Doping-Geständnisse

Das Kartell des Schweigens ist gebrochen

Udo Bölts räumte Epo-Doping ein

Udo Bölts räumte Epo-Doping ein

24. Mai 2007 Die Universität Freiburg hat sich mit sofortiger Wirkung von den beiden Doping-Ärzten Dr. Lothar Heinrich und Prof. Andreas Schmid getrennt. Den Sportmedizinern der Uniklinik wurde am Donnerstag fristlos gekündigt. Beide hatten am Vorabend gestanden, in ihrer Funktion als Mannschaftsärzte in den 90er-Jahren Radprofis des Bonner Telekom-Teams mit Epo und anderen verbotenen Substanzen gedopt zu haben. Die Universität erwägt, die Abteilung Sportmedizin aufzulösen.

Ihr überraschendes Geständnis gaben die beiden Radsportärzte in getrennten persönlichen Erklärungen ab. Die Dramatik der Vorgänge wurde auch darin deutlich, dass Professor Schmid seine schriftlich abgefasste Erklärung in einem Anruf bei der Deutschen Presse-Agentur korrigierte. Der entscheidende Satz müsse richtig lauten: „Ich räume ein, in den 90er Jahren das Doping einzelner Radprofis unterstützt zu haben“. In der ersten Fassung hieß es dagegen: „Seit Mitte der 90er Jahre.“ Damit wollte Schmid ausdrücklich klarstellen, „dass das Nachfolgeteam T-Mobile nicht betroffen“ sei. Er habe Dopingmittel aber „niemals einem Sportler ohne dessen Wissen oder gar gegen seinen Willen“ verabreicht. Schmid erwägt, seine Tätigkeit als Sportarzt der Uni-Klinik Freiburg zu beenden.

Auch Bölts hat „seine Erfahrungen damit gemacht“

Aldag fuhr von 1993 bis 2005 für Team Telekom und T-Mobile

Aldag fuhr von 1993 bis 2005 für Team Telekom und T-Mobile

Sein Freiburger Kollege Lothar Heinrich gestand in einer siebenzeiligen Mitteilung ebenfalls ein, „in meiner Funktion als Sportmediziner an Doping von Radsportlern mitgewirkt zu haben“. Er bedauere diese ärztlichen Verfehlungen.

Auch der ehemalige Telekom-Profi Udo Bölts hat inzwischen zugegeben, gedopt zu haben. „Ja, ich muss diese Vorwürfe bestätigen. Auch ich habe Epo probiert und meine Erfahrungen damit gemacht“, sagte der heutige Gerolsteiner-Sportdirektor am Mittwoch im SWR-Fernsehen. Er habe 1996 damit angefangen, um nach schlechten Ergebnissen im Vorjahr und der fraglichen Vertragsverlängerung in der Tour-de-France-Mannschaft dabei zu sein. Auch Wachstumshormone habe er 1996 probiert. Bölts versicherte, dass ihm die Freiburger Sportärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich nie verbotene Mittel verabreicht hätten. In der ARD entschuldigte er sich bei seinen Fans.

Diestel sieht keinen Grund für Ullrich-Beichte

Der Rechtsanwalt von Jan Ullrich, Peter-Michael Diestel, sieht dagegen keinen Grund für eine Doping-Beichte des Tour-de- France-Siegers von 1997 und früheren Stars des Radrennstalls T- Mobile. „Ein Auspacken bei Jan Ullrich gibt es in diesem Sinne nicht“, sagte Diestel am Donnerstag dem ZDF-“Morgenmagazin“. „Ullrich brauchte bei seinem großen Talent nicht zu dopen.“

Wird nun auch Rolf Aldag ein Doping-Geständnis ablegen? T-Mobile-Teammanager Bob Stapleton hat jedenfalls gegenüber der„Süddeutschen Zeitung“ ein Doping-Geständnis des früheren Telekom-Profis und jetzigen Sportdirektors angekündigt. Er wisse, dass sich Aldag „schon in den vergangenen zwei Wochen mit dem Gedanken getragen hat, sich zu offenbaren. Er wollte es tun und hat nach einem Weg gesucht, sich umfassend und nachvollziehbar zu äußern“, sagte Stapleton.

Stapleton will an Aldag festhalten

„Ich glaube, dass Rolf heute sehr engagiert ist und sehr zu dem steht, was wir jetzt tun. Es hat eben auch bei ihm Momente der Schwäche gegeben, und jetzt müssen wir versuchen, dass wir da rauskommen und mit ihm weitermachen können“, antwortete Stapleton auf eine Frage, ob er enttäuscht sei, dass Aldag ihm gegenüber „das Doping-Geständnis nicht viel früher gemacht hat“. Er hätte offener mit seiner Vergangenheit umgehen müssen, räumte Stapleton ein. Dennoch will der Teamchef an seinem Sportdirektor festhalten: „Meine Absicht ist es, mit Rolf weiter zu arbeiten.“

Geständnisse von Andreas Schmid (l.) und Lothar Heinrich

Geständnisse von Andreas Schmid (l.) und Lothar Heinrich

Bert Dietz, der am Montagabend in der ARD-Talkshow „Beckmann“ sein Gewissen erleichterte, ist der Aldag’schen Vergangenheitsbewältigung zuvorgekommen. Der 39 Jahre alte ehemalige Profi aus Beckum war von 1993 bis 2005 Mitglied des Teams Telekom und des Nachfolge-Rennstalls T-Mobile, also auch in dem Zeitraum 1995 bis 1998, in dem Dietz nach eigener Aussage dort planmäßiges Doping miterlebt hat. Im vergangenen Jahr schmückte sich das ZDF bei seinen Übertragungen der Tour de France mit Aldag als Ko-Kommentator. Seit dieser Saison ist er Sportdirektor bei T-Mobile (Siehe auch: Die Doping-Historie des Teams Telekom).

Keine Konsequenzen für Henn

Für Christian Henn, ebenfalls ehemaliger Telekom-Profi und heute Sportlicher Leiter beim Team Gerolsteiner, hat sein Dopinggeständnis vorerst keine negativen Folgen. Sein Teamchef Michael Holczer hält an ihm fest und sieht ihn als Geläuterten. „Sollte bekannt werden, dass er aktuell nicht korrekt gehandelt hätte, wäre das sofort ein Kündigungsgrund.“ Holczer beschäftigt auch den gleichfalls belasteten Udo Bölts, wenn auch nur für 30 Tage im Jahr als Teilzeit-Teamchef. Er will ein Gespräch mit ihm führen, hat ihn aber noch nicht erreicht: „Davon hängt die Weiterbeschäftigung ab.“

Stapleton über Aldag: “Es hat eben auch bei ihm Momente der Schwäche gegeben“

Stapleton über Aldag: "Es hat eben auch bei ihm Momente der Schwäche gegeben"

Getränkehersteller Gerolsteiner jedenfalls bekräftigt sein Engagement für Holczers Team. Henns Bekenntnis werde keinen Einfluss auf die Entscheidung über die Fortsetzung des Sponsoring-Engagements haben, sagte Kommunikationschef Stefan Göbel der „Frankfurter Rundschau“. Im August wird über eine Vertragsverlängerung über 2008 hinaus entschieden.

Wiesenhof beendet Engagement

Das Unternehmen Wiesenhof wird nach eigenen Angaben zum Jahresende sein Engagement im Profi-Radsport einstellen. „Die gegenwärtigen Rahmenbedingungen und Entwicklungen im Profi-Radsport haben uns zu diesem Schritt veranlasst“, teilte Peter Wesjohann, Mitglied des Management der PHW-Gruppe/Wiesenhof, am Donnerstag in einer Presseerklärung mit. Das Team Wiesenhof-Felt fährt in dieser Saison mit der Lizenz eines Professional Continental Teams und gilt als die dritte Kraft nach T-Mobile und Gerolsteiner im deutschen Profi-Radsport.

Auch SC Freiburg trennt sich von Schmid

Das Ermittlungsverfahren gegen die beiden von Dietz und auch schon von Pfleger Jef D’hont belasteten Freiburger Sportärzte Lothar Heinrich und Schmid bezieht sich nicht nur auf die neunziger Jahre. Es gebe einen Anfangsverdacht für Straftaten, die in der nicht verjährten Zeit von 2002 an begangen worden sein könnten, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier. Werner Franke, Dopingexperte aus Heidelberg, hatte die Ärzte wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz, versuchter Körperverletzung und Rezeptbetrugs angezeigt. Heinrich und Schmid sollen den Profis vom Team Telekom die Einnahme des Blutdopingmittels Epo empfohlen, das Mittel dosiert, besorgt und verabreicht haben.

Auch Fußball-Zweitligist SC Freiburg beendet seine Zusammenarbeit mit dem ins Doping-Zwielicht geratenen Mannschaftsarzt Andreas Schmid. „In dem Moment, wo Doping bewiesen ist, müssen wir uns distanzieren und leider sagen, dass man sich trennen muss“, sagte Freiburgs neuer Manager Dirk Duffner am Donnerstag. SC-Präsident Armin Stocker betonte, bis zum Mittwoch habe auch für Schmid die Unschuldsvermutung gegolten.

Auch BDR unter Verdacht

Der Deutsche Behindertensportverband hingegen setzt nach Beratungen des Präsidiums die Zusammenarbeit mit Schmid aus. Er war in dem Verband für die Betreuung der nordischen Skisportler zuständig. Unterdessen erklärte Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, man werde keine belasteten Ärzte zu Olympischen Spielen mitnehmen. Neben Schmid und Heinrich arbeiteten weitere fünf Mediziner der Uniklinik Freiburg als Verbandsärzte im deutschen Sport. Bisher ist von der Affäre nur der Radsport betroffen. „Ich habe keinen Anlass zu irgend einem Verdacht in eine andere Richtung“, sagt Hans Joachim Schäfer, der Vorsitzende der unabhängigen Gutachterkommission, die für die Freiburger Uniklinik den Vorwürfen nachgeht.

Auch auf den Bund Deutscher Radfahrer, dessen Präsident Rudolf Scharping auch verdächtige, noch nicht verurteilte Fahrer von allen Nationalmannschaften ausschließen will, fällt durch das Dietz-Bekenntnis ein Dopingverdacht. Am Mittwoch wurde deshalb ein Interview mit Vizepräsident Udo Sprenger verbreitet, in dem er sich gegen Dietz’ Behauptung wehrt, auch beim Team Nürnberger sei in Zusammenarbeit mit den Freiburger Ärzten systematisch gedopt worden. Sprenger war in der fraglichen Zeit Teamleiter beim Rennstall Nürnberger, für den Dietz nach seiner Zeit beim Team Telekom fuhr. „Wir hatten damals nichts mit Freiburg zu tun“, sagte Sprenger.

Godefroot: „Dietz ist bezahlt worden, um das zu sagen“

Sollte die Aussage von Dietz tatsächlich stimmen, so Sprenger, gäbe es höchstens die Möglichkeit, dass Dietz sich durch Kontakte nach Freiburg selbst mit Dopingmitteln versorgt habe. Scharping forderte „eine komplette Aufarbeitung der Vergangenheit ohne Rücksicht auf Personen oder Umstände.“

Derweil wehrte sich der ehemalige Telekom-Teamchef Walter Godefroot gegen die Behauptung von Dietz, er habe Logistik und Finanzwesen des Team-Dopings in der Hand gehabt. „Dietz ist bezahlt worden, um das zu sagen“, erklärte er der „Berliner Morgenpost“. Der Norddeutsche Rundfunk wies diese Behauptung am Mittwoch zurück. Dietz habe nur eine „Aufwandsentschädigung“ bekommen, wie „sie im Rahmen einer solchen Sendung branchenüblich ist“, hieß es in einer Stellungnahme. Überhaupt wird Dietz in der Szene finanzielles Interesse als Motiv für sein Geständnis unterstellt. Jens Heppner, von 1992 bis 2002 Telekom-Profi, sagt: „Warum hat er sich nicht vor drei Jahren hingestellt, als er noch keine Schulden hatte? Er ist auf die Leiter von Jef D’hont gestiegen und hat Kohle gemacht.“ Wenn einer gedopt habe und dies heute zugebe, „dann ist das sein Problem“, sagt der heutige Sportliche Leiter des Rennstalls Wiesenhof-Felt.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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