Fußball

Frauen und ihr fehlender Mehrwert

Von Katrin Weber-Klüver

29. Oktober 2007 Frauenfußball ist kein Männerfußball. Dass ist nicht wirklich überraschend, ein Rennrad ist auch kein Bob und eine Lammkeule kein Ratatouille. Doch im Gegensatz zu diesen Sportgeräten und Speisen, die jeweils für sich existieren dürfen, hat Frauenfußball ein Problem: Er wird ständig mit Männerfußball verglichen. Meist zu seinem Nachteil.

Frauenfußball ist nicht so schnell, nicht so kämpferisch, auch taktisch und technisch nicht auf gleicher Höhe, folglich langweiliger. Einen Unterschied machen, jeder weiß das, die körperlichen Voraussetzungen. Zudem steht dem durchprofessionalisierten Männerfußball ein Frauenfußball gegenüber, der bis in die Weltspitze von Amateuren betrieben wird.

Identifikationen, Projektionen, Mythen

Das immerhin ließe sich ändern. Man könnte mehr Frauen mehr Geld geben, damit sie sich dem Fußballspiel verschreiben könnten und nicht - selbst als Weltmeisterinnen - noch nebenbei arbeiten müssten; man könnte Sichtungen und Trainingsbedingungen professionalisieren, die Talente frühzeitig fördern und sie anschließend ausbilden; man könnte so in ein paar Jahren aus einer eintönigen Frauen-Bundesliga, die in der vergangenen Saison insgesamt weniger Zuschauer hatte als Eintracht Frankfurt bei zwei ausverkauften Heimspielen, eine Liga machen, die ausgeglichener, hochklassiger, also sportlich interessanter wäre. Könnte man alles. Einen Boom gäbe es trotzdem nicht. Denn Frauenfußball ist kein Männerfußball. Und was der eigentliche Unterschied ist, hat mit sportlicher Qualität nichts zu tun.

Dass Millionen Menschen jede Woche zusehen, wie Männer kicken, hängt nicht so sehr davon ab, ob sie dabei guten Sport geboten bekommen. Männerfußball steht immer auch für etwas anderes. Er ist eine riesiger Freiraum für Identifikationen, Projektionen, Mythen. Und für kollektive Leidenschaft.

Fanklub gründen nur Verwandte und Nachbarn

Bayern-Fans sind nie allein. Sie werden auf der ganzen Welt als Bayern-Fans erkannt und erkennen sich gegenseitig. Sie haben eine gemeinsame Tradition und gemeinsame Erinnerungen. In überschaubarem Rahmen hat vermutlich sogar der VfL Wolfsburg eine Community. Was aber sollte das massentauglich vereinnahmende Moment des 1. FFC Frankfurt oder der Frauenabteilung von Wattenscheid 09 sein? Davon, dass es überschaubar unterhaltend ist, im Lorheidestadion Frauen-Bundesliga zu gucken, ganz zu schweigen.

Nun hat, wer in diesen Monaten beispielsweise Fan von Carl Zeiss Jena ist, auch kaum Spaß am Geschehen auf dem Platz. Doch darum allein geht es eben nicht. Wer Fan von Jena ist, gehört zu etwas, das mehr ist als elf Männer, die kicken. Ohne diese elf Männer funktioniert es gleichwohl nicht, denn sie kämpfen stellvertretend für die, die ihnen zuschauen. Frauen, die Fußball spielen, tun das ohne diesen Mehrwert, sie betreiben einfach Sport. Das schauen sich viele zwischendurch gerne mal an. Einen Fanklub gründen nur Verwandte und Nachbarn.

Zu Jahresbeginn noch eine Handballnation

Als zuverlässiger Katalysator in der großen Maschine der Gefühlsaufwallungen und der Gruppenbildung funktioniert allein der Männerfußball. Nur momentweise können andere Sportarten oder darf das andere Geschlecht diese Aufgabe übernehmen. Während die Fußballerinnen zuletzt ihren WM-Titel verteidigten, hatten sie für kurze Zeit zu Hause Millionen Fans. Zu Jahresbeginn noch war die Nation eine Handballnation. Man musste gar nicht viel von Handball verstehen. Es ging nur darum, dabei zu sein, als etwas passierte, das irgendwie aufregend war.

So war es auch, als Deutschland in den achtziger Jahren zum Tennisland wurde. Nicht, dass überbordend viele Menschen einen Topspin von einem Slice hätten unterscheiden können. Was zählte, war, teilzuhaben, wenn Boris Becker in Aktion trat. Über Becker wurde an jedem Esstisch gesprochen, als sei er ein Familienangehöriger. Nach ihm schrumpfte Tennis wieder zu einem Sport unter vielen.

Interesse wieder auf Sparflamme

Einzig der Männerfußball kann es sich leisten, phasenweise richtig schlecht und eigentlich eine Zumutung zu sein, ohne seinen Status zu riskieren. Als die Fußballer bei den Europameisterschaften 2000 und 2004 in der Vorrunde scheiterten, führte das zu erregten Diskussionen. Zu Aufmerksamkeitsentzug führte es nicht. Man kann nicht etwas die Aufmerksamkeit entziehen, was so identitätsstiftend ist.

Wären hingegen die Fußballerinnen in China frühzeitig rausgeflogen, würde sich heute kaum jemand dafür interessieren, dass die Fifa an diesem Dienstag die WM 2011 vermutlich an Deutschland vergeben wird. Es wäre nur eine sehr knappe Meldung im Schatten vorfreudiger Berichte darauf, dass die WM der Männer 2014 in Brasilien stattfinden wird, was in Zürich ebenfalls zur Verkündung ansteht.

Südafrika 2010, vier Jahre später die WM in Südamerika, das sind die Mega-Ereignisse, die mit großen Geschichten und Dramen aufgeladen und gigantisch vermarktet werden. Vor den Turnieren, während der Turniere, nach den Turnieren. Männerfußball ist immer. Das kurz auflodernde Interesse für die Weltmeisterinnen flackert derweil schon wieder auf Sparflamme. Selbst erfolgreicher Frauenfußball ist nur ein Sport am Rande. Ein Spielfeld für kollektive Träume wird er nie. Der Platz ist besetzt.

Die möglichen Spielstätten einer Frauenfußball-WM in Deutschland:

Augsburg, 25.579 Plätze.
Berlin, 74.244 Plätze.
Bielefeld, 28.000 Plätze.
Bochum, 23.000 Plätze.
Dresden, 27.190 Plätze.
Essen, 25.000 Plätze.
Frankfurt/Main, 49.240 Plätze.
Leverkusen, 30.200 Plätze.
Magdeburg, 27.000 Plätze.
Mönchengladbach, 46.297 Plätze.
Sinsheim, 25.641 Plätze.
Wolfsburg, 25.361 Plätze.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.10.2007, Nr. 43 / Seite 24
Bildmaterial: Cinque Moda, ddp, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa

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