Schüttler im Wimbledon-Halbfinale

"Verrückt, einfach verrückt"

Von Wolfgang Scheffler, London

04. Juli 2008 Es ist verrückt, so verrückt, wie es in dem Schlussakkord des letzten Viertelfinalspiels zuging. Rainer Schüttler gewann das Match gegen Arnaud Clement, das sich über zwei Tage hinzog - eine Partie, in der der Nordhesse 5:12 Stunden kämpfen und im fünften Satz einen Matchball abwehren musste.

Ein erbittertes Grundlinienduell mit gelegentlichen Netzattacken beider Akteure, das mit einer Unterbrechung wegen Dunkelheit, zwei Regenpausen und ständigen, fast bizarr anmutenden Wenden, wie der Sieger treffend sagte, alles bot, was Tennis in Wimbledon so einzigartig macht.

Ein Niemand mitten im erlesenen Kreis der Champions

„Ich kann mich an kein Match erinnern, in dem ich so viele Chancen vergeben und so viele abgewehrt hatte“, sagte Schüttler, „verrückt, einfach verrückt“. Über den Verlauf dieser Partie staunte der überglückliche Sieger: „Das Match begann am Mittwoch um 19 Uhr und ist knapp 24 Stunden später zu Ende. Mehr kann man in 24 Stunden Tennis nicht erleben. Arnaud hätte genauso gut gewinnen können. Aber so brutal kann Tennis sein.“

Für Schüttler stand am Ende des langen Tennistages auch ein einmaliges Ergebnis fest: Der 94. der Weltrangliste, ein 32 Jahre alter Tennisprofi, der sich in den vergangenen dreieinhalb Jahren im Niemandsland der Branche herumgetrieben hatte, steht nach seinem 6:4-, 5:7-, 7:6 (8:6)-, 6:7 (7:9)- und 8:6-Sieg gegen den Franzosen in der Vorschlussrunde von Wimbledon - ein krasser Außenseiter, ein Niemand in einem erlesenen Kreis aktueller und ehemaliger Grand-Slam-Champions

Schüttler gab immer dann das Heft aus der Hand, wenn er Clement im Griff zu haben schien

Der Korbacher mit Schweizer Wohnsitz trifft an diesem Freitag auf den Weltranglistenzweiten und viermaligen French-Open-Sieger Rafael Nadal. Der Titelverteidiger und aktuelle Primus Roger Federer spielt im ersten Match des Tages um den Einzug ins Finale gegen den Russen Marat Safin, einen seiner Vorgänger auf dem Tennisthron, einen Kollegen, der 2000 die US Open und 2005 die Australian Open gewann, derzeit aber nur auf Rang 75 geführt wird.

Das letzte Stück von Schüttlers Wegstrecke zu dem unerwarteten Triumph auf Londoner Rasen glich für alle Beteiligten einer Achterbahnfahrt. Immer, wenn er den in der Weltrangliste nur auf Platz 145 geführten Gegner im Griff zu haben schien, gab Schüttler das Heft wieder aus der Hand.

Der Tiebreak im dritten Satz: Schüttler erstarrt

Am Mittwochabend glich der nur 1,72 Meter große Franzose vor Einbruch der Dunkelheit zum 1:1-Satzgleichstand aus, obwohl der acht Zentimeter größere deutsche Dauerläufer diesen Satz mit einem Break begonnen hatte. Bei der Fortsetzung bei zunächst strahlendem Sonnenschein am Donnerstag lag Schüttler im dritten Satz 1:4 zurück. Er kämpfte sich in den Tiebreak, in dem er schnell 6:0 führte, eine scheinbar uneinholbare Führung. Doch wie erstarrt sah er mit an, wie der Südfranzose aus Genf Punkt um Punkt gewann und zum 6:6 ausglich.

Aber damit nicht genug der seltsamen Wenden: Clement servierte einen Doppelfehler, Schüttler setzte mit einem von 13 Assen den Schlusspunkt. Im vierten Satz führte Schüttler 4:1, hatte drei Breakbälle zum 5:1 und musste trotzdem wieder in einen Tiebreak, in dem er drei Satzbälle abwehrte und dennoch mit 7:9 den Kürzeren zog.

Das zweitlängste Match der Wimbledon-Geschichte

Das überraschende Auf und Ab setzte sich im Entscheidungssatz fort: Schüttler lag schnell 0:2 zurück, glich kurz vor der ersten Regenpause aus und musste nach dem Wiederbeginn beim Stand von 4:5 einen Matchball abwehren. Beim Stand von 6:5 hatte Schüttler die Chance, mit eigenem Aufschlag die Partie zu beenden. Er kassierte das Rebreak, vergab beim Stand von 40:15 zwei Chancen, seinem Gegner noch einmal ein Aufschlagspiel abzuknöpfen, ehe ein heftiger Guss die nächste, 75 Minuten währende Unterbrechung erzwang.

Nach der Wiederaufnahme ging es dafür umso schneller: Schüttler schaffte doch noch das Break, vergab dann aber bei eigenem Aufschlag zwei Matchbälle, ehe er mit zwei harten und plazierten Aufschlägen das zweitlängste Match - der Rekord steht bei 5:28 Stunden - der Wimbledon-Geschichte beendete, ein Match, in dem der zweite Akt viel länger dauerte als das gesamte Duell seines künftigen Gegners Nadal gegen den Schotten Andy Murray.

„Das ist ein Vorteil für Nadal“, sagte Schüttler lächelnd. Es ist nicht das Einzige, was für den hohen Favoriten spricht: „Ich bin der Außenseiter. Ich habe einmal, vor vier Jahren in Basel auf Teppich gegen ihn gespielt, aber danach dreimal auf Hartplatz verloren. Ich habe also morgen nichts zu verlieren“, sagte Schüttler.

„Es bedeutet mir viel“

Aber im Grunde war für ihn das Halbfinalspiel noch weit, weit weg. Erst am späten Abend wollte er sich mit seinen beiden Trainern Dirk Hordorff und Jan Stoces eine Taktik zurechtlegen. Aber egal, ob er den hohen Favoriten ein wenig ärgern kann oder ob er das gleiche Schicksal wie am Donnerstag Murray erleidet: Schüttler hat in Wimbledon mehr erreicht, als er sich je zu träumen wagte.

„Ich habe auf die Auslosung geschaut und mir gesagt, die erste Runde überstehen, und dann kommt ja James Blake.“ Die Hürde gegen den Weltranglistenachten hatte er genommen - und das Hochgefühl dieses Coups trug ihn bis ins Halbfinale. Er ist nach Boris Becker und Michael Stich erst der dritte Deutsche, der es in der Ära des Profitennis so weit in Wimbledon gebracht hat. „Und das bedeutet mir viel, denn ich bin mit den Erfolgen von Becker in Wimbledon aufgewachsen.“


Langer Schatten: Ein Spiel rund um die Uhr

Langer Schatten: Ein Spiel rund um die Uhr



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche