Nicolas Kiefer im Interview

„Wir Tennisprofis leben in einer Traumwelt“

14. Januar 2008 Tennisprofi Nicolas Kiefer im Interview über seine neue Berufseinstellung als Jungsenior, Drecksarbeit, seine alte Liebe zu den Australian Open und den ewigen Traum von Olympia.

Ihr liebster Fußballklub überwintert in der Bundesliga auf Tabellenplatz sieben. Was glauben Sie, wo steht Hannover 96 am Saisonende?

Wenn es so bleibt wie jetzt, würde ich mich über eine Uefa-Pokal-Teilnahme sehr freuen.

Und Sie, nach Ihrer langwierigen Handverletzung und jüngst dem Bänderriss, wo wollen Sie Ende des Jahres stehen?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Mein Ziel ist es nicht mehr, nach irgendwelchen Ranglistenplätzen zu gehen. Ich bin zufrieden, wenn ich morgens aufwache und merke, dass meine Knochen in Ordnung sind, dass ich wieder über Tage und Wochen hundert Prozent geben kann. Ich schaue nicht mehr jede Woche wie ein Verrückter auf die Rangliste, um zu sehen, wo ich stehe. Ich weiß ganz genau, wenn ich mein Spiel gut spiele, dann muss ich mir keine Gedanken machen. Und wenn ich nicht gut spiele, dann habe ich den Erfolg auch nicht verdient.

Dann hat sich Ihre Einstellung aber verändert im Laufe der Jahre als Tennisprofi.

Auf jeden Fall, aber im positiven Sinne. Früher habe ich mir mehr Stress gemacht, habe gehadert und mich gefragt: Warum stehe ich jetzt dort, ich müsste doch weiter oben stehen! Warum steht derjenige Spieler dort, obwohl ich doch viel besser bin als er! Dieses Denken bringt doch nichts. Man muss einfach nur gut spielen. Mehr als das Beste geben kann man nicht.

Derzeit stehen Sie in der Weltrangliste auf Platz 43. Aber wenn Sie die Rangliste nicht interessiert - worauf arbeiten sie hin?

Es ist mein Ziel, auch die Spieler Federer, Nadal und Djokovic zu schlagen, ganz klar. Ich messe mich aber mehr mit denen, die in der Weltrangliste dahinter kommen, von Nummer vier abwärts. Dass das möglich ist, habe ich Ende letzter Saison gezeigt, als ich den Top-Ten-Spieler Gonzalez geschlagen habe, obwohl ich zuvor erst wenig trainiert hatte. Es ist natürlich schön und gut, wenn ich einen der großen drei schlage. Aber um zu beweisen, dass ich mit denen mithalten kann, muss es öfter passieren als einmal im Jahr.

Ist es schwerer, in der heutigen Federer-Ära ein Turnier zu gewinnen als damals, als Sie Ihre Karriere begannen?

Ich glaube schon, denn das Spiel ist noch kompletter geworden. Man sieht ja, dass fast jeder jeden schlagen kann an jedem Tag. Als ich angefangen habe, haben Sampras, Agassi, Kafelnikow das Herrentennis beherrscht, jetzt sind es eben Federer, Nadal und Djokovic. Aber diese Duelle sind Momente, für die man trainiert. Das ist ein zusätzlicher Anreiz.

Bei Ihrer letzten Australian-Open-Teilnahme vor zwei Jahren standen Sie im Halbfinale. Wie sehr trauern Sie Ihren früher verpassten Chancen hinterher?

Die Zeiten kann man nicht so richtig vergleichen. Die Australian Open damals waren mein bestes Grand-Slam-Turnier, da habe ich erst gegen Roger Federer verloren. Ich kann aber wenig hinterhertrauern, weil nie die ganz großen Chancen da waren, mal noch näher ranzukommen.

Erinnern Sie sich noch an den letzten Ihrer sechs Turniersiege?

Ich habe keine Ahnung, wann das war. In Hongkong wahrscheinlich, oder?

Genau. Im Oktober 2000, gegen Mark Philippoussis im Finale.

Ja, genau. Das ist schon ein bisschen her.

Was hat sich für Sie geändert in den mehr als sieben Jahren?

Zum damaligen Zeitpunkt war ich noch etwas neuer auf der Tour. Da wussten die Leute noch nicht so, wie ich spiele. Mittlerweile wissen es die meisten, obwohl ich daran arbeite, immer wieder neue Spielzüge zu erarbeiten und neue Sachen aus meinem Spiel herauszukitzeln. Als Mensch bin ich reifer geworden, sehe alles lockerer und entspannter. Ich arbeite Tennis nicht mehr so viel, sondern genieße die Momente viel mehr, in denen ich auf dem Platz stehe. Gerade nach meiner Handgelenkverletzung sehe ich jetzt alles als Bonus, als Geschenk.

Mit dreißig Jahren gehören Sie quasi zu den Jungsenioren auf der Tour. Wie sehr spüren Sie Ihr Alter?

Ich fühle mich immer noch jung. Solange die Knochen halten, solange es mir Spaß macht und ich Ehrgeiz entwickle, so lange werde ich es machen. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, die Liebe zum Sport ist da, deshalb genieße ich die Momente. Ich weiß, wofür ich arbeite.

Wie schaffen Sie den Spagat, einerseits großen Spaß am Spiel zu spüren, andererseits aber Rücksicht auf Ihren Körper nehmen zu müssen?

Das ist wirklich nicht einfach. Wenn ich gut spiele, will ich eigentlich immer weiter spielen. Aber es ist besser, auch mal einen Schritt nach hinten zu machen, damit ich anschließend wieder zwei nach vorne machen kann. Ich habe gemerkt, wie wichtig Pausen sind, damit der Körper sich erholt. Nachdem ich ein Jahr kein Wettkampftennis gespielt hatte, ging es schnell wieder los - von null auf hundert. Ich war zwar vorbereitet, aber wenn man im Wettkampf drin ist, ist es eine völlig andere Sache. Ich habe in den vergangenen Monaten viel an der körperlichen Fitness gearbeitet; daran, was wir "Drecksarbeit" nennen und wobei man den Schweinehund überwinden muss. Die Fitness war immer mein Bonus und wird auch in diesem Jahr mein Bonus sein.

Die Saison hat aber nicht gut begonnen. Bei der Vorbereitung in Thailand zogen Sie sich vor vier Wochen einen Bänderriss im Sprunggelenk zu, beim Turnier in Doha mussten Sie verletzt aufgeben. Was erwarten Sie von sich bei den Australian Open?

Melbourne gehört zu meinen Lieblingsturnieren. Aber es gehört etwas Glück bei der Auslosung dazu. Ich bin bei großen Turnieren nicht gesetzt, deshalb werde ich darauf hinarbeiten, es so schnell wie möglich wieder zu schaffen. Das sind immer enorme Strapazen, und deshalb werde ich versuchen, mich mehr auf die großen Turniere zu konzentrieren.

Haben Sie in Ihrem Turnierplan auch den Davis Cup in Februar vorgesehen?

Ich würde mich über einen Einsatz freuen, aber die Entscheidung liegt bei Patrik Kühnen als Teamchef. Wir haben letztes Jahr gesehen, dass es möglich war, ins Finale zu kommen. Aber das Halbfinale ist etwas unglücklich gelaufen. Die Möglichkeit ist 2008 wieder da. Wir haben eine gute Auslosung, in Braunschweig gegen Südkorea. Da kann man einen neuen Startschuss setzen. Träume sind dazu da, dass sie irgendwann erfüllt werden.

Ein anderer Traum von Ihnen sind die Olympischen Spiele in Peking. Vor vier Jahren in Athen haben Sie mit Rainer Schüttler die Silbermedaille im Doppel gewonnen. Warum hat Olympia für Sie, im Gegensatz zu manch anderen Tennisprofis, so eine große Bedeutung?

Bei meinen beiden Teilnahmen in Sydney und Athen habe ich erkannt, wie wichtig Olympische Spiele und ein Medaillengewinn wirklich sind. Auf der Tennistour haben wir das ganze Jahr über ein Luxusleben. Wir wohnen in den besten Hotels, wenn wir irgendetwas brauchen, dann stehen die Autos vor der Tür, und uns wird alles abgenommen. Bei Olympia ist alles ganz anders. Wir wohnen dort in einem Haus mit zehn, fünfzehn Sportlern, und es gibt nur ein Badezimmer. Da stehen auch keine Autos vor der Tür, sondern Pendelbusse, mit denen man in die Mensa fährt. Das ganze Jahr sind wir Tennisspieler unter uns, darum genieße ich es, bei Olympia Freundschaften aufzubauen, anderen Sportlern über die Schulter zu gucken und zu sehen, wie die leben und was die frühstücken.

Das klingt nach einem Lob der Bescheidenheit. Tennisprofi oder Alltag als Privatmann - was ist das wahre Leben für Sie?

Auf jeden Fall nicht das, was ich als Tennisprofi führe. Das ist eine Traumwelt. Deshalb bin ich froh, wenn ich wieder zu Hause bin und mich um alle die Dinge kümmern muss, die für andere Menschen völlig normal sind: einkaufen, zur Post gehen und Briefe aufgeben. Vor allem mache ich viel mit der Aktion "Kindertraum". Es macht mir viel Spaß, mit den kranken oder behinderten Kindern zu arbeiten, da ist eine kleine Freundschaft entstanden. Das eine Jahr Zwangspause hat mir persönlich viel Positives gebracht. Deshalb versuche ich mit meiner Geschichte ein Vorbild zu sein für jene, die derzeit vielleicht ähnliche körperliche und private Probleme haben. Es heißt ja völlig zu Recht: Wer nicht aufgibt, der schafft es auch - wenn man an sich glaubt und Disziplin hat.

Das Gespräch führte Thomas Klemm.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AP, Reuters

 
07:30

Golf: KLM Open
2. Runde 

10:00

Formel 1: GP von Europa
Training 1 

14:00

Formel 1: GP von Europa
Training 2 

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