Auftakt zur Eishockey-WM

Krupps Roadmap sieht eine Überraschung vor

Von Hans-Joachim Leyenberg, Halifax

02. Mai 2008 Die Wettervorhersage für den Nordosten Kanadas entspricht exakt der Gemütslage der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft: ein Mix aus allem, Tendenz heiter. Für das Team beginnt die Weltmeisterschaft am Samstag in Halifax mit der Partie gegen Finnland (21.30 Uhr MEZ / Live im DSF und im FAZ.NET-Liveticker). Die Nordmänner, WM-Zweite des Vorjahres, gelten als ziemlich sicherer Halbfinaltipp. Und die Deutschen? Wenn eines der drei Vorrundenspiele gewonnen wird, am ehesten das gegen Norwegen, sind sie in der Zwischenrunde und ersparen sich die Play-off-Runde nach dem Modus „best of three“ gegen den Abstieg. Doch die Zeit ist einfach reif für höhere Ziele.

Das Retro-Trikot, mit dem das deutsche Team in Halifax auf das Eis läuft, ist eine Anspielung auf die erste Sternstunde des deutschen Eishockeys: 1932, bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid, gewannen die Herrschaften, die in ihrer Mehrzahl aus Berlin und Bayern kamen, Bronze. Mit dem heutigen Kader sieht es nicht viel anders aus, angereichert durch drei Cracks, die als Kinder deutscher Auswanderer in Kanada geboren sind.

Krupp genießt in Halifax bis Vancouver Kultstatus

Jason Holland, Chris Schmidt und John Tripp brauchten ihren Mannschaftskameraden gar nicht erst zu erzählen, dass die Tour nach Kanada zugleich eine Reise ins Reich des Eishockeys bedeutet. Hier wird der schnellste Mannschaftssport der Welt so wahrgenommen wie in Deutschland oder England der Fußball. Die kanadischen Nationalspieler sind die Rockstars der Nation. Es wurde höchste Zeit, die WM erstmals nach Nordamerika zu vergeben. Zum hundertjährigen Jubiläum des Internationalen Eishockey-Verbandes kam im Grunde kein anderer Schauplatz in Frage.

Das Stelldichein der 16 besten Eishockey-Teams läuft auf zwei G-8-Gipfel hinaus: mit je zwei Vorrundengruppen in Halifax und Québec, wo am Ende Halbfinale und Finale ausgetragen werden. Der Abstecher zu den Frankokanadiern wäre das höchste der Gefühle für die deutsche Delegation. In Trainer Uwe Krupp steht immerhin ein Mann an der Bande, der von Halifax bis Vancouver Kultstatus genießt. Den hat er auf Lebenszeit, seit er 1996 und 2002 mit Colorado Avalanche und den Detroit Red Wings den Stanley Cup gewonnen hat - die Trophäe für den Meister der nordamerikanischen Profiliga NHL.

Wie läuft eigentlich so eine Weltmeisterschaft ab?

Den Champion nennen sie dort, wo er gekürt wird, schlichtweg Weltmeister. So viel zum Selbstverständnis nordamerikanischer Eishockey-Herrlichkeit. In diesen Wochen geht die NHL-Saison in ihre heiße Phase, und mancher Eishockey-Fan lässt sich erst jetzt, da man eine WM vor der Haustür hat, darüber aufklären, wie die abläuft. In Vor- und Zwischenrunde gibt es bei einem Unentschieden nach 60 Minuten eine fünfminütige Verlängerung mit jeweils vier statt wie sonst fünf Feldspielern.

Fällt dort kein entscheidendes Tor, geht die Partie ins Penaltyschießen. Für einen Sieg nach regulärer Spielzeit gibt es drei, für einen Sieg nach Verlängerung oder Penaltyschießen zwei Punkte, für eine Niederlage nach Verlängerung oder Penaltyschießen einen Punkt. Im Viertel- und im Halbfinale sowie im Spiel um Platz drei wird um maximal zehn Minuten verlängert. Fällt ein Tor, ist die Partie sofort beendet. Im Finale wird um maximal 20 Minuten verlängert, dann folgt ein Penaltyschießen mit zunächst drei Schützen pro Team.

„Ich freue mich, dass das DSF es macht“

Auch eine Plazierung jenseits der Medaillenränge hat ihren besonderen Reiz für einen Außenseiter wie Deutschland: Die besten neun Mannschaften von Halifax und Québec sind für die Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver qualifiziert. Wer von der Heimat aus live verfolgen will, ob das deutsche Team den Weg dahin ebnet, muss sich durch die Zeitdifferenz auf - je nach Lebensgewohnheiten - kurze oder lange Nächte einstellen.

Während der Fernsehzuschauer bei den öffentlich-rechtlichen Sendern in die Röhre blickt, ist der Kunde via Deutsches Sportfernsehen bei dieser Weltmeisterschaft dabei. „Ob ARD/ZDF oder DSF - wichtig ist die allen zugängliche Plattform“, sagt Krupp diplomatisch und pragmatisch zugleich. „Ich freue mich, dass das DSF es macht. Wir versuchen, diese Entscheidung mit einer guten Leistung zu honorieren. Zum Beispiel, indem wir unser erstes WM-Spiel gegen Finnland gewinnen.“

Die Reise soll bald wieder ins Wunderland führen

Wie alle Jahre wieder beginnt die Eishockey-WM, wenn sich der Sommer ankündigt und die ersten Schwimmbäder öffnen. Als gäbe es keinen besseren Zeitpunkt, den Weltmeister zu küren. „Das ist traditionell so. Genauso gut könnte man sich mit dem Gedanken befassen, warum jedes Jahr eine WM ausgespielt wird, selbst im Olympiajahr. Aber das ist nicht mein Thema. Wir sind so gut vorbereitet, haben eine so stimmige Chemie in der Mannschaft, dass wir uns auf Augenhöhe durchsetzen und in der Zwischenrunde für eine Überraschung sorgen können. Das ist unsere Roadmap für Kanada.“

So weit Anführer Uwe Krupp. In zwei Jahren also soll die Reise wieder ins Eishockey-Wunderland führen.

Spielplan der Eishockey-Weltmeisterschaft:

Vorrunde, Gruppe A, in Québec:

3.5.2008: Weißrussland - Schweden, Schweiz - Frankreich
5.5.2008: Schweiz - Weißrussland, Schweden - Frankreich
7.5.2008: Schweden - Schweiz, Frankreich - Weißrussland

Gruppe B, in Halifax:

2.5.2008: Kanada - Slowenien, Vereinigte Staaten - Lettland
4.5.2008: Lettland - Kanada, Vereinigte Staaten - Slowenien
6.5.2008: Kanada - Vereinigte Staaten, Slowenien - Lettland

Gruppe C, in Halifax:

3.5.2008: Deutschland - Finnland (21.30 MEZ), Slowakei - Norwegen
5.5.2008: Finnland - Norwegen, Slowakei - Deutschland (1.15 MEZ)
7.5.2008: Finnland - Slowakei, Norwegen - Deutschland (1.15 MEZ)

Gruppe D, in Québec:

2.5.2008: Dänemark - Tschechien, Russland - Italien
4.5.2008: Tschechien - Russland, Italien - Dänemark
6.5.2008: Russland - Dänemark, Tschechien - Italien

Zwischenrunde mit den jeweils drei Gruppenbesten vom 8.5.-12.5. bzw. Abstiegsrunde vom 9.5.-13.5., Viertelfinale am 14.5.

Halbfinale in Québec am 16.5., Spiel um Platz 3 in Québec am 17.5.

Finale in Québec am 18.5.

Fernsehen: alle Spiele mit deutscher Beteiligung live im DSF. Außerdem jeweils ein Viertelfinale, ein Halbfinale und das Finale live.




Aufgebot des Deutschen Eishockey-Bundes:


Tor: Kotschnew (Nürnberg Ice Tigers), Pätzold (Eisbären Berlin), Müller (Kölner Haie)

Verteidigung: Holland (ERC Ingolstadt), Dennis Seidenberg (Carolina Hurricanes), Schmidt (Iserlohn Roosters), Osterloh (Frankfurt Lions), Schubert (Ottawa Senators), Bakos (ERC Ingolstadt), Renz (Kölner Haie), Hördler (Eisbären Berlin), Reiss (Hannover Scorpions)

Sturm: Felski (Eisbären Berlin), Ustorf (Eisbären Berlin), Wolf (Iserlohn Roosters), Sturm (Boston Bruins), Tripp (Hamburg Freezers), Rankel (Eisbären Berlin), Hackert (Adler Mannheim), Yannic Seidenberg (ERC Ingolstadt), Busch (Eisbären Berlin), Ullmann (Adler Mannheim), Polaczek (Nürnberg Ice Tigers), Fical (Nürnberg Ice Tigers), Gogulla (Kölner Haie)



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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