolg nicht um jeden politischen Preis sucht?
Ich habe ja politisch gedacht, aber für mich war Boykott eben nicht das richtige, angemessene Mittel. Wenn man etwas ändern will an einem Menschen oder in einem anderen Land oder an einem politischen System, dann muss man sich treffen. Wenn man eine Beziehung abbricht, das kommt mir so vor wie bei kleinen Kindern, die in den Schmollwinkel gehen: Irgendwann redet man ja doch wieder miteinander. Und die Meinungsverschiedenheiten werden sich nur lösen durch Gespräche und Beziehungen. Dann kann man den Dialog auch gleich fortsetzen. Und um einfach nur ein Zeichen zu setzen, zu sagen Man muss etwas dagegen tun, egal was, das klingt mir zu oberlehrerhaft. Das ist mir, ob wohl ich Lehrerin bin, fremd im Wesen.
Die tagespolitische Frage bleibt: Wie kann ein friedensbewegter Bürger die Gastfreundschaft eines politischen Aggressors in Anspruch nehmen? Denn wenn Sie 1980 lieber nach Moskau gefahren wären, als zu Hause zu bleiben, dann müssen Sie ja nun auch für eine Reise nach Peking sein. Oder haben ein Vierteljahrhundert Weltpolitik und Privatleben Ihre Haltung verändert?
Nein, natürlich nicht. Für mich gilt nach wie vor: Sport ist per se Begegnung. Und wenn man ein Land öffnen kann - und wir Fechter waren damals in China die Ersten, die ins Land durften -, dann muss man das versuchen. Man beraubte sich einer Chance, wenn man nicht hingehen würde. Die vielen Tausende Besucher, die ins Land kommen, die China durchleuchten, die mit der Bevölkerung in Kontakt kommen: das ist eine einmalige Chance, die man da hat. Einen Konflikt kann man nicht lösen, wenn man einfach auseinandergeht. Kann sein, dass ich, wenn ich jetzt einen Konflikt mit einer Schülerin habe, sage: So, ich brauche jetzt erst mal eine halbe Stunde Ruhe . . .
Streitenden Nationen reicht erfahrungsgemäß keine halbe Stunde, um sich zu verständigen.
Tja, aber unter Menschen, unter Sportlern finde ich solche feindseligen Auszeiten eigentlich unnötig. Wenn man einen klaren Verstand hat, wenn man weiß, dass man sich hinterher doch wieder zusammensetzen muss - dann kann man es auch sofort machen. Sport ist Begegnung, und Konflikte im Sport müssen auch innerhalb des Sports gelöst werden. Damals hat mich gestört, dass der Sport das Bauernopfer war. Das hat mich im Tiefsten getroffen und ärgerlich gemacht; dass die Schmidt-Regierung abhängig war von den Amerikanern und dass die Bundesregierung so einen Druck auf den Sport gemacht hat, dass der auch nicht anders konnte. Ich glaubte Josef Neckermann, als er mir sagte: Mein Herz hat geblutet, aber wir konnten nicht anders. Aber vielleicht wär's doch gegangen, wenn er's einfach gemacht hätte.
Ihnen ging schon zu aktiven Zeiten der wachsende Einfluss der Politik im Sport auf den Wecker. Sie vertraten die Überzeugung: Olympia bietet eine tolle Chance, die man inmitten der verbalen Aggression der Supermächte UdSSR und USA immer wieder ergreifen sollte. Olympia bietet die Möglichkeit der friedlichen Begegnung des Einzelnen. Ich glaube an Olympia. Glauben Sie das immer noch? Gilt das auch für China 2008?
Ja, das sehe ich immer noch so. Die Frage ist: Was müssten die Chinesen tun, damit ich sage, da fahre ich wirklich nicht mehr hin? Die Entscheidung ist ja schon sehr viel früher gefallen. Wenn ich sage, ich will Sport treiben, und die Olympischen Spiele werden an solch ein Land vergeben, dann muss ich als Sportler mir innerlich immer wieder sagen: Ich will mit den Leuten Sport treiben. Und man muss ja wohl wohl differenzieren zwischen denen, die die Politik machen, und der normalen Bevölkerung und den Sportlern. Das ist nicht so leicht auseinanderzuhalten, das vermischt sich in einem. Der Sport hat kein Mandat, das sehe ich genauso wie Thomas Bach. Aber er kann trotzdem Einfluss nehmen.
Entscheidungen für oder gegen eine Teilnahme an internationalen Großveranstaltungen sind so oder so persönlich geprägt. Gibt es für Sie einen gravierenden Unterschied zwischen dem gewaltsam zugefügten Verlust und dem notgedrungen geleisteten Verzicht? Ein Verzicht hinterlässt schließlich auch einen Verlust . . .
Das ist richtig. Aber wenn man das freiwillig macht, ist das natürlich eine ganz andere Situation. Und noch mal: Mich hat unsere Ohnmacht aufgeregt, dass das einfach zack so gemacht wurde. Und dass die meisten Funktionäre die Sportler null gefragt haben.
Für Sie bleibt eine Teilnahme also unbedingtes Muss?
Ich kann es natürlich nicht hundertprozentig sagen. Wenn die jetzt ein irrsinniges Massaker machen würden in Tibet, dann müsste ich neu überlegen.
Sie haben die Kommerzialisierung des Sports schon beklagt, als Sie davon nicht profitieren konnten. Gibt es für Athleten überhaupt noch Ideale, die nicht vergoldet, versilbert oder wenigstens aus Bronze sind? Und dominiert nicht einzig und allein eines die Argumente gegen einen Boykott: Geld?
Heutzutage läuft es wohl letzten Endes darauf hinaus. Inzwischen ist es einfach so: Der Sport ist unser Leben. Bei den meisten Sportlern sind Beruf und Leben eines. Und man kann sich so eine moralische Haltung gar nicht erlauben. Ich habe damals von meinem Sport nicht leben müssen. Ich habe meine Schule beendet, meine Ausbildung gemacht, bin Lehrerin geworden. Moralisch sein kann man, wie die Sozialisten sagen, wenn man den Bauch voll hat.
Leistungssportler, sagt man, bezahlten für Erfolge und Verdienste auf athletischen Spezialgebieten mit einem entsagungsreichen Leben. Haben Sie nach ihrer Sportkarriere eine defizitäre Zwischenbilanz Ihres Lebens gezogen?
Ich weiß gar nicht, wer so etwas sagt. Ich habe nicht verzichtet. Wenn ich zurückblicke, als ich fünfzehn, sechzehn war, da haben meine Klassenkameradinnen mit irgendeinem grünen Jungen, den ich fürchterlich doof fand, Händchen gehalten - das mochte ich nicht, da hatte ich gar keine Lust zu. Es war viel schöner für mich, in der stinkigen Fechthalle zu sein, mich da auszulassen. Das machte unheimlich Laune und war toll. Ich wollte nicht in Diskos gehen. Ich habe damals auf nichts verzichtet.
Auf gar nichts?
Verzichtet nicht - aber, sagen wir mal, höchstens einen gewissen Mangel empfunden, als ich 25, 26 war und keine Chance hatte, einen gescheiten Mann kennenzulernen. Weil ich immer bis zehn Uhr abends gefochten habe.
Sie kennen den biographischen Konjunktiv, der mit Hätte ich doch . . . beginnt und im Privatleben endet, also gar nicht?
Nein, kenne ich nicht. Es gab immer wieder Zeiten, in denen ich mich gefragt habe: Wenn du das jetzt nicht erreichst, was du dir vorgenommen hast - hat sich das für dich gelohnt? Und ich habe mir immer wieder gesagt: Klar lohnt sich das. Weil ich das mache, was mir Spaß macht. Ich spiele jetzt auch manchmal wie ne Bekloppte Tennis, quäle mich in meinem Alter noch rum und mache Krafttraining, damit ich da mithalten kann - weil es mir Spaß macht. Es ist gut für mein Körpergefühl, für mein seelisches Gleichgewicht, für mein Glück.
Ist Ihnen bei all den Siegen je etwas Wertvolleres als Gewinnen verlorengegangen?
Nein, auch wenn ich nicht Weltmeisterin geworden und Olympiasiegerin gewesen wäre, hätte ich gesagt: Du hast es eben nicht geschafft, Cornelia. Aber du hast es probiert.
Sind Sie wirklich so glücklich, keinen Verlust in Ihrem Leben beklagen zu müssen? Auch keinen menschlichen?
Doch, ich habe meinen Trainer Horst Christian Tell verloren. Das war allerdings lange nach dem Ende meiner Karriere. Trotzdem habe ich fast ein Jahr lang, wenn ich an ihn dachte, in meinem Bauch ein schlimmes Gefühl gehabt. Aber dann war's irgendwann weg. Ich habe es akzeptiert. Er ist genauso gestorben, wie er gelebt hat: chaotisch, bei einem Autounfall.
Sie sind seit 24 Jahren mit ein und demselben Mann zusammen. Wären Sie gerne Mutter geworden, fehlen Ihnen Kinder?
Das ist auch so eine Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe, sehr zweifelnd. In der ersten Zeit, als ich mit meinem Partner zusammengelebt habe, das war eine solche Zweisamkeit, einfach toll. Wir sind am Wochenende irgendwo hingefahren, hatten alles, es war einfach herrlich, auf nichts Rücksicht nehmen zu müssen.
Da hatten Sie Ihre Sportkarriere schon beendet.
Ja, ich war 34, 35. Und da wurd's ja allmählich Zeit für mich mit einem Kind. Ich habe viel überlegt und mit meinem Mann gesprochen, der dann immer sagte: Komm, wir machen's sofort! Und dann habe ich es immer wieder rausgeschoben, weil mein Mann auf der anderen Seite auch immer wieder geschickt zu bedenken gab: Unser Leben würde sich ändern.
So geschickt sind viele Männer . . .
Ich fand das aber auch sehr ehrlich von ihm. Er hat klipp und klar gesagt: Du kannst jede Hilfe haben, aber ich werde auf das Kind nicht aufpassen können, ich habe meinen Job. So habe ich denn auf Kinder verzichtet, weil ich auch vielleicht ein bisschen zu egoistisch war. Aber ich habe mir gesagt, ich bin jetzt gerade mit meinem Leben, so wie es ist, zufrieden, und ich gehe das Risiko ein, dass ich mit fünfzig traurig bin, keine Mutter zu sein.
Also kein Verlust?
Nein, weil ich als Lehrerin natürlich ständig mit Kindern und Jugendlichen zusammen bin. Ich musste manchmal lachen, wenn mich meine Schüler gefragt haben: Frau Hanisch, haben Sie Kinder? Erst habe ich gesagt: Nein, noch nicht. Und später: Nein, nicht. Und dann bekam ich immer wieder zu hören: Ach, Frau Hanisch, was brauchen Sie Kinder, Sie haben doch uns!
Eigene Kinder sind aber doch etwas anderes . . .
. . . ja, aber ich habe doch das Glück, von meinem Stiefsohn einen Enkelsohn beschert bekommen zu haben. Es macht mir ungeheuer Freude zu sehen, wie so ein Kind wächst. Hätte ich diese Möglichkeit nicht, würde ich es vielleicht als Verlust spüren, nicht Mutter zu sein. Andererseits ist es auch ganz gut, wenn man den anstrengenden kleinen Kerl nach fünf Stunden wieder abgegeben kann.
Hätten Sie eine Tochter, einen Sohn wohl auch auf die Planche geschickt - und das gute Gewissen gehabt, dass sie dort mit Gewinn fürs Leben kämpfen? Oder dass sie es mit dem Verlust an Lebensqualität täten?
Mit Sicherheit hätte ich das nicht forciert, das hätte aus ihnen rauskommen müssen. Ich habe es meinen Eltern immer hoch angerechnet, dass die mich das haben machen lassen. Sie haben mich nicht drangsaliert, sind auch nicht zu Turnieren gegangen. Das war allein mein Ding, und das war gut so. In jedem Fall hätte ich Sohn oder Tochter die Erfahrung vermittelt, dass es immer ein Gewinn ist, etwas mit Haut und Haaren zu tun.
Das Gespräch führte Hans-Joachim Waldbröl.
Text: F.A.Z., 22.03.2008, Nr. 69 / Seite 76
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