Von Michael Horeni
04. Dezember 2007 Nach drei Monaten Training haben Oliver Schmidtlein und Shad Forsythe auf einmal ein Wort benutzt, von dem ich im Zusammenhang mit meinen sportlichen Aktivitäten überzeugt war, dass ich es nie mehr hören würde. Das unglaublich exotische Wort aus dem Mund der beiden Fitnesstrainer lautet: Regeneration. Das wäre jetzt nötig, sagen sie.
Bei all dem Training, das ich jetzt leiste, hätte ich ein neues Niveau erreicht, und da gehöre Regeneration unbedingt zu meinem Programm. Sie sprechen darüber ganz ruhig und nüchtern. So, als wäre das ganz normal. Aber ich habe zuvor noch nie im Leben "regeneriert". Nicht einmal, als ich ganz früher jahrelang drei-, viermal in der Woche trainiert habe und am Samstag noch ein Spiel dazukam.
Regeneration und Rotation
Regeneration? Ich dachte zunächst, ich hätte mich verhört. Aber ich muss zugeben, dass ich mich in diesem Moment doch sehr wie ein Sportler gefühlt habe. Ich habe mir vorgestellt, wenn ich Profi beim FC Bayern wäre, dann käme ich jetzt bestimmt bei Ottmar Hitzfeld mit der Rotation an die Reihe, weil der Trainer mich für die ganz wichtigen Spiele schonen will. Ich hätte dafür natürlich großes Verständnis, und er müsste sich dafür dann bei Karl-Heinz Rummenigge rechtfertigen, weil die Leute im Stadion doch immer die besten Spieler sehen wollen. Dieser Gedanke hat mich sehr von der Regeneration und der Rotation überzeugt.
Wissenschaftlicher ausgedrückt, verliert die Regeneration allerdings ein bisschen von ihrem Glamour. Kurz gesagt, handelt es sich dabei nur um Prozesse, die zur Wiederherstellung eines physiologischen Gleichgewichts führen und die immer in Beziehung zu einer vorausgehenden Belastung stehen. Im Allgemeinen unterscheidet man dabei zwischen aktiver und passiver Regeneration, wobei die passive Variante für einen minderehrgeizigen Hobbysportler durchaus einen besonderen Charme entfaltet.
Übertraining schadet
Zur passiven Regeneration gehören nämlich: Schlaf. Ruhe. Ein Saunagang. Oder eine schöne Massage. Die passive Regeneration ist also ganz wunderbar. Aber ehrlich gesagt, doch ein ziemlich unerreichbarer Luxus. Das fängt schon beim Schlaf an. Ausreichend Schlaf in Verbindung mit Kindern, Schule und Beruf passt nicht besonders gut zusammen. Und sich regelmäßig noch vor den "Tagesthemen" aus dem Leben zu verabschieden, ist ja nun auch nicht jedermanns Sache, nur um am nächsten Morgen um halb sieben frisch und fröhlich den Wecker zu grüßen. Von regelmäßigen Saunabesuchen oder eineinhalbstündigen Tropical-Hawaii-Massagen, wie sie im Frankfurter Quartier der Fußball-Nationalmannschaft so nett angeboten werden, wollen wir gar nicht erst reden.
Aber Regeneration ist wichtig. Das weiß ich theoretisch natürlich längst. Nach einer anstrengenden Trainingseinheit bereitet sich der erschöpfte Körper ganz von selbst darauf vor, beim nächsten Mal nicht nur genauso viel, sondern noch ein bisschen mehr leisten zu können. Wenn man nun dieses bessere Ausgangsniveau für das nächste Training nutzt, kann man seine Leistung steigern. Wer jedoch zu früh wieder anfängt, unterbricht die Phase der Regeneration, in der sich der Körper bereit macht, mehr zu tun. Das nennt man dann Übertraining, und das schadet.
Glücksgefühle nach zwanzig Kilometern
Es fällt mir seit einiger Zeit auf, dass viele meiner Freunde und Bekannten aus der Babyboomer-Generation, die erst jetzt den Sport für sich entdeckt haben oder gerade wiederentdeckten, mit Regeneration rein gar nichts anfangen können. Und mir wäre es ohne Oliver und Shad ganz genauso gegangen, auch wenn ich vom Nutzen und der Notwendigkeit schon vorher wusste. Aber es war bedeutungsloses Wissen. Denn nachdem auch bei mir endlich das Gefühl wieder da war, den eigenen Körper zu spüren, habe ich weit mehr gemacht, als ich mir ursprünglich vorgenommen hatte. Eigentlich wollte ich dreimal die Woche 45 Minuten trainieren, wenn möglich aber jeden Tag. Manchmal komme ich jetzt schon auf den doppelten Umfang - und hätte gerne noch mehr trainiert, wenn ich Zeit dafür gefunden hätte.
So wie mein Freund Stefan, der vor einiger Zeit das Laufen für sich wiederentdeckte. Wenn er jetzt sonntags, wenn die Familie noch schläft, ganz früh aus dem Haus schleicht, kommt er oft erst nach drei Stunden zurück. Er läuft dabei von Frankfurt aus durch Gegenden, die ich noch nicht einmal mit dem Rad erreicht habe. Oder meine Nachbarin Susanne, eine sportliche Späteinsteigerin. Sie erzählt mittlerweile von ihren tagelangen Glücksgefühlen nach einem Lauf über zwanzig Kilometer.
Laufen bis zum Ermüdungsbruch
Natascha ist ein paar Jahre jünger, aber sie hat vom Sport auch nicht genug kriegen können. Sie ist zuletzt fast jeden Tag gelaufen, weil ihr das so gut getan hat. Aber als ich sie vor zwei Monaten das letzte Mal gesehen habe, ging sie an Krücken: Ermüdungsbruch.
Ich war dagegen jetzt ganz vernünftig und habe eine Woche Pause mit dem Sport gemacht. Das war ganz einfach. Ich war krank.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: F.A.Z. - Wonge Bergmann