Team Columbia

Grünes Trikot und schwarze Schafe

Von Rainer Seele, La Grande Motte

06. Juli 2009 An dunklen Gedanken wird es wohl nicht fehlen, da ist Tony Martin sich sicher. Wer so erfolgreich ist wie das Team Columbia, muss sich damit auseinandersetzen, Martin macht sich da nichts vor. „Ich will nicht wissen“, sagt der 24 Jahre alte Radprofi, „wie viele Verdächtigungen es gegen uns gibt.“ Seine Mannschaft hat immerhin bereits mehr als vier Dutzend Siege in dieser Saison errungen, gerade ist ihr auch bei der Tour de France dank des Sprinters Mark Cavendish schon der zweite Coup gelungen.

Am Montag gewann der Brite auch die dritte Etappe bei dieser 96. Rundfahrt durch Frankreich. Nach fünf Stunden, einer Minute und 24 Sekunden Fahrzeit entschied er die 196,5 Kilometer lange Etappe von Marseille nach La Grande-Motte im Massensprint mit einer Radlänge Abstand vor dem Norweger Thor Hushovd und Cyril Lemoine aus Frankreich für sich. Der Schweizer Fabian Cancellara verteidigte sein Gelbes Trikot. Tony Martin rückte mit 33 Sekunden Rückstand auf den zweiten Platz der Gesamtwertung vor. Auf Rang drei folgt schon Lance Armstrong, der ebenfalls zur Ausreißergruppe um Cavendish und Martin gehörte und auf andere Sieganwärter 41 Sekunden Boden gut machte. (siehe: Tour de France: Ist Armstrong schon wieder der Patron?)

Als Seriensieger grüßt: Mark Cavendish
Als Seriensieger grüßt: Mark Cavendish

So tritt das Team Columbia sehr forsch auf in diesen Tagen

Cavendish, genauso alt wie sein deutscher Kollege Martin, gilt als eine Ausnahmeerscheinung auf flachem Terrain, er hatte das bereits bei der Tour 2008 bewiesen. Da hatte er, gewissermaßen wie ein Blitz, vier Etappen für sich entschieden. Auch Martin, der aus Cottbus stammt, war unlängst in Erscheinung getreten als Zweiter der Tour de Suisse; dabei hatte er auch mit neuer Stärke in den Bergen verblüfft, obwohl doch seine herausragenden Qualitäten eher im Zeitfahren liegen.

So tritt das Team Columbia, das aus der aufgelösten T-Mobile-Gemeinschaft hervorgegangen ist, sehr forsch auf in diesen Tagen, es macht sich auch Hoffnungen für das Teamzeitfahren an diesem Dienstag in Montpellier – und Martin trägt dabei das Weiße Trikot für den besten Jungprofi, das er am Montag erobert hat. Natürlich lässt der aufstrebende Radrennfahrer, der inzwischen in Eschborn bei Frankfurt lebt, nichts auf seinen Rennstall kommen, der sich ohnehin eines rigiden Anti-Doping-Programms rühmt. Martin ist sogar der Überzeugung, dass die Zahl der „schwarzen Schafe“ im Peloton grundsätzlich abgenommen hat.

Er sei da recht zuversichtlich, sagt er, und spricht von einem Umdenken bei den Radprofis. Der Deutsche führt den vermeintlichen Wandel nicht zuletzt auf die Einführung des biologischen Passes zurück, „er macht das Doping schwerer“. Dass ein ehemaliger Profi wie Jörg Jaksche der Branche immer noch ein sehr schlechtes Zeugnis ausstellt, mag Martin nicht verstehen, er unterstellt dem Dopingkronzeugen aus Ansbach Profilierungsdrang. Die Vermutung Jaksches, dass der Tour-Sieger 2009 gedopt sein werde, bezeichnet der Eschborner als „totalen Blödsinn“. Jaksche gehöre schließlich nicht mehr der Zunft an, „er weiß gar nicht, was jetzt abgeht“. Somit rät er dem Franken, sich mit Äußerungen zurückzuhalten: „Er soll uns die Chance lassen, den Radsport wiederaufzubauen.“

Cavendish hört offensichtlich auf Zabel

Zumindest wird das Metier derzeit auch durch das Team Columbia geprägt; bei der Tour hatte es am Sonntagabend nach der rasenden Fahrt von Cavendish das Grüne Trikot als zusätzlichen Lohn gegeben, das er am Montag durch seinen neuerlichen Etappensieg verteidigte. Erik Zabel findet, dass der Brite den Sprint auf ein „neues Niveau“ gebracht habe, der Berliner ist überhaupt sehr angetan von Cavendish. Zabel, einst selbst ein exzellenter Sprinter, zählt zum Betreuerstab von Columbia, er sei dort, sagt er, „für die Entwicklung der jungen Fahrer zuständig“. Also kümmert er sich auch um Cavendish, dem er beim Frühjahrsklassiker Mailand – San Remo ebenfalls zur Seite gestanden hatte. Und sich sicherlich ein bisschen am Triumph des Mannes von der Ilse of Man beteiligt gefühlt haben dürfte.

Der Altmeister, der nicht lange nach seinem Doping-Geständnis seine Karriere beendete, lobt den „phantastischen Antritt“ des Briten. Wie er das Tempo forcieren könne, „ist unglaublich“. Am Sonntag in Brignoles hatte die Konkurrenz die Dominanz von Cavendish wieder deutlich zu spüren bekommen; sein finaler Kraftakt, bestens vorbereitet von seinen Mitstreitern, mutete fast wie ein Kinderspiel an. „Es ist schwer, ihn zu schlagen“, sagt Zabel, der trotzdem noch einige Erfahrungen an den Briten weitergeben kann, schließlich kennt er alle Kniffe des Metiers. Cavendish hört offensichtlich auch auf seinen deutschen Ratgeber. Er sei wissbegierig, sagt Zabel, „es ist sehr angenehm, mit ihm zu arbeiten“.

Martin hat abgespeckt für die Anstiege

Längst ist der schnelle Cavendish ein umworbener Mann, obwohl er beim Team Columbia bis 2011 unter Vertrag steht. In seiner Heimat soll eine Equipe namens Sky gegründet werden, Cavendish wäre dort hochwillkommen. An Geld scheint es den Briten nicht zu mangeln, für einen Vier-Jahres-Plan stehen angeblich mehr als 30 Millionen Euro zur Verfügung. Doch der Chef des Teams Columbia, Bob Stapleton, will seine flotte Galionsfigur auf keinen Fall ziehen lassen. Cavendish scheint schließlich noch eine größere Rendite zu versprechen.

Vermutlich trifft das auch auf den Polizeimeister Martin zu, den anderen Vertreter der jungen Garde bei Columbia, den mancher schon mit Jan Ullrich verglichen hat (siehe: Radprofi Tony Martin: Einer wie Jan Ullrich – nur anders ) – das Talent betreffend, versteht sich. Martin mag sich darauf nicht einlassen, er betont, seinen eigenen Weg gehen müssen. Der Eschborner hat gerade ein wenig abgespeckt, er wiegt jetzt 76 Kilogramm; das soll helfen, die Anstiege leichter zu bewältigen. In der Schweiz hatte sich das schon ausgezahlt. Zudem findet Martin, dass die Anforderungen auch im vergangenen Jahr ihn stabiler haben werden lassen, „man wächst mit den Aufgaben“. Der Körper habe sich umgestellt, sagt er und weist gleich noch auf einen weiteren Fortschritt hin: „Ich bin im Kopf stärker geworden.“ Dafür dürfte er sich kaum rechtfertigen müssen.

Wirkte wie ein Kinderspiel: Cavendishs (l.) Sprint in Brignoles
Wirkte wie ein Kinderspiel: Cavendishs (l.) Sprint in Brignoles

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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