Tour de France

Bjarne Riis hat den Schlüssel für den Erfolg

Von Rainer Seele, Cuneo

21. Juli 2008 Nicht das schlechteste Fleckchen, um ein bisschen Luft zu holen bei der Tour de France: Fossano, ein Hotel am Stadtrand namens Albergo Giardino Dei Tigli, grasende Pferde in der Umgebung. Dort logiert die dänische Equipe CSC, die Mannschaft, die seit Sonntag den Mann im Gelben Trikot stellt. Am Montag, dem Ruhetag, herrscht in der Herberge ein quirliges Treiben, es kommt zu einer Art Familientreffen.

Der Vater von Frank und Andy Schleck ist erschienen, er war selbst einmal Radrennfahrer, ein „Wasserträger“, wie er sagt. Jetzt erzählt er, wie stolz er vor allem auf seinen Sohn Frank sei, der das gelbe Jersey trägt. Auch Jens Voigt, der Berliner, äußert sich sehr wohlwollend über Frank Schleck. „Er ist ein lieber Kerl“, sagt Voigt über den Luxemburger, „fast ein Schwiegersohntyp.“ Dann recken sich Voigt viele Hände entgegen, ältere deutsche Urlauber lassen ihn gelbe Mützen signieren, einer von ihnen sagt: „Jens, wir sind deine Freunde.“

Eine Atmosphäre, die ungezwungen wirkt

So kann es also auch zugehen bei der Tour de France: eine Atmosphäre, die ungezwungen wirkt. Und doch ist auch Anspannung zu spüren. Das hat mit Bjarne Riis zu tun, dem Teamchef von CSC. Vor ihm auf dem Podium liegt das gelbe Kleidungsstück von Frank Schleck, es ist so drapiert worden, als würde es auch Riis gehören, ein wenig zumindest.

Es erinnert aber auch an die seltsamen Begebenheiten um Riis, der die Tour im Jahre 1996 gewonnen hatte, er fuhr zu dieser Zeit für das Team Telekom. Dass es damals nicht mit rechten Dingen zugegangen war, hat Riis am 25. Mai 2007 zugegeben, der Däne hatte sich 1996 mit Epo gedopt. Bei der Tour 2007 hatte Riis deswegen sein Team nicht betreut, er war in Frankreich zur unerwünschten Person erklärt worden. Allerdings hatte es keinen offiziellen Ausschluss seitens der Tour-Organisatoren gegeben. „Sie haben mir das nie persönlich gesagt“, behauptet Riis, „keiner hat mir gesagt, dass ich zu Hause bleiben muss.“

„Ich war kaputt, müde.

Auch Christian Prudhomme nicht, der Direktor der Tour de France. Riis will der Tour im vergangenen Jahr aus freien Stücken ferngeblieben sein. „Ich war kaputt, müde.“ Er sagt, er habe keine Energie gehabt, um seine Aufgabe zu erfüllen. Im historischen Führer der Tour, der alljährlich neu herausgegeben wird, war Riis jedoch 2007 nicht mehr als Sieger der Tour 1996 geführt worden. In der aktuellen Auflage des Buches aber, eigenartige Fügung, wird der Erfolg von Riis wieder berücksichtigt. Mit einem Foto von dem Dänen und dem Zusatz, dass sein Vergehen verjährt sei.

Riis ist also zurückgekehrt in die Geschichte der Tour, nur zwei Zeilen im „Guide historique“ belegen den Makel, der ihm anhaftet. Und wie zufrieden, gar stolz er plötzlich wieder dasteht: Riis spricht in Fossano von einem „phantastischen Tag“, er lobt seine Sportgruppe über den grünen Klee, preist ihre „große Disziplin“, und er sagt: „Das gibt mir große Befriedigung.“

Tatsächlich tritt CSC mit verblüffender Stärke bei dieser Tour auf, das Team übernimmt mit hohem Tempo die Kontrolle über das Peloton, es zermürbte mit seinem aggressiven Vorgehen zuletzt den Australier Cadel Evans - und es glaubt, mit einer Doppelspitze, gebildet aus Frank Schleck und dem Spanier Carlos Sastre, gut gerüstet zu sein für die kommenden Tage. Schleck hat zwar nur einen Vorsprung von sieben Sekunden vor Bernhard Kohl vom Team Gerolsteiner, Riis aber ist überzeugt, alle Trümpfe in der Hand zu halten. „Wir können die Karten ausspielen, wir haben den Schlüssel.“

Respekt für den Kampf gegen Doping

Die Darbietungen von CSC in diesem Juli mögen manchen Betrachter erstaunen. Für Voigt etwa kommt diese Dominanz jedoch nicht überraschend. Der Berliner verweist darauf, dass der Rennstall schon immer über hohe Qualitäten verfügt habe, allerdings sei das Team früher erdrückt worden von der Übermacht von Discovery Channel. „Die haben uns an die Wand geklatscht.“ Jetzt gibt es einen solchen Rivalen nicht mehr, und CSC schickt sich an, die Führungsrolle zu übernehmen. Die Profis um Frank Schleck scheinen Riis und seinen Strategien dabei bedingungslos zu folgen. „Wir machen es ihm einfach“, sagt Voigt.

Der Berliner springt Riis überhaupt gerne zur Seite. Nachdem der Däne in Fossano gefragt worden ist, wie das so sei, nach der Abwesenheit im zurückliegenden Jahr wegen seines Doping-Geständnisses wieder Teil des Tour-Trosses zu sein, bemerkt Voigt: „Eine typisch deutsche Frage.“ Und dann sagt er auch, dass er sich mehr Respekt wünschte für die Bemühungen des Radsports im Kampf gegen Doping. „Wir machen viel mehr als alle anderen.“

Voigt: „Das ist völlig überzogen“

Es ist eine bekannte Formel. Voigt findet schließlich auch, dass man die Diskussion über ein vermeintlich zwielichtiges Labor in Spanien, das einigen Profiteams per E-Mail Untersuchungen ihrer Fahrer angeboten hat, gar nicht so ernst nehmen dürfe. „Das ist völlig überzogen“, sagt er und vergleicht das mit den vielen fragwürdigen elektronischen Nachrichten, die er selbst erhält - beispielsweise „von Leuten, die mir 30 Tonnen Weizen verkaufen wollen“.

Man hört wirklich Seltsames am Montag in Fossano. Und schließlich ist doch zu erfahren, wie Riis sein Wiedersehen mit der Tour betrachtet. „Ich bin hier“, sagt er, „weil ich einen Unterschied machen will.“ Zwischen CSC und all den anderen. Mit aller Macht.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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