Ines Geipel im Interview

„Im Sport herrscht Krieg“

01. Februar 2006 Die frühere DDR-Sprinterin Ines Geipel hat den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) wegen seines Vorgehens im Fall Thomas Springstein massiv angegriffen. „Eine derart zögerliche Reaktion auf eine neue Realität zeigt: Der DLV ist absolut hinter der Zeit. Warten und Glauben hilft hier nicht weiter. Im Sport herrscht Krieg, und wenn man den totalen Ruin dieses Bereichs von der Gesellschaft noch abwenden will, muß man die Strategien wechseln, und zwar sofort“, sagte die Berliner Professorin Ines Geipel in einem Interview mit der „Stuttgarter Zeitung“.

Die 45 Jahre alte Geipel will ihren 4 x 100-Meter-Weltrekord (42,20 Sekunden) für Vereinsstaffeln, den sie 1984 zusammen mit Bärbel Wöckel, Ingrid Auerswald und Marlies Göhr aufgestellt hatte, streichen lassen. Deshalb überprüft der DLV derzeit seine Rekorde. Bei Springstein, der sich derzeit vor dem Magdeburger Amtsgericht wegen angeblichen Minderjährigen-Dopings verantworten muß und nun auch noch unter den Verdacht des Gendopings geraten ist (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Das Zeitalter des Gendopings hat begonnen), sieht Geipel das Indiz für eine völlig neue Ära.

„Die Pest an Bord“

„Der Stoff Repoxygen, von dem Springstein in seinen Mails spricht, arbeitet anders - anders als die klassischen Dopingmittel - für immer im Körper weiter und läßt sich nicht mehr stoppen.“ Der DLV müsse deshalb reagieren, forderte die frühere Leichtathletin: „Wenn er wieder einfach abwartet, kann das tödliche Folgen für den Einzelnen, aber auch für den Sport generell haben.“

Kein Verständnis hat Geipel für die Ankündigung des Verbandspräsidenten Clemens Prokop, das Verfahren gegen Springstein aufmerksam zu verfolgen und nach dessen Abschluß angemessen darauf zu reagieren. Prokops Gelassenheit, so Geipel weiter, werde durch die Skrupellosigkeit der Gegenseite mühelos überlaufen. „Läßt er das einfach zu, stellt sich schon die Frage: Ist dieser Verband naiv oder korrupt?“, sagte sie in dem Interview.

Wegen Springstein gebe es eine neue Situation in den Gesprächen mit dem DLV über die Rekorde. „Schließlich haben wir die Pest an Bord“, meinte Geipel. Seit Monaten sichtet der DLV Akten über die Dopingvergangenheit. Wie Prokop am Dienstag angekündigt hatte, könnte es am Ende dieses Prüfungsprozesses zu einer Löschung aller deutschen Rekorde kommen. Dies wäre nicht nur eine juristische Frage, sondern vor allem eine sportpolitische Entscheidung.

Prokop: Mit Gendoping überfordert

Unterdessen verlangte Prokop, Gendoping unter Strafe zu stellen. „Wir brauchen eine Verschärfung der Gesetze. Gendoping und der Besitz von Gendoping-Mitteln muß gesetzlich bestraft werden“, sagte Prokop am Mittwoch. In einem am vergangenen Montag aufgegebenen Schreiben an Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, Bundesjustizministerin Brigitte Zypries und die sportpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen hat er diese Forderung erhoben.

„Die Sportverbände sind mit der Dimension Gendoping in vielerlei Hinsicht überfordert. Sie können es nicht alleine schaffen“, sagte Prokop. „Entscheidender Knackpunkt sind die Trainer. Wir können gegen sie nichts unternehmen, wenn sie nicht beim Verband angestellt sind“, meinte der Leiter des Amtsgerichts in Kelheim. Außerdem haben die Verbände nicht die Möglichkeit, Ermittlungen und Befragungen vorzunehmen wie staatliche Organe. „Die Sportverbände haben diese Zwangsmöglichkeiten nicht“, so Prokop.
Nach seiner Vorstellung sollten Gendoping-Mittel wie das in einer Springstein-Mail genannte Repoxygen in die Verbotsliste des Betäubungsmittelgesetzes aufgenommen werden.



Text: FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche