Von Jürgen Kalwa, New York
02. November 2009 Die Zahl ist zwar eine Schätzung, aber vermutlich nicht so weit von der Wahrheit entfernt: Etwa 50 Milliarden Dollar geben die Amerikaner jedes Jahr für Wetten bei Spielen der nordamerikanischen Basketball-Liga (NBA) aus. Davon hat Tim Donaghy nicht viel abbekommen, als er ein paar Betrügern aus der Mafia-Szene von Philadelphia zwei Jahre lang mit seinen Tipps und Hinweisen half, ihre Gewinnchancen zu verbessern. Es sollen, so wurde von der Staatsanwaltschaft ermittelt, um die 30.000 Dollar gewesen sein. Das Geld war teuer erkauft. Als die Sache im Rahmen von verdeckten Ermittlungen und abgehörten Telefongesprächen aufflog, verlor der Schiedsrichter, der dreizehn Jahre in der Liga gepfiffen hatte, seinen Job und landete nach einem Geständnis für fünfzehn Monate im Gefängnis. Seine Vergehen: seine Rolle in einem Betrugsring und seine Verstöße gegen die Verschwiegenheitspflicht, die ihm sein Arbeitsvertrag auferlegt hatte.
An diese Pflicht sieht sich Donaghy schon länger nicht mehr gebunden. So bemühte er sich bereits im Rahmen seines Prozesses darum, andere Schiedsrichter in ein schlechtes Licht zu rücken, die ohnehin in dem Verdacht stehen, den Ausgang von Spielen zu manipulieren, um die Stars zu begünstigen und der Liga dabei zu helfen, möglichst hohe Einschaltquoten im Fernsehen zu erreichen. Die Verteidigungsstrategie schlug fehl. Nun sollen die Vorwürfe in einem Buch erscheinen, das der 42 Jahre alte Donaghy im Gefängnis geschrieben hat. Der Titel Blowing the Whistle: The Culture of Fraud in the NBA“ heißt auf Deutsch so viel wie Verpfeifen – die Betrugskultur in der NBA“.
Bis vor kurzem sah es so aus, als werde das Buch in diesem Monat erscheinen. Doch nachdem der populäre Sportblog Deadspin in der letzten Woche aus einem der Redaktion zugespielten Manuskript Stellen veröffentlichte, die eine Reihe von Unparteiischen namentlich belasten, bekam der Verlag – die Bertelsmann-Tochter Random House – kalte Füße. Obwohl Hausanwälte angeblich den Text auf ihre juristischen Konsequenzen untersucht hatten, machte man sich nun auf einmal Sorgen, von der NBA und ihren Schiedsrichtern wegen Verleumdung verklagt zu werden. Inzwischen interessieren sich andere Verlage für das Buch, das dank des Rummels um seine Veröffentlichung gesteigerte Verkaufszahlen produzieren dürfte.
Sonderbehandlung von Starspielern wie Kobe Bryant
Die fraglichen Passagen beschreiben die Sonderbehandlung von Starspielern wie Kobe Bryant, gegen die die Referees möglichst keine Fouls verhängen – und sie erklären ein Phänomen“, das in der NBA mit dem Namen des Schiedsrichters Dick Bavetta verbunden ist. Er sorgt angeblich dafür, dass Spiele bis zum Ende spannend bleiben, dabei sollen die im Rückstand liegenden Mannschaften mit Freiwürfen begünstigt werden.
Bavetta war auch einer der drei Schiedsrichter in jener Playoff-Begegnung im Jahr 2002 zwischen den Los Angeles Lakers und den Sacramento Kings, die gerne als Paradebeispiel für ein angeblich verschobenes Spiel erwähnt wird. Damals wurden die Kings in der sechsten Partie der Serie mit einer Unzahl von Fouls belastet, so dass die Lakers gewannen. Das Arbeitsziel der NBA war dadurch erreicht. Die hatte sich, so schreibt Donaghy, ein siebtes Spiel gewünscht. In dem siegten die Lakers, die schließlich auch die Meisterschaft für sich entschieden.
NBA zeigt sich enttäuscht, aber nicht überrascht
Die offizielle Reaktion der Liga auf die Anschuldigungen lautete: Man werde alle Vorwürfe überprüfen. Die Untersuchung wird der ehemalige Staatsanwalt Larence B. Pedowitz leiten, der bereits vor zwei Jahren im Auftrag der NBA den von Donaghy behaupteten Sachverhalten nachgegangen war und zu einem simplen Ergebnis kam: Abgesehen vom diskreditierten Unparteiischen Donaghy, der eine ausgeprägte Wettleidenschaft für sein Verhalten verantwortlich machte, hatte sich angeblich niemand etwas zuschulden kommen lassen.
Die NBA sei enttäuscht, aber nicht überrascht“ über das Vorgehen ihres ehemaligen Schiedsrichters, erklärte ein Ligasprecher. Die NBA, die sich erst wenige Tage vor dem Beginn der neuen Saison über einen Tarifvertrag mit den Referees einigen konnte, beschäftigt 59 Schiedsrichter. Sie verdienen je nach Berufserfahrung umgerechnet zwischen 60.000 und 150.000 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS