Handball

Ruhepause für die Roboter

Von Frank Heinke, Hamburg

16. April 2008 Zwanzig Minuten vor Schluss war Pascal Hens fix und fertig. Erschöpft setzte sich der Nationalspieler des HSV Hamburg auf die Bank. Endlich ausruhen nach 40 Minuten maximaler Härte gegen BM Ciudad Real. Es ist kein gutes Zeichen, wenn ein Weltklasse-Handballspieler wie Hens kein Spiel mehr durchsteht.

Eigentlich sollte die Partie vom vergangenen Freitag ja der Saisonhöhepunkt sein, schließlich steht man nicht alle Tage im Halbfinale der Champions League. Aber Hens war platt, ebenso der Kieler Kollege Stefan Lövgren am Sonntag davor: Nach 50 Minuten des historischen Sieges gegen den FC Barcelona wankte der Schwede entkräftet auf den Stuhl an der Seitenlinie. Pause, bitte!

„Wir werden ausgelutscht“

Nun ist Hens nicht der Konditionsstärkste und Lövgren mit seinen 37 Jahren nicht mehr der Jüngste, doch diese beiden Momentaufnahmen aus den bisherigen Topspielen im Vereinshandball 2008 weisen auf den längst bekannten Trend hin: Wenn es zum Ende der Saison ans Eingemachte geht, sind viele der Stars verletzt oder zumindest ausgelaugt.

Sie haben 60 und mehr Spiele in den Beinen seit Saisonbeginn, und die Olympischen Spiele kommen ja erst noch - als Höhepunkt. „Wir werden ausgelutscht, und niemand interessiert sich für unsere Belange“, sagt Hens. Noch krasser formuliert es der immer wieder verletzte Hamburger Spielmacher Guillaume Gille: „Die Verbände behandeln uns wie ein Stück Fleisch.“ Und Nikola Karabatic, das Kieler Energiebündel, sagt: „Es geht nicht, über Monate und Jahre nur durchzupowern. Was nützt es dem Handball, wenn die Höhepunkte keine Qualität mehr haben?“

„Man spielt wie automatisch“

Die Frage nach der Güteklasse wird man auch an diesem Mittwoch stellen können, wenn Hens und Gille mit ihrem HSV zum vielleicht meisterschaftsentscheidenden Spiel der Bundesliga auf den THW mit Karabatic und Lövgren treffen: drei Tage, nachdem Kiel das Finale der Champions League erreicht hat, zwei, nachdem der HSV in Essen gewonnen hat. Eine vernünftige mentale und körperliche Einstellung auf diesen in den Terminkalender gezwängten Gipfel zu finden ist kaum möglich. „Man spielt wie automatisch“, sagt der Hamburger Kyung-shin Yoon.

Doch es könnte sich etwas ändern. Relativ unbemerkt gab es am letzten Märzwochenende ein informelles Treffen der deutschen Spitzenfunktionäre in der Group Club Handball (GCH, dort sind die großen europäischen Vereine versammelt) und der Europäischen Handball-Föderation (EHF), vertreten durch Präsident Tor Lian und Generalsekretär Michael Wiederer. Vereine und der Verband einigten sich ziemlich still auf eine spürbare Entzerrung des Terminkalenders.

Nur noch alle vier Jahre eine WM?

„Diese Stunde hat mehr gebracht als die letzten vier Jahre“, sagt der Kieler Manager Uwe Schwenker. Er hatte der EHF zuletzt gedroht, zusammen mit den kontinentalen Topklubs ab 2009/2010 eine Europaliga zu gründen, die die Champions League ablöst, wenn die Klubs nicht endlich mehr Gehör fänden. Der Vorschlag ist vom Tisch.

Im Kern geht es um die Häufigkeit der Weltmeisterschaft und den Termin für WM und EM - ab 2010 soll die Weltmeisterschaft nur noch alle vier statt alle zwei Jahre stattfinden. Für die EM bleibt der Zwei-Jahres-Turnus, allerdings rücken sowohl WM als auch EM an den Beginn oder das Ende einer Saison, in den Sommer also. Die europäischen Ligen hätten dann den Januar, einen klassischen „Hallenmonat“, für ihre Spielrunden.

Große Turniere in der Fußballzeit?

WM und EM im Sommer, das wäre eine kleine Revolution im Handball, denn bislang galt EHF-Spitzenfunktionären wie Wiederer der Sommer immer als Fußballzeit. Noch ist aber nichts beschlossen. „Es ist nur ein Maßnahmenkatalog, der durch alle Instanzen muss“, sagt Manfred Werner, ehedem Manager der SG Flensburg und inzwischen Finanzvorstand der Handball-Bundesliga (HBL). Werner formuliert auch eine berechtigte Sorge: „Bundestrainer Heiner Brand wird das nicht gefallen, denn er will weiter alle zwei Jahre eine WM spielen.“

Brand sieht die WM als weltweit beachtete Leistungsmesse seines Sports und die deutsche Nationalmannschaft als Grundlage für das erwachte große Interesse am Handball hierzulande. Die Vereine hingegen murren, dass sie ihre Spieler jedes Jahr bei EM und WM zur besten Handballzeit ohne Abstellgebühren den Nationalmannschaften abtreten müssen. Das soll sich ändern, wie auch die Frage der Versicherung der Spieler bei Wettbewerben der Nationalmannschaften bald beantwortet werden soll.

Es macht Hoffnung, dass es nach dem Treffen eine gemeinsame Presseerklärung gab, denn bisher hatte man eher übereinander gesprochen als miteinander. Zu den Vereinbarungen gehört auch, dass Handballprofis zukünftig in entscheidenden Gremien sitzen und somit mehr Gehör finden. Bei der „Competitions Conference“ an diesem Wochenende in Wien wird weiterdiskutiert. Es werden dann auch ausländische Vereinsvertreter und Mitglieder des Weltverbandes IHF am Tisch sitzen - denn vor allem geht es ja um „seine“ Veranstaltung, die WM.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

 
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