Sebastian Vollmer

Hüter des kostbaren Schatzes

Von Jürgen Kalwa, Foxborough

07. November 2009 Es war die erste wirklich sehenswerte Aktion von Sebastian Vollmer in dieser Partie. Dem allerersten Spiel seiner Profikarriere, in dem der einzige Deutsche in der National Football League (NFL) von Anfang an auf dem Platz stand. Mit seinen mächtigen Armen und der Kraft von 145 Kilogramm Körpermasse schob er einen Verteidiger der Tennessee Titans aus dem Weg, sperrte den Weg frei für Running Back Laurence Maroney und ermöglichte ihm den ersten Touchdown der Partie.

„Solche Blocks von einem Neuling geben den Ton an“, stand am nächsten Tag im „Boston Globe“, nachdem die New England Patriots ihren Gegner aus dem warmen Nashville im Schneetreiben von Foxborough abgefertigt hatten. 59:0 lautete das Ergebnis einer Begegnung, die dem Neuling noch lange in Erinnerung bleiben wird. „Ich hatte einen Wahnsinns-Spaß“, sagte er.

“Ich hatte einen Wahnsinnsspaß“: Sebastian Vollmer genießt sein Rookiejahr in der NFL
„Ich hatte einen Wahnsinnsspaß”: Sebastian Vollmer genießt sein Rookiejahr in der NFL

Auch der Quarterback Tom Brady, der in Deutschland wegen seiner Ehegattin Gisele Bündchen und seiner drei Super-Bowl-Erfolge sehr viel bekannter ist als der 25 Jahre alte Vollmer, war von der Premiere des Teamkameraden mit der Rückennummer 76 angetan. Schließlich hatte der ihm das ganze Spiel über einen der besten Linebacker der Liga vom Leib gehalten. „Du siehst ja, wie groß er sich da draußen macht. Durch seine Intelligenz bringt er sich in die richtige Position. Das war hervorragend.“

Knapp zwei Wochen später steht Sebastian Vollmer, der einst als Teenager bei den Düsseldorf Panthers die Lust an der knallharten Sportart entdeckte und sich in den vier vergangenen Jahren als Stipendiat an der University of Houston die Fitness und das Können für das Spiel der Profis erwarb, nach dem Training im Bindfadenregen in den Katakomben der Arena und erweckt den Eindruck, nur ein Ziel zu haben: unauffällig seiner Arbeit nachzugehen und trotz seiner enormen Körperlänge von 2,03 Metern aus der Masse des großen Kaders nicht herauszustechen. „53 Leute arbeiten für dasselbe Ziel“, sagt er. „Und jeder muss seinen Teil dazu beitragen, damit das Team eine Chance hat zu gewinnen. Die Erwartungen sind hoch. Und da besteht ein sehr großer Druck.“ Typische Worte für einen Offensive Lineman im Football.

Vollmer ist Bodyguard - die Show dominieren die anderen

Spektakulär ist es nicht, wenn er sich den heranstürmenden Verteidigern in den Weg stellt und sie abdrängt. Die Show dominieren die anderen, mit dem Lederei kommt er so gut wie nie in Berührung. In 150 Jahren Football hat sich eine extreme Arbeitsteilung entwickelt; Trainer verschmähen längst jede Form von Improvisation und betrachten ihre Spieler wie lebendige Schachfiguren. Je nach Position und Rolle werden andere Körpermaße und andere Kraftwerte verlangt. Nur zwei Voraussetzungen müssen alle erfüllen: äußerste Anpassungsfähigkeit und Disziplin.

Vollmers Job reduziert sich unterm Strich hauptsächlich auf eine Aufgabe: Er ist ein Bodyguard, und er beschützt das Kostbarste, was eine Footballmannschaft hat – die Gesundheit des Quarterback. Der Aufgabe Vollmers als Tackle auf der linken Seite kommt, weil die meisten Spielgestalter Rechtshänder sind, dabei eine ganz besondere Verantwortung zu. Er wehrt die Dampframmenangriffe der Pass Rusher von der „blind side“ ab, dem gefährlichen toten Winkel.

Die Experten sind verblüfft

Obwohl diese Rolle zumeist von vergleichsweise uneitlen Menschen übernommen wird, stehen sie in der Hierarchie und im Gehaltsgefüge des Footballs hoch im Kurs. Die besten Leibwächter der Liga verdienen über sieben Millionen Dollar im Jahr und damit mehr als die meisten Wide Receiver und Running Backs, zwei Glamour-Positionen im Angriff. Vollmer liegt zwar als Neuling deutlich unter solchen Honoraren, aber sein Klub ließ sich nicht lumpen, als er ihm im Sommer einen Vier-Jahres-Vertrag anbot. Der Kontrakt ist mit 3,105 Millionen Dollar dotiert, 1,76 Millionen Dollar davon sind garantiert. Bonus für den Fünfundzwanzigjährigen aus dem rheinischen Ort Kaarst: Er landete bei der besten Mannschaft der vergangenen zehn Jahre, die dreimal den Super Bowl gewann und eine der zuverlässigsten Wurfmaschinen in der NFL-Geschichte, Tom Brady eben, beschäftigt.

Dass ausgerechnet diese New England Patriots und ihr verschlossener, fast grimmig dreinblickender Cheftrainer Bill Belichick sowie Linesmen-Coach Dante Scarnecchia aus der Ferne Vollmers Potential erkannten und ihn als 58. im diesjährigen Draft aus dem Pool der Nachwuchsspieler auswählten, verblüffte zunächst manchen Experten.

„Er ist für einen Neuling schon ziemlich gut auf seiner Position“

Mike Reiss vom „Boston Globe“ etwa hatte Vollmer „nicht auf seinem Radarschirm“, wie er in einem Internet-Chat schrieb. Dass der unbekannte Deutsche sich so rasch ins Team spielen konnte, liegt weniger an seinem bemerkenswerten Trainingsfleiß, der ihn jeden Morgen in den Kraftraum treibt, und auch nicht in erster Linie an seiner Ausdauer, anhand von Videoaufzeichungen die komplexen Spielzugvarianten des eigenen Teams und der gegnerischen Mannschaften zu studieren.

Die Trainer schickten ihn zwar schon in den ersten Begegnungen in bestimmten Phasen von der Bank aufs Feld – doch erst das Verletzungspech eines Stammspielers eröffnete Vollmer im Gillette-Stadium die Chance, von Beginn an zu spielen. Alles, was ihm Linesmen-Coach Scarnecchia sagte, ehe er ihn in den Ringkampf mit den Kolossen der Tennessee Titans schickte, waren zwei Worte: „Get in.“ Vollmer brauchte keine weitere Ermunterung. Er wusste um die Bedeutung dieses Moments für seine Laufbahn.

Ehe allerdings nach der gelungenen Premiere allzu große Begeisterung aufkommen konnte, ließ Cheftrainer Belichick durchblicken, dass der Neue wohl „noch viel zu lernen hat und noch einen weiten Weg vor sich hat“. Der Coach, ein Football-Architekt mit einem riesigen Gedächtnis, der auf eine leise Weise regiert und noch so gut wie jeden Spieler davon überzeugen konnte, dass seine Methode und sein Plan funktionieren, verteilte aber auch sparsames Lob: „Wenn man an seine Herkunft denkt, dann ist er für einen Neuling schon ziemlich gut auf seiner Position. Einer, der in seiner Entwicklung schon weiter ist, als wir das erwartet haben, als er zu uns kam.“

Im American Football wählen die Profiteams einmal pro Jahr aus einem Pool von Nachwuchsspielern ihre zukünftigen neuen Akteure aus. Um die Qualität der Mannschaften auf ähnlichem Niveau zu halten, haben die schlechtesten Klubs der Vorsaison als erste das Recht, einen Spieler zu verpflichten, die besten Vereine wählen zum Schluss eines jeden Durchgangs. Der Super-Bowl-Gewinner kann erst ganz zuletzt zugreifen. Ähnliche Systeme gibt es in Nordamerika auch im Basketball, Baseball und Eishockey. Die angehenden Profis haben zu Beginn ihrer Karriere also keinen Einfluss darauf, für welches Team sie spielen. Erst nach Ablauf der Verträge können sie wechseln.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, dpa

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