Pound-Besuch

Lob trotz Lücken im Dopingkampf

Von Jörg Hahn und Michael Reinsch

“Deutschland gibt ein Beispiel, dem andere Länder folgen sollten“

"Deutschland gibt ein Beispiel, dem andere Länder folgen sollten"

21. Juni 2007 Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) für den Haushalt 2008 eine erhebliche Aufstockung der Mittel (derzeit zahlt der Bund rund eine Million Euro) versprochen - eine politische Aufwertung steht offensichtlich noch aus. Zum Besuch des nominell ersten Dopingbekämpfers in der Welt, des Präsidenten der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), Richard Pound, waren Führungskräfte der Nada nicht geladen.

So ließ sich Schäuble im Beisein von Thomas Bach, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), und dessen Generaldirektor Michael Vesper von dem Kanadier bestätigen, dass Deutschland auf dem rechten Wege sei. "Deutschland gibt ein Beispiel, dem andere Länder folgen sollten", lobte Pound.

Netzwerk der Anti-Doping-Agenturen

Ihm habe niemand aus dem Vorstand oder der Geschäftsführung der Nada gefehlt, sagte Pound, er werde auf seiner am Freitag zu Ende gehenden Europa-Reise auch niemanden von ihnen mehr treffen. "Hauptzweck meines Besuches war es, den Minister zu treffen." Vesper sagte, er habe als Mitglied des Kuratoriums die Nada in Berlin repräsentiert; wäre der Flug von Christa Thiel, der Präsidentin des Schwimmverbandes, nicht wegen eines Unwetters ausgefallen, hätten, so Vesper, sogar zwei Vertreter der Nada mit am Tisch gesessen.

Am Abend zuvor hatten Michael Hölz, Vorsitzender des Nada-Kuratoriums, und Armin Baumert, der Nada-Vorstandschef, bei einem Hintergrundgespräch in Frankfurt allerdings deutlich gemacht, dass sie sich eine direktere Beteiligung ihrer Agentur an dem Schäuble-Termin gewünscht hätten. Hölz und Baumert kündigten in Frankfurt ein Netzwerk der Anti-Doping-Agenturen der Europäischen Union an. Diese Kooperation soll am kommenden Montag in Brüssel auf den Weg gebracht werden.

Politik, Sport und Wirtschaft in der Pflicht gesehen

Abermals mahnte Hölz, im Hauptberuf bei der Deutschen Bank beschäftigt, eine "verlässliche, nachhaltige" Finanzierung der als Stiftung organisierten Nada an; der Jahresetat müsse von derzeit 1,9 auf 5 Millionen Euro steigen. Politik, Sport und Wirtschaft seien gleichermaßen in der Pflicht. Man wolle nicht länger als Bittsteller auftreten, sagte Baumert. Mit dem jetzigen Etat seien Kontrollsystem (zuletzt rund 4500 Tests im Jahr bei etwa 9000 Athleten) und Prävention nur eingeschränkt zu leisten: "Wenn sich das nicht ändert, müssen wir den Mut haben und sagen, wo unsere Grenzen sind."

Zunächst müsse die personelle Ausstattung der Nada weiter verbessert werden, bevor über zusätzliche Aufgaben sowie über mehr und bessere Dopingtests diskutiert werden könne. Als Idealvorstellung, "die Vertrauen schafft", nannte Baumert eine Nada, die nicht nur wie derzeit die Trainingskontrollen organisiert, sondern auch die jetzt noch von den Sportverbänden verantworteten Wettkampfkontrollen - und das Ganze mit eigenen Kontrolleuren. Zur Zeit beschäftigt die Nada ein externes Unternehmen, das die Tests abnimmt. Die Abstimmung zwischen der Nada und den Sportverbänden bezeichnete Baumert als verbesserungswürdig. Eine Herausforderung für alle sei die Verarbeitung großer, zum Teil verstreut gesammelter Datenmengen.

Schuldhaftes Versäumen

Pound drückte in Berlin sein Verständnis für die Sorge Schäubles aus, die Rad-Weltmeisterschaften in Stuttgart mit Steuermitteln zu unterstützen. "Der Radsport hat ein ernstes Problem", sagte er. Angesprochen auf eine hohe Zahl möglicher verpasster Trainingskontrollen (missed tests) deutscher Athleten - ungeklärt sind noch die Umstände von knapp 150 Fällen aus dem vergangenen Jahr und einigen Dutzend aus den ersten Monaten dieses Jahres -, sagte Pound: "Wir kennen die vielen Namen. Einige sind tatsächlich Tests ausgewichen", sagte er.

Athleten haben eine Meldepflicht für ihren jeweiligen Aufenthaltsort, um für Kontrolleure erreichbar zu sein. Die Nada will alle bis Anfang Juli nicht bearbeiteten Fälle öffentlich benennen. Mit dieser Ankündigung übt Baumert Druck auf die Verbände aus. Für die internationale Anti-Doping-Konferenz im Herbst in Madrid versprach Pound eine juristisch belastbare Definition für "missed tests", das schuldhafte Versäumen einer Kontrolle. Die Nada hat dazu gerade in Zusammenarbeit mit Justitiaren von Sportfachverbänden ein Papier erarbeitet, um Versäumnisse und Fehlinterpretationen der Vergangenheit zu vermeiden.

Bach lobte nach dem Berliner Treffen: "Ich weiß, dass die Nada eine gute Rolle spielt und spielen wird." Pound widersprach der Behauptung des italienischen Fachmanns Sandro Donati, der am Mittwoch im Sportausschuss des Deutschen Bundestages gesagt hatte, Dopingtests seien tot. "Die Tests sind besser denn je", behauptete nun Pound. "Während wir früher Jahre hinterher waren, beträgt die Lücke heute nur noch Monate und Wochen. Wir testen schlauer, wir haben Zielkontrollen."

Text: F.A.Z., 22.06.2007, Nr. 142 / Seite 32
Bildmaterial: REUTERS

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