Von Hans-Joachim Leyenberg, Halifax
11. Mai 2008 Man muss Schmerzen ertragen können, sagt Andreas Gröger. Diese Eigenschaft gehört zum Anforderungsprofil eines Eishockeyprofis, eines Nationalspielers allemal. Der Mannschaftsarzt der deutschen Nationalmannschaft spricht aus Erfahrung. Zu allen Wehwehchen, die das deutsche Team nach der nunmehr fünften Partie bei der Weltmeisterschaft in Halifax plagen, kam am Pfingstsamstag die Pein über das 1:10 (0:4, 0:5, 1:1) gegen Kanada.
Eine Niederlage dieser Dimension ist einer deutschen Eishockey-Nationalmannschaft zuletzt vor 22 Jahren bei der Weltmeisterschaft in Moskau widerfahren. Für eine Pleite dieser Größenordnung findet sich in keiner der zehn Kisten, die die medizinische Abteilung von Deutschland über den Atlantik in den Osten Kanadas mitgebracht hat, ein adäquates Beruhigungsmittel. Bundestrainer Uwe Krupp dürfte die quälende Frage verfolgt haben, ob es sich beim 1:10 um eine Momentaufnahme oder einen verhängnisvollen Trend handelte. Die Antwort wird in der Nacht zum Montag gegen Lettland fällig, dem letzten Auftritt vor der Abreise zurück in die Heimat. Man wäre nur allzu gerne länger geblieben, aber die Zwischenrunde bleibt Endstation. Der Klassenverbleib war mit dem Sieg über die Slowakei früh geschafft, doch es blieb beim Minimalziel, wo es doch nach Platz neun im Vorjahr weiter nach oben hatte gen sollen. Stagnation statt Fortschritt ist noch eine geschönte Sicht der Dinge. Der Anfang vom frühen Abschied kühner Träume in Halifax war die Vorrunden-Niederlage gegen Norwegen. Die Konsequenz: Man hätte entweder im Duell mit den Vereinigten Staaten oder Kanada punkten müssen.
Überrollt und überfordert
Eine verwegene Idee angesichts des Bildes, dass das deutsche Team gegen Weltmeister Kanada abgab: Überrollt und überfordert. Es war ein kurioser Treffer wie das 0:4 dabei, als der vom Schlittschuh des Berliners Frank Hördlers abgefälschte Puck den Weg ins Tor fand. Oder jene Szene, als Torhüter Robert Müller, von der 21. Minute an für Dimitrij Kotschnew gekommen, einen Ausflug gen Bande machte, den Puck dann aber an das Torgestänge schlenzte und so zum Wegbereiter des 0:9 wurde. Zu diesem Zeitpunkt agierten die Kanadier in Unterzahl. Wer im Eishockey ein Tor in Überzahl kassiert, kommt sich so vor wie ein Fußballer, der getunnelt wird.
Das deutsche Kollektiv präsentierte sich, als sei es von einem Virus befallen. So handzahm, als hätte es sich nie vorgenommen, zumindest ein unangenehmer Gegner für alle und jeden zu sein. Stürmer Stefan Ustorf (Berliner Eisbären) fand den Abend schlichtweg peinlich, sprach von einem Schneeballeffekt, der niemanden aussparte. Kollege Michael Hackert von den Mannheimer Adlern fühlte sich vierzig der sechzig Minuten lang so, als wenn man von einem LkW überfahren wird. Im letzten Drittel drosselte der kanadische Truck das Tempo, gelang Hördler der Treffer zum Endstand, nachdem zuvor die Kanadier Eric Staal (4), Jason Spezza, Patrick Scharp, Dany Heatley, Derek Roy, Jamal Mayers und Mike Green zehn Tore vorgelegt hatten.
Du weißt nicht mehr, wo vorn und hinten ist
Franz Reindl, heute Sportdirektor und Generalsekretär im Deutschen Eishockey-Bund (DEB), kennt sich als ehemaliger Nationalspieler mit hohen Niederlagen aus. Schließlich war er damals, 1987 in Moskau beim 1:10 gegen Finnland als Stürmer auf dem Eis und erinnert sich an eine ganz schlimme Nacht danach: Du weißt nicht mehr, wo vorn und hinten ist. Im Metro Centre war dieses Gefühl von damals wieder präsent. Der Funktionär erlebte den fahlen Geschmack eines gefühlten Klassenunterschieds aufs Neue. Dabei wähnte er solche Phasen hinter sich. Von wegen: Alles war wie weggeblasen - der schwärzeste Tag für das deutsche Eishockey seit langem. Bundestrainer Krupp erweiterte Reindls nach unten offene Farbskala mit seiner Einschätzung für das gerade Erlebte als rabenschwarzer Tag. Im besten Falle sei man ein schwacher Sparringspartner gewesen. Die Darbietung lief auf einen Offenbarungseid auf dem Eis hinaus. Die physisch überlegenen Kanadier raubten den Deutschen im Nahkampf die Luft zum Durchschnaufen.
Internationale Spielertypen nennt Krupp jene Modellathleten, die sich beim 2:1 über David Norwegen noch so schwer getan hatten. Danach, so Krupp, hätte Trainer Ken Hitchcock seinen Kanadiern eine klare Ansage verpasst, sich nicht noch einmal von Europäern hinhalten zu lassen. Schließlich geht das Copyright auf Kanada als Erfinder des Eishockeys zurück. Vom Nachahmeffekt in den deutschen Reihen jedenfalls war im Duell mit den großen Vorbildern so gar nichts zu entdecken. Und das nach der Publikumsbeschimpfung durch Uwe Krupp nach der Partie gegen die Vereinigten Staaten. Er hat sich dafür entschuldigt, außerdem lud der DEB als Good-Will-Aktion zur Autogrammstunde. Die Zugabe einer präsentablen Leistung auf dem Eis blieb aus. Für Krupp wie für alle im deutschen Tross erfolgte der Rückschlag so plötzlich und massiv, dass sie auf Anhieb gar nicht realisierten, was ihnen da widerfahren war. Gegen die Kanadier kamen die Deutschen immer einen Schritt zu spät. Am Ende aber war es wiederum zu früh, endgültig den Stab über diese Mannschaft zu brechen. Ihr stand ihre verbliebene Bewährungschance noch bevor. Letzte Ausfahrt Lettland.
Deutschland - Kanada 1:10 (0:4, 0:5, 1:1)
Deutschland: Kotschnew (Nürnberg Ice Tigers/37 Länderspiele) - Schubert (Ottawa Senators/NHL/49), Dennis Seidenberg (Carolina Hurricanes/NHL/50); Bakos (ERC Ingolstadt/72), Hördler (Eisbären Berlin/38); Schmidt (Iserlohn Roosters/18), Reiss (Hannover Scoprions/7); Osterloh (Frankfurt Lions/27), Renz (Kölner Haie/164) - Sturm (Boston Bruins/NHL/49), Ustorf (Eisbären Berlin/127), Busch (Eisbären Berlin/42); Yannic Seidenberg (ERC Ingolstadt/47), Ullmann (Adler Mannheim/67), Tripp (Hamburg Freezers/39); Gogulla (Kölner Haie/40), Hackert (Adler Mannheim/45), Wolf (Iserlohn Roosters/45); Felski (Eisbären Berlin/128), Goc (San Jose Sharks/NHL/56), Fical (Nürnberg Ice Tigers/90)
Kanada: Ward - Jovanovski, Bouwmeester; Hamhuis, Staios; Keith, Burns; Green, Mayers - Nash, Getzlaf, Sharp; Chimera, Spezza, Heatley; Kunitz, Toews, St. Louis; Roy, Staal, Doan
Tore: 0:1 Spezza (5:14), 0:2 Heatley (13:35), 0:3 Staal (16: 05), 0:4 Sharp (19:37), 0:5 Staal (23:42), 0:6 Staal (28:20), 0:7 Roy (32:07), 0:8 Staal (35:30), 0:9 Mayers (38:12), 0:10 Green (41: 47), 1:10 Hördler (48:40)
Schiedsrichter: Bulanow (Russland), Kurmann (Schweiz)
Zuschauer: 9000
Strafminuten: Deutschland 8 - Kanada 4
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance/ dpa, REUTERS
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