Mein Fitness-Kick

Cardio-Programm mit Uli Hoeneß im Ohr

Von Michael Horeni

20. November 2007 Der letzte Teil meines morgendlichen Fitness-Trainings ist das Cardio-Programm. Shad Forsythe nennt das immer so. Man könnte aber auch sagen, dass es ums Laufen geht. Aber wenn Shad das Wort Cardio-Programm in seinem netten amerikanisch-deutsch sagt, klingt das natürlich viel schöner und dynamischer.

Ich mag das Cardio-Programm. Vor allem die beiden Teile, in denen der Rhythmus alle paar Minuten wechselt. Eine halbe Stunde geht das ungefähr so, und nach dem Aufwärmteil und den Kraftübungen ist es ein guter Abschluss am Morgen. Was mir aber nicht so gefällt, ist die Aussicht in meinem Fitness-Klub, die ich dabei habe. Man kann vom Laufband aus entweder auf ein halbes Dutzend Fernsehschirme an der Wand schauen. Oder man guckt, wie es den anderen so auf ihren Laufbändern ergeht.

Verstohlene Blicke wie im Fahrstuhl

Ich schaue mir eigentlich am liebsten die Leute an. Ich finde es interessiert, was sie so tragen, wenn sie zum Sport gehen, und wie sie dann Sport machen, konzentriert, entspannt, angestrengt, gelangweilt oder lächelnd. Ich verknüpfe damit gerne ein paar Geschichten, wobei ich vermute, dass die meisten ein bisschen ungerecht sind.

Aber ich habe schnell gemerkt, dass man Leute auf Laufbändern eigentlich nicht anschaut. Das ist wohl ziemlich unhöflich. Jedenfalls schauen fast alle beim Laufen stur nach vorne, um Blickkontakten zu entgehen, und das ist ein bisschen so wie beim Fahrstuhl fahren. Also schaue ich nur ganzen selten rüber, und ein bisschen verstohlen.

Die deutsche Fernseh-Vormittagshölle

Auf die Fernsehschirme zu schauen ist allerdings die Hölle, die deutsche Fernseh-Vormittagshölle. Um sie vollständig zu erleben, muss man sich einen Kopfhörer ausleihen. Die meisten machen das. Ich denke aber, dass Serien wie „Reich und Schön“ (ZDF), Dokus wie „Mein Baby“ (RTL) und „Frauentausch“ (RTL 2) oder Ratgeber wie „Vera. Raus aus der Krise - rein ins Glück“ (Sat.1) ihre Qualitäten auch ohne Kopfhörer wunderbar entfalten.

Schön ist aber auch, wenn auf irgendeinem Schirm dann am Vormittag die dreiviertel-pornographische Klingeltöne-Verkaufssendung von Viva nach Aufmerksamkeit schreit. Da beruhigt beim Laufen ein Blick auf die Kurse bei Bloomberg TV doch sehr, selbst bei roten Vorzeichen.

Vielleicht sollte Hoeneß auch mal ins Fitness-Studio

Letzte Woche allerdings habe ich mir auch zum ersten Mal einen Kopfhörer geliehen. Ich bin dafür sogar noch mal schnell runter vom Laufband, zum Kopfhörerständer am Eingang. Denn auf einem Kanal kommt Uli Hoeneß noch mal als Wiederholung ins Bild mit seinem hübschen Wortbeitrag von der Jahreshauptversammlung des FC Bayern München. Und ohne Ton geht das ja nun wirklich nicht.

Mein Puls auf dem Band ist jedenfalls bei knapp 170, als Hoeneß in Fahrt kommt und die Fans anpflaumt, die sich über die schlechte Stimmung in der Allianz-Arena beschweren. „Das ist eine populistische Scheiße“, wetterte er, und während mein Puls auf 174 steigt, sagt Hoeneß dann: „Es kann nicht sein, dass wir uns jahrelang den Arsch aufreißen und dann so kritisiert werden.“ Mein Puls ist bei 180 und mein Gesicht so rot wie seins. Ich kann Uli Hoeneß plötzlich sehr gut verstehen. Aber vielleicht sollte er auch mal ins Fitness-Studio.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp

 

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