Doping-Szene Deutschland

Kein Lohn für Sauberkeit

Von Evi Simeoni

Das gierige Erfolgsgeschäft verschlingt seine Sieger: Auch die Triathletin Nina Kraft

Das gierige Erfolgsgeschäft verschlingt seine Sieger: Auch die Triathletin Nina Kraft

29. März 2005 Wie gut, daß es die Nationale Anti-Doping-Agentur - kurz: Nada - gibt. Das sagen alle: die deutschen Spitzensportverbände, die lästige Fragen nach unsauberen Leistungen gleich bis in die ehrwürdige Residenz nach Bonn durchwinken können; das Nationale Olympische Komitee, das sich die Reinheit seiner Olympiamannschaft von der Nada bescheinigen lassen kann; die Athleten selbst, die auf Fragen nach medikamentöser Leistungssteigerung gerne auf das Kontrollsystem der Nada verweisen.

Und auch der für Sport zuständige Bundesinnenminister Otto Schily kann bei Fragen nach seiner Verantwortung für das Dopingproblem im deutschen Sport die fünf Millionen Euro ins Feld führen, die der Steuerzahler ins Stiftungskapital der Nada einbrachte. Eine wirklich praktische Einrichtung: Die Nada, die Nachfolgeorganisation der Anti-Doping-Kommission des deutschen Sports, ist für alle da.

Naturgemäße Schwächen

Doch sehen wir genauer hin: Ist die Nada wirklich in der Lage, das Dopingproblem in Deutschland wirksam zu bekämpfen? Der positive Aspekt: Ohne sie wäre es noch schlimmer. Die Leistungssportler könnten noch hemmungsloser dopen, als sie es ohnehin schon tun.

Doch die Nada leidet naturgemäß an den gleichen Schwächen, die das ganze, weltweite Anti-Doping-System behindern: Weil die Labore vieles nachweisen, aber nur selten gerichtsfeste Ergebnisse liefern können, ist ihr Kontrollsystem unzureichend. Die Nada ist zudem für ihre vielschichtigen Aufgaben, von Wettkampf- und Trainingskontrollen bis zur Prävention und zu der Einrichtung eines Schiedsgerichts, unterfinanziert und personell zu dünn ausgestattet.

Zu stark spezialisiert

Zieht man in Betracht, daß das Dopingproblem nicht nur im organisierten Sport besteht, sondern die Gesundheit und manchmal das Leben ungezählter Freizeitsportler gefährdet, ist die Nada viel zu stark spezialisiert.

Gerade einmal sechs Leute sollen dafür sorgen, daß im Milliardengeschäft mit dem Sport, das in vielen Bereichen geradezu eine Aufforderung zum Doping darstellt, wenigstens hierzulande alles mit rechten Dingen zugeht. Der Jahresetat der Nada beträgt 1,2 Millionen Euro, was weniger als einem Prozent des Geldes entspricht, das 2005 vom Innenministerium zur Förderung des deutschen Leistungssports ausgeschüttet wird.

Die deutsche Wirtschaft, die 2004 immerhin etwa 1,9 Milliarden Euro für Sportsponsoring ausgab, interessiert sich kaum für die Nada. Die Stiftung bekommt von lediglich drei Firmen, der Deutschen Bank, Adidas und der Deutschen Telekom, im gleichen Zeitraum 150.000 Euro. „Daß in einer reichen Sportnation wie der unseren nicht mehr Geld für den Anti-Doping-Kampf ausgegeben wird, ist traurig“, findet Nada-Geschäftsführer Roland Augustin.

Für Kritiker nur ein Feigenblatt

Da ist es kein Wunder, daß Kritiker diese Institution nur als ein Feigenblatt ansehen, in dessen Schatten die Hochleistungsfetischisten in Ruhe ihre leistungssteigernden Kuren planen können. Ein Alibi-Unternehmen, das die moralisch unangefochtene Fernsehunterhaltung sichert und den sportbegeisterten Deutschen den Glauben an ihre sauberen Radrennfahrer, Schwimmer, Leichtathleten und Skilangläufer bewahrt.

Die Bemühungen, das Übel zu bekämpfen, sind zwar deutlich erkennbar. Doch im Profisport, wo auch das professionelle Doping praktiziert wird, sind die Kontrolleure den Dopern trotz aller - auch vom Selbsterhaltungstrieb befeuerten - Bekenntnisse nicht gewachsen. Erwischt wird nur ein Sportler, der einen Fehler macht, der nicht weiß, wie man die gängigen Mittel „richtig“ anwendet oder verschleiert. Oder der - wie die erwischten Anabolikasünder von Athen - einem geheimgehaltenen Analysefortschritt aufsitzt. Doch solche Phänomene sind nur von kurzer Dauer.

„Zu blöd zum Dopen“

„Zu blöd zum Dopen“, sagen zum Beispiel Insider über die Triathletin Nina Kraft, die bei ihrem Sieg im vergangenen Jahr auf Hawaii mit dem Blutdopingmittel Erythropoietin (Epo) erwischt wurde. Sie ist - neben dem „Spanier“ Johann Mühlegg, der mit einem Epo-ähnlichen Wirkstoff erwischt wurde - die bisher einzige deutsche Person, die der Epo-Einnahme überführt wurde.

Niemand glaubt, daß dies daran liegt, daß in Deutschland kaum jemand Epo nimmt. Tatsächlich ist das Zeitfenster, innerhalb dessen man niedrig, aber wirksam dosiertes Epo mit dem anerkannten Urintest in gerichtsfesten Werten nachweisen kann, so klein, daß das übliche Vorgehen keinen gut informierten Doper schrecken dürfte - nach drei bis vier Tagen sind die Spuren verwischt, die biologische Wirkung allerdings hält an.

Zwar wurde vom Kölner Laborleiter Wilhelm Schänzer ein in Australien entwickelter, feinerer Test für den Herbst angekündigt. Er hat allerdings noch nicht die Zulassung des Internationalen Olympischen Komitees und ist für die nächsten Winterspiele in Turin noch nicht zu erwarten.

Gezieltere Tests

„Wir brauchen eine andere Vorgehensweise“, sagt Augustin deswegen. Man müsse in enger Zusammenarbeit mit den Verbänden die Blutparameter von Spitzenathleten einzeln erfassen, die Termine der Saisonhöhepunkte einbeziehen und dann gezielte Tests anberaumen. Zwar hat Augustin erfahren, daß der Internationale Radsportverband solche Daten bereits archiviert.

Andererseits ist gerade dieser Verband nicht dafür bekannt, die Vorgaben für effektive Tests besonders akribisch zu befolgen. So aber bewegen sich die Ergebnisse häufig in einer Grauzone und hätten vor Gericht keinen Bestand.

Ähnlich verhält es sich mit dem immer beliebter gewordenen Wachstumshormon (HGH), für das es zwar einen vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannten - allerdings noch nicht vor Gericht geprüften - Test gibt. Aber auch hier lassen sich nur mit großem Glück zuverlässige Werte feststellen. Weltweit wurde erst ein einziger Sünder mit Wachstumshormon erwischt. Das war der schusselige weißrussische Skilangläufer Denis Worobjew, der bei einer Dopingprobe aus Versehen eine Gürteltasche mit einer Ampulle Wachstumshormon liegenließ.

Freunde der Muskelmast

Und die altbewährten anabolen Steroide? Zwar wurde seit Anfang des Jahres der Grenzwert des Indikators für die Fremdzufuhr dieser Hormone, der Testosteron/Epitestosteron-Quotient, von 6:1 auf 4:1 gesenkt. Schon im DDR-Sport wurden allerdings Epitestosteron-Gaben dokumentiert, um den Quotienten der Testosteron-Einnahme anzupassen.

Ein relativ neues Isotopen-Verfahren läßt nur unter günstigen Bedingungen trotzdem den Nachweis der Hormon-Fremdzufuhr zu. Zudem haben aktuelle Versuche ergeben, daß zum Beispiel der Wirkstoff Testosteronproprionat in einem männlichen Organismus schon nach sechs Stunden abgebaut sein kann. Ein nettes Betthupferl für Freunde der Muskelmast, wenn man bedenkt, daß in der Regel nur bis 23 Uhr und wieder von sieben Uhr morgens an Trainingskontrolleure zur Urinabgabe bitten.

Verhängnisvolle Vorwarnzeiten

Den Problemen der Analytik nämlich gehen die Schwierigkeiten der Probenentnahme voraus, die von einer Münchner Firma im Auftrag der Nada ausgeführt wird. Verhängnisvolle Vorwarnzeiten, Athleten, die trotz Meldepflicht nicht angetroffen werden und der Verdacht, daß manche Sportler und Sportlerinnen mit mechanischen Hilfsmitteln trotz genauer Beobachtung Fremdurin abgeben, existieren auch in Deutschland.

Die technischen Mängel bei der Entnahme machen die Analyse von Dopingproben zu einem absurden Unternehmen. Es ist im übrigen fast unmöglich, zu erkennen, ob eine Frau Fremdurin abgibt. Lange, scharfe Fingernägel, mit denen im Körper versteckte Depots aufgeritzt werden könnten, erregen immerhin gelegentlich Verdacht.

Testprogramm eine Geldverschwendung?

Mit Stolz berichtet Augustin, daß die Nada jüngst im Auftrag des Internationalen Skiverbandes bei den nordischen Weltmeisterschaften in Oberstdorf ein beispielloses Testprogramm durchgeführt habe. Das Ergebnis: Kein einziger Dopingsünder wurde dingfest gemacht. Warum? Entweder waren, was nicht einmal mehr die Naivsten glauben, alle Teilnehmer sauber. Oder aber der nordische Skisport ist so professionell geworden, daß kein Doper mehr einen Fehler macht.

Ist ein solches Testprogramm also reine Geldverschwendung? Augustin glaubt daran, daß die Dopingbekämpfer „heimlich still und leise“ Fortschritte erzielen können. „Viele kleine Schritte“, führt er an, „ergeben auch einen langen Weg.“

Doch selbst wenn es, was zu bezweifeln ist, eines Tages zuverlässige Tests gäbe, führte das nicht zu einer Lösung des Problems. Es hilft nicht weiter, wenn lediglich einzelne Sportler auf unverhältnismäßige Weise an den Pranger gestellt werden, während das System rund um Trainer, Mediziner und Funktionäre unbehelligt weiterarbeiten kann.

Negatives Anreizsystem

Dazu gehört auch das negative Anreizsystem des Staates und der Medien. Der Innenminister belohnt trotz eines Bekenntnisses zum Anti-Doping-Kampf nur Spitzenplazierungen und nicht etwa die nachweisliche Sauberkeit von Leistungen. Zahlende mediale Rechteinhaber und werbende Sponsoren fordern Erfolge ein, nicht etwa moralisch anerkennenswerte Niederlagen. Zumal der Wille zum Sieg die wichtigste Motivation für Leistungssportler darstellt und nicht etwa die Integrität der Persönlichkeit.

Nicht nur im Hochleistungssport, auch im Kinder- und Seniorensport, unter Polizisten und Türstehern, bei Schülern und Freizeitsportlern existiert das Dopingproblem. Das legen Nachrichten über einen umfangreichen Schwarzmarkt ebenso nahe wie alarmierende Untersuchungen etwa aus Italien und den Vereinigten Staaten. Mißbrauch von Nahrungsergänzungsmitteln und von Anabolika gehören in manchen gesellschaftlichen Gruppen längst zum Alltag.

Broschüren für Jugendliche

Zwar wurden rund 200 von den 4417 Trainingstests, die die Nada im vergangenen Jahr vornahm, von Junioren- und Jugendsportlern genommen. Doch in der Gesellschaft, außerhalb des organisierten Sports, darf naturgemäß nicht getestet werden. Immerhin wird die Nada mit Hilfe von 400.000 zusätzlichen Euro aus dem Bundeshaushalt in diesem Jahr ein Präventionsprogramm starten, das eine Broschüre für Jugendliche sowie ein Fortbildungsmodul für Trainer umfaßt.

Eine Telefonberatung nach französischem Vorbild - eigentlich die dringlichste Maßnahme - kann nicht noch dauerhaft finanziell abgesichert werden. Die wahrscheinlich einzige und letzte Chance des Anti-Doping-Kampfes, die Aufklärung und Prävention, soll so wenigstens ein Stück aus dem Schatten des jahrzehntelang hochgerüsteten biochemischen Hase-und-Igel-Spiels treten.

Text: F.A.Z., 29.03.2005, Nr. 72 / Seite 32
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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